Wohnungsmarkt in Kassel

Hochschwanger und kein Zuhause - „Der Wohnungsmarkt in Kassel ist platt“

Hofft auf eine Wohnung: Eine 26-Jährige aus Kassel ist seit Anfang des Jahres in der Ein-Zimmer-Wohnung ihrer Mutter untergeschlüpft. Unser Symbolbild zeigt eine andere schwangere Frau.
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Hofft auf eine Wohnung: Eine 26-Jährige aus Kassel ist seit Anfang des Jahres in der Ein-Zimmer-Wohnung ihrer Mutter untergeschlüpft. Unser Symbolbild zeigt eine andere schwangere Frau.

Eine schwangere Frau sucht seit Anfang des Jahres eine Wohnung in Kassel. Sie muss auf engstem Raum ohne Privatsphäre leben. Die Geburt ihres Babys steht kurz bevor.

Kassel – Die junge Frau hat einen wachen Blick, ein hübsches Gesicht, sieht ordentlich und gepflegt aus. Unter der blassrosa Bluse wölbt sich ihr Bauch. In wenigen Wochen erwartet die 26-Jährige aus Kassel ihr erstes Kind. Aber das unter denkbar schwierigen Bedingungen. Vanessa B.*, die das Baby allein erziehen wird, hat keine eigene Wohnung.

Seit Anfang des Jahres sucht sie ein kleines Apartment in Kassel, hat unzählige Anzeigen durchforstet, mehr als 40 Wohnungen besichtigt – und ist doch immer wieder leer ausgegangen.

Untergekommen ist sie bei ihrer Mutter, die in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt. Was als vorübergehende Notlösung gedacht war, dauert inzwischen fast ein Dreivierteljahr an. Auch wenn das Verhältnis zu ihrer Mutter grundsätzlich gut sei, gebe es viel Streit, erzählt die 26-Jährige. Sie sei viel zuhause, weil sie Angst habe, auf der Straße auf die falschen Leute zu treffen und wieder auf die schiefe Bahn zu kommen. Weder sie noch ihre berufstätige Mutter hätten auf dem beengten Raum Privatsphäre. Und sie frage sich, wie das erst werden solle, wenn das Baby da ist.

Vanessa B. war schon einmal wohnungslos. Damals war sie 21 Jahre alt und steckte in ihrer Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Als sie sich von ihrem Freund trennte, verlor sie auch die Wohnung. Sie übernachtete bei Freunden, manchmal auch auf der Straße, war oft übermüdet, trank zu viel, nahm Drogen und verlor schließlich ihre Lehrstelle. Damals nahm sie Kontakt zum Verein Soziale Hilfe an der Kölnischen Straße auf, der sie auch diesmal in ihrer prekären Situation berät und begleitet.

Von den Drogen, vor allem Cannabis und Amphetamine, die Vanessa B. schon seit ihrer Jugend begleiten, ist die heute 26-Jährige weg. Sie hat zwei Entzüge und zuletzt eine längere stationäre Therapie hinter sich. Einmal wurde sie seither noch rückfällig. Doch seit sie schwanger sei, nehme sie überhaupt nichts mehr, sagt die werdende Mutter. Beim Treffen lässt sie sich sogar nur eine halbe Tasse Kaffee einschenken.

Nach der Entlassung aus der Klinik machte sich die 26-Jährige sofort auf Wohnungssuche. Der Markt für bezahlbaren Wohnraum, der den Vorgaben für Hartz-IV-Bezieher entspreche, sei ohnehin überschaubar – und hart umkämpft, berichtet sie. Wenn Studenten oder Berufstätige zu den Kandidaten zählen, sei sie gerade bei privaten Vermietern chancenlos. „Dabei habe ich eine saubere Schufa, pflege mich und habe alles im Griff.“ Manchmal winkten die Vermieter auch ab, sobald sie ihre Adresse sähen: Kölnische Straße 35. Das ist die Anschrift der Sozialen Hilfe, über die Wohnungslose ihre Behördenpost laufen lassen können. „Was dahinter steckt, interessiert keinen“, sagt die junge Frau.

Mit Hilfe von Urta Benadda von der Sozialen Hilfe hat die 26-Jährige vor wenigen Tagen die Zusage einer Wohnungsbaugesellschaft für ein Zwei-Zimmer-Apartment in Waldau bekommen. Es fühle sich an wie ein Lottogewinn, sagt die werdende Mutter. Und auch Benadda ist froh: „Der Wohnungsmarkt in Kassel ist platt.“ Nur ganz selten gelinge es noch, Betroffenen Wohnraum zu vermitteln.

Vanessa B. hofft, dass mit der Wohnung nun ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ein geregeltes Leben getan ist. Nach ihrer Elternzeit hat sie Aussicht auf eine Ausbildungsstelle als Erzieherin. Ihr größter Wunsch ist jetzt aber erst einmal, eine gute Mutter für ihre Tochter zu sein und clean zu bleiben.

*Den Namen der jungen Frau haben wir geändert. Service: Wer der werdenden Mutter mit einer Babyausstattung oder Möbeln helfen möchte, kann sich beim Verein Soziale Hilfe melden: Tel. 0561/7073829, E-Mail:utw@soziale-hilfe-kassel.de (Katja Rudolph)

Urta Benadda ist Sozialarbeiterin beim Verein Soziale Hilfe.

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