Beziehung ohne Intimität

Frau aus Kassel hofft auf die große Liebe - aber küssen will sie niemanden

Eine Frau blickt auf einen Teich.
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Frau aus Kassel ist asexuell. Sie will auf das Thema aufmerksam machen.

Eine Frau aus Kassel hat kein Verlangen nach intimen Kontakten. Trotzdem hofft sie auf die große Liebe. Doch küssen möchte sie niemanden.

  • Josefine Schmidt aus Kassel ist asexuell.
  • Die junge Frau hat kein Verlangen nach Sex.
  • Die große Liebe sucht sie dennoch.

Kassel – Sie hat sich immer gewünscht, jemanden an ihrer Seite zu haben. „Dieser Wille war immer da“, beschreibt es Josefine Schmidt aus Kassel. Aber gleichzeitig war da auch ein anderer Gedanke in ihrem Kopf, der sich nicht verdrängen ließ: „Den kannst du eh nicht haben, weil er etwas möchte, dass du ihm nicht geben kannst.“

Kassel: Asexuelle Frau spürt kein Verlangen nach intimen Kontakten

Josefine Schmidt heißt eigentlich anders. Ihren Namen möchte die 28-jährige aus Kassel nicht preisgeben. Der Grund: Josefine Schmidt ist asexuell. Sie hat also kein Verlangen nach intimen Kontakten, nach Sex. Eben das, was für viele die Voraussetzung für eine Partnerschaft ist.

Dass es so etwas wie Asexualität gibt, ist der zierlichen jungen Frau mit den kurz geschnittenen Haaren erst mit 24 bewusst geworden. Damals lebte die gebürtige Kasselerin in Süddeutschland und stieß bei Google auf den Begriff. „Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich mit meinen Empfindungen nicht alleine bin“, erzählt sie.

Frau aus Kassel wartete lange Zeit auf ihr Verlangen - doch es blieb aus

Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte Josefine Schmidt, dass das Problem bei ihr liegt. Dass sie länger braucht, bis sie bereit ist, eine intime Beziehung einzugehen. Sie hat darauf gewartet, dass das Verlangen irgendwann kommt. Aber es kam nicht.

Mittlerweile weiß Josefine Schmidt, es wird nie kommen. Es ist nicht so, dass die Neugier nicht da gewesen wäre, sagt sie. „Mir entgeht nicht etwas, weil ich es nicht kenne. Ich habe Männer kennengelernt, mit denen hätte ich mein Leben verbringen können. Aber in dem Moment, wo Lippe auf Lippe trifft, hat es mir schon gereicht“, sagt sie.

Wenn sie sich vorstellt, dass ein anderer mit seiner Zunge in ihrem Mund „rumwühlt“, ekelt sie sich. „Einfach abartig“, findet sie das. Schon der Gedanke daran ist für sie abstoßend. Was andere daran schmackhaft und angenehm finden, kann sich Josefine Schmidt aus Kassel nicht vorstellen. Wenn es über Kuscheln hinausging, hat sie abgeblockt, sich Ausreden einfallen lassen, warum sie in diesem Moment keinen Geschlechtsverkehr wollte.

Auch wenn sich bis dahin alles gut angefühlt hat. Eine Beziehung hatte die 28-Jährige bislang nicht.

Kassel: Frau hofft auf die große Lieben

Das Problem: „Sobald man beim Kennenlernen offenbart, dass man das nicht möchte, verschwindet schlagartig das Interesse beim Gegenüber“, sagt Schmidt. Die junge Frau kann nicht nachvollziehen, dass „Sex wohl so wichtig sein muss“.

Für sie ist es deprimierend und ermüdend, das ständig zu spüren zu bekommen: „Man hat das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um etwas Schönes wie eine Liebesbeziehung eingehen zu dürfen.“

Es ist nicht so, dass Josefine Schmidt keine Empfindungen hat: „Das Empfinden von Liebe fühlt sich für jeden anders an. Ein starkes Hingezogensein, ein tiefes Vertrauen und das Gefühl, jemanden immer um sich haben zu wollen, das kann jeder spüren.“

Frau lernte vor einigen Jahren einen Mann kennen

Für die gelernte Kinderkrankenschwester ist Liebe nicht auf Körperliches beschränkt, sondern findet auf mentaler Ebene statt. „Ich verliebe mich nicht in jemanden, weil er gut im Bett ist, sondern weil mir sein Charakter, seine Ansichten und Lebenseinstellungen zusagen“, sagt sie.

