Interview mit Caritas-Expertin:

"In Kassel wurde Großes geleistet": Flüchtlingsberatung hat so viel zu tun wie in Hochphase der Zuwanderung

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Hilfe beim Ankommen in Deutschland: Caritas-Mitarbeiter Bernd Schulz berät Hadeya Atko Kheder, die aus dem Irak stammt. 

Vor fünf Jahren begannen die Zahlen neu ankommender Asylbewerber auch in Kassel stark zu steigen. Wir sprachen mit Hilla Zavelberg-Simon von der Caritas über die heutige Situation.

Kassel -  Im Büro von Hilla Zavelberg-Simon im Kolping-Haus in der Innenstadt steht neben dem Schreibtisch ein breites Sofa. Dort hat die Leiterin des Migrationsdienstes der Caritas während der Hochphase der Flüchtlingszuwanderung mitunter ein Power-Nickerchen gemacht, wenn der Arbeitstag auch mal bis 22 Uhr ging.

Zum Jahresende schließt die Stadt weitere Gemeinschaftsunterkünfte, man hat den Eindruck, das Thema Flüchtlinge ist im Wesentlichen erledigt. Ist das so?

Wir erleben es auch so, dass in der öffentlichen Wahrnehmung das Thema als abgehakt gilt. Bei uns sind die Beratungszahlen aber nahezu unverändert hoch. Etwa 250 Menschen pro Woche nutzen unsere Sprechzeiten in den Räumen der Caritas oder direkt in den Gemeinschaftsunterkünften. Viele davon sind nicht mehr Asylbewerber, sondern haben bereits einen Aufenthaltsstatus. Aber der Hintergrund ist immer noch Flucht. Jetzt ist die zweite Luft gefragt. Als Faustregel gilt, dass es mindestens fünf Jahre braucht, bis Zuwanderer richtig angekommen sind.

Welche Themen stehen dabei jetzt an?

In der Phase der extrem hohen Zuwanderungszahlen 2015/2016 ging es zunächst einmal um die grundlegenden Dinge: ein Dach über dem Kopf, Essen, Kleidung und das Nötigste zum Leben. Jetzt geht es viel um Fragen sozialer Transferleistungen, Bildung, Ausbildung und Arbeit. Das erfordert eine viel intensivere individuelle Betreuung.

In welchen Bereichen sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Ein wichtiges Thema ist es, Frauen und insbesondere Müttern mit kleinen Kindern Zugang zu Sprachkursen sowie zu Ausbildung und Arbeit zu vermitteln. Die Frauen kümmern sich häufig zuhause um die Familie, ihr Weg nach draußen ist erschwert. Dadurch haben sie weniger Sprachpraxis und auch die Vermittlung allgemeinen Wissens über das Leben in Deutschland ist schwieriger. Deshalb geht es einerseits darum, Kinderbetreuung anzubieten, und andererseits eine engmaschige Betreuung für die Frauen. Wichtig ist es dabei, Netzwerke zwischen verschiedenen beteiligten Institutionen aufzubauen wie etwa Jobcenter, Ausländer- und Sozialamt, Migrationsberatung und Sprachkursanbietern.

Welche Rolle spielen die Erfahrungen, die die Menschen auf der Flucht gemacht haben, in den Beratungsgesprächen?

Wir beobachten, dass bei vielen Menschen, die in der Phase der hohen Zuwanderung gekommen sind, jetzt psychische Belastungssyndrome zutage treten. Nach den Herausforderungen der ersten Monate und Jahre kommen sie zur Ruhe – und dann erst meldet sich die Psyche. Die Menschen haben Folter, Vergewaltigung oder Todesangst erlebt und viele auch Familienangehörige auf der Flucht verloren. Bei Kindern äußern sich solche Traumatisierungen häufig in Konzentrationsstörungen, die dann in der Schule oder Kita auffallen. Erwachsene haben mitunter auch Schwierigkeiten, länger an etwas dranzubleiben, leiden unter Schlafstörungen bis hin zu Depressionen.

Wie erleben die Flüchtlinge den Neuanfang hier?

