92-Jährige lässt sich nicht impfen

Heilkraut gegen Corona: Frau aus Kassel glaubt an angebliche Wunderpflanze

Hannelore Klabes pflanzt in ihrem Garten in Kassel-Wilhelmshöhe die Heilpflanze Artemisia annua an.
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Für sie ist es ein „natürliches Antibiotikum“: Hannelore Klabes pflanzt in ihrem Garten in Wilhelmshöhe die Heilpflanze Artemisia annua an. Für ihr Engagement in der Entwicklungshilfe erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Hannelore Klabes aus Kassel schwört auf die angebliche Wunderpflanze Artemisia annua, die auch gegen Corona helfen soll. Darum lässt sich die Kasselerin nicht impfen.

Kassel – Vielleicht ist Hannelore Klabes die älteste Youtuberin Deutschlands. Zwei Dutzend Videos hat die 92-Jährige seit 2015 auf der Video-Plattform hochgeladen. Alle handeln von der chinesischen Heilpflanze Artemisia annua, mit der die Kasselerin seit Jahrzehnten in Afrika gegen Malaria kämpft. Für ihre Entwicklungsarbeit hat Klabes das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Es ist ihre Lebensaufgabe, wie sie sagt. Nun soll der einjährige Beifuß, wie die Pflanze auf Deutsch heißt, nach Meinung einzelner Forscher angeblich auch gegen Corona helfen. Auch deswegen lassen sich Klabes und ihr Mann nicht gegen Covid impfen. Seitdem sie regelmäßig Artemisia-Tee trinke, habe sie keine Grippe mehr gehabt, ihre Arthrose schmerze nicht mehr, und bei Corona ist sie sich sicher: „Mein Immunsystem lässt das Virus nicht rein. Artemisia ist wie ein natürliches Antibiotikum.“ Was sie vergisst: Antibiotika wirken nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren.

Corona: Frau aus Kassel lässt sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen

Von ihrer Überzeugung lässt sich Klabes nicht abbringen. Man kann ihr Statistiken über die Gefährlichkeit des Virus zeigen, ihr erklären, dass vor allem Ältere und Ungeimpfte auf den Intensivstationen um ihr Leben ringen, dass geplante Operationen wegen der Überlastung verschoben werden müssen und dass Impfen deswegen nicht nur ein Schutz für einen selbst ist, sondern auch ein dringend notwendiger Akt der Solidarität. „Was Politiker sagen, interessiert mich nicht. Ich habe einen Verstand und einen freien Willen“, sagt Klabes und lächelt dabei freundlich.

Als es noch keine Pandemie gab, hat sich die gebürtige Bochumerin mit dieser Einstellung viel Anerkennung verschafft. Wegen ihres afrikanischen Patenkinds reiste die ehemalige Gewerbelehrerin, die an der Kasseler Volkshochschule Hauswirtschaftskurse gab, in den 1980er-Jahren nach Burundi und lebte dann zehn Jahre in dem vom Bürgerkrieg geschundenen Land.

Hannelore Klabes (92) aus Kassel ist auf Youtube aktiv

Klabes leitete eine Schwesternschule, baute Behindertenzentren auf und half den Menschen, sich selbst zu helfen. Die Einheimischen nannten sie „unsere Oma aus Deutschland“. Auch davon erzählt sie in ihren Youtube-Videos, die sie schon mal bis zwei Uhr nachts an ihrem Computer bastelt. Ihr Sohn hatte ihr einst zwei Bücher mitgebracht: Computer für Senioren. Damit brachte sich die vierfache Mutter, die sieben Enkel und sechs Urenkel hat, alles selbst bei. Sie hat eine Webseite (artemisiafrau.de), und nebenbei schreibt sie gerade an ihrem fünften Buch.

Auch darin wird es um die angebliche Wunderpflanze Artemisia annua gehen, die in der Pandemie Schlagzeilen macht. So verbreitete sich von Madagaskar aus ein Trunk namens „Covid-Organics“, der wegen der Beifuß-Extrakte gegen Corona helfen soll. Selbst der Präsident des Inselstaats bewarb ihn.

Corona-Studie zu Artemisia annua

Und in Deutschland stellten Forscher um Peter Seeberger vom Potsdamer Max-Planck-Institut bei Experimenten mit Sars-CoV-2 „immunmodulierende Effekte“ von Beifuß-Extrakten fest. Kritiker nannten die Untersuchung jedoch „pikant“, da Seeberger auch an der Firma Artemi Life beteiligt ist, die eben Tees mit Zusätzen aus der Pflanze vertreibt. Österreichische Wissenschaftler stellten gerade fest, dass Artemisia annua zwar gegen Malaria helfen könne. Für die Wirkung gegen Corona fehlten aber die Belege.

Klabes glaubt dennoch an die heilende Kraft ihres Krauts. Durch die verschärften Corona-Regeln fühlt sie sich im Alltag zunehmend eingeschränkt. Kurze Wege erledigt sie mit dem Rollstuhl. Bus und Bahn, in denen nun die 3G-Regel gilt, könne sie jedoch nicht mehr nutzen, da es in Kassel-Wilhelmshöhe keine Corona-Testmöglichkeit mehr gibt. Ihr Mann und sie seien keine Impfgegner, aber „unser Recht auf einen freien Willen kann uns nicht genommen werden. Jetzt werden wir bestraft und als Ungeimpfte zuhause eingeschlossen.“ Auf den Hinweis, dass sie sterben könne, weil sie sich nicht impfen lässt, sagt sie: „Dann wäre es eben so weit.“ (Matthias Lohr)

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