Vor einigen Jahren hat die junge Frau aus Kassel einen Mann kennengelernt, mit dem hätte sie stundenlang durch den Park laufen können. Sie hätte immer wieder neue Eigenschaften, Macken finden können, die diesen Menschen für sie liebenswert gemacht hätten. Aber auch hier wurde Schmidt enttäuscht. Für den Mann war eine Beziehung ohne Sex undenkbar. Er brach den Kontakt ab, wollte nicht in einen Zwiespalt kommen.

Asexuelle Frau geht offen mit ihren Gefühlen um - und gründet eine Facebook-Gruppe für Gleichgesinnte

Mittlerweile geht Josefine Schmidt mit ihren Empfindungen offen um, um nicht wieder enttäuscht zu werden. „Aber die größte Hürde ist, dass man jemanden finden muss, der so denkt wie man selbst. Das ist als Single schon nicht einfach, aber für asexuelle Menschen noch mal schwieriger.“

Josefine Schmidt aus Kassel hat eine Facebookgruppe gegründet, um Kontakte zwischen asexuellen Menschen zu ermöglichen: „Damit wir uns alle gegenseitig finden, kennenlernen und unterhalten können, gibt es nun also diese schöne Gruppe hier“, schreibt sie bei Facebook.

„Alle asexuellen Menschen aus Kassel und Umgebung, die auf der Suche nach Gleichgesinnten oder einer Partnerschaft sind, sind herzlich willkommen :)“ Die Gruppe ist für jeden auffindbar, aber nur für Mitglieder einsehbar. Die Privatsphäre der Mitglieder ist somit vor Fremden geschützt. Leider sind der Gruppe bislang nur wenige beigetreten. Der größte Schritt für viele ist, sich das eigene Empfinden bewusst zu machen.

Asexualität

Asexualität bezeichnet die Abwesenheit sexueller Anziehung gegenüber anderen, fehlendes Interesse an Sex oder ein nicht vorhandenes Verlangen danach. Asexualität schließt sexuelle Interaktionen und romantische Anziehung aber nicht grundsätzlich aus. Viele Asexuelle wünschen sich Beziehungen auf rein platonischer Basis. Asexualität ist daher von Aromantik (dem Fehlen von romantischer Anziehung) abzugrenzen. 

„Viele denken so wie ich damals“, sagt Schmidt. Das man irgendwie komisch ist oder vielleicht eine psychische Erkrankung hat. Man glaubt, dass es einen Grund geben muss, warum man diese Abneigung gegen Intimitäten verspürt.

Frau aus Kassel ist asexuell: Bereits vor ihrer chronischen Erkrankung wollte sie keine intimen Kontakte

„Bei einigen mag es diese Gründe geben – zum Beispiel, wenn man nach einer Prostata-Operation keine Empfindungen mehr hat oder durch eine Erkrankung starke Schmerzen beim Geschlechtsverkehr“, sagt Schmidt. Aber auch diese Menschen suchen einen Partner, mit dem sie eine Beziehung führen können, ohne dass sie zu Geschlechtsverkehr gedrängt werden.

Auch Schmidt hat eine chronische Erkrankung, weshalb sie einen künstlichen Darmausgang hat und über einen Port ernährt wird. „Viele sagen, dass das ein Grund ist, weshalb ich Intimkontakte ablehne“, sagt Schmidt.

Aber als die Krankheit ausbrach, stand für Schmidt schon fest, dass sie Intimitäten abstoßend findet. „Das hat ja nichts mit meinen Gefühlen und Empfindungen zu tun.“ Auf die große Liebe hofft sie weiterhin – auch ohne Sex. (Kathrin Meyer)

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