Hilla Zavelberg-Simon

Da ist natürlich einerseits die Dankbarkeit, in Sicherheit zu sein. Andererseits sind die ersten Monate und Jahre sehr schwer für die Menschen. Sie müssen sich vorstellen, dass die meisten Geflüchteten in ihren Herkunftsländern ein selbstständiges Leben geführt haben. Sie müssen nun ganz von vorn anfangen, in einer fremden Kultur. Das ist eine Riesenherausforderung. Oft ist ja die Rede von Wirtschaftsflüchtlingen. Aber wenn Familienväter hier unbedingt Geld verdienen wollen, dann deshalb, weil sie schnell aus den Transferleistungen herauswollen.

In der Hochphase der Zuwanderung lief vieles improvisiert, manchmal chaotisch. Wie funktionieren die Integrationsangebote heute?

Es hat sich vieles verbessert und vieles ist genauer geregelt. Unter anderem die Anerkennung beruflicher Qualifikationen, wobei in den meisten Fällen eine Anschlussqualifizierung an deutsche Berufsstandards nötig ist. Es gibt inzwischen viele Angebote und Qualifizierungsprogramme, aber das ist ein schwer durchschaubarer Dschungel. Unser Job ist es, die Menschen dabei zu begleiten, ihre Wege zu finden.

Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Wie wirkt sich das auf Flüchtlinge aus?

Auch für sie wird es schwerer, Wohnungen zu finden. Dadurch steigt die Verweildauer in den Gemeinschaftsunterkünften. Es gibt Menschen, die dort zwei oder drei Jahre leben, weil sie keine Wohnung finden. Wir bieten Unterstützung bei der Suche an, das wird sehr stark nachgefragt. Generell gibt es eine große Offenheit bei Wohnungsbaugesellschaften, an Flüchtlinge zu vermieten. Aber es ist einfach zu wenig Wohnraum da.

In der Anfangsphase der hohen Zuwanderung gab es ein riesiges ehrenamtliches Engagement. Ist das heute abgeebbt?

Erfreulicherweise gibt es nach wie vor eine große Hilfsbereitschaft. In unserem Ehrenamtspool hatten wir zu Hochzeiten 450 Leute, heute sind es immer noch 350. Ob Fahrradwerkstatt, Kleiderkammer, persönliche Patenschaften oder Konversationskurs: Es gibt viele Projekte, die es ohne dieses Engagement nicht gäbe. In Kassel wurden und werden großartige Dinge für geflüchtete Menschen geleistet. Alle, von den Behörden über hauptamtliche Mitarbeiter bis zu Ehrenamtlichen, haben an einem Strang gezogen. Das ist nicht selbstverständlich.

Es gibt aber auch viel Skepsis und Ablehnung von Einheimischen gegenüber Geflüchteten.

Die bunte Gesellschaft, die wir haben, finde ich gut, aber sie ist auch eine Herausforderung. Rechtspopulistischen Parolen muss man immer wieder Aufklärung gegenüberstellen und vor allem Angebote machen, wo Menschen sich wirklich begegnen und miteinander reden. Das hört sich so einfach an, ist es aber nicht. Nur im direkten Kontakt bauen sich Vorurteile und Rassismus ab. Diese Erfahrung machen wir immer wieder.

In Kassel und anderswo steigt die Zahl der Messerstechereien. Das wird auch auf Migranten zurückgeführt. Was sagen Sie Menschen, die Angst haben?

Das muss man natürlich ernst nehmen. Ich kann verstehen, wenn einem mulmig wird, wenn man im Dunkeln einer Gruppe junger Männer begegnet. Aber in unserer Arbeit machen wir mit der weitaus überwiegenden Zahl der Menschen gute Erfahrungen. Sie unterscheiden sich nicht vom deutschen Durchschnitt. Das Absinken der Hemmschwellen und eine steigende Aggression beobachte ich in breiten Gesellschaftsschichten. Natürlich gibt es das auch unter Migranten, aber eben auch unter Einheimischen. Gegen Gewaltpotenziale müssen wir angehen, egal, aus welcher Ecke sie kommen. Aber es tut uns allen nicht gut, in Rastern zu denken.

Zur Person: Hilla Zavelberg-Simon

Hilla Zavelberg-Simon leitet den Migrationsdienst des Caritasverbands Nordhessen, dem insgesamt 40 Mitarbeiter angehören. Die Sozialpädagogin arbeitet seit fast 30 Jahren bei der Caritas, zunächst als Beraterin im Jugendmigrationsdienst, seit 2002 in der Leitungsfunktion. Die 55-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Warburg (Kreis Höxter).

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