Wohngeldstelle überlastet

„An der Bürokratie verzweifelt man“: Frau aus Kassel wartet halbes Jahr auf ihr Wohngeld

Die Korrespondenz mit der Wohngeldstelle füllt einen Ordner: Für Marita Eisel ist die Beantragung von Wohngeld für ihre Tochter zu einem Behörden-Marathon geworden.
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Die Korrespondenz mit der Wohngeldstelle füllt einen Ordner: Für Marita Eisel ist die Beantragung von Wohngeld für ihre Tochter zu einem Behörden-Marathon geworden.

Die Wohngeldstelle der Stadt Kassel ist derzeit überlastet. Eine Rentnerin aus Kassel berichtet, wie sie ein halbes Jahr auf das beantragte Wohngeld warten musste.

Kassel – Marita Eisel ist eigentlich keine Frau, die sich sofort beschwert, wenn es irgendwo hakt. Die Rentnerin weiß aus ihrer eigenen beruflichen Erfahrung als Schulsekretärin, dass Fehler passieren können. Was sie dieses Jahr aber mit der Wohngeldstelle der Stadt Kassel erlebt hat, dafür habe sie kein Verständnis. Die Behörde sei völlig überlastet. Ein im April gestellter Antrag war Ende November nicht bearbeitet.

Aber der Reihe nach: Seit zwei Jahren ist Marita Eisel von ihrer Tochter bevollmächtigt, deren Wohngeldanträge zu stellen. Die Tochter hat vier Kinder, ist seit Kurzem geschieden und arbeitet als Schulassistentin. „Sie hat einfach keine Zeit dafür“, sagt Eisel. Die Antragstellung sei schon immer aufwendig und umständlich gewesen. Dutzende Formulare und Belege müssen vorgelegt werden – und das im Fall ihrer Tochter alles halbe Jahr.

Wohngeldstelle in Kassel überlastet: Frau wartet ein halbes Jahr auf Wohngeld

So machte sich Eisel im April daran, den Folgeantrag zu stellen. Denn im Mai lief die Zahlung von monatlich 350 Euro Wohngeld an ihrer Tochter aus. „In der Vergangenheit dauerte es zwei Monate, bis das Geld rückwirkend zum Zeitpunkt der Antragstellung ausgezahlt wurde“, erzählt Eisel. Diesmal sollte es anders kommen.

Auf ihren Mitte April gestellten Antrag bekam sie zwei Wochen später die Rückmeldung, dass zusätzlich zu den bereits eingereichten elf Unterlagen acht weitere Belege erforderlich sein, um den Wohngeldanspruch zu prüfen. „Weil es häufig Unterlagen sind, die der Arbeitgeber meiner Tochter ausfüllen muss, hat die Zusammenstellung eine Weile gedauert“, sagt Eisel. Im Mai und Juni reichte sie die fehlenden Belege nach. Dann begann das Warten.

Rentnerin aus Kassel wartet Monate auf Wohngeld – niemand geht ans Telefon

Als die Rentnerin Ende Juli immer noch keinen Wohngeldbescheid für ihre Tochter in den Händen hielt, wollte sie beim zuständigen Sachbearbeiter nachfragen. Doch der war nicht mehr bei der Wohngeldstelle tätig, sondern hatte sich intern versetzen lassen. „Er wollte mein Anliegen aber weiterleiten.“ Wieder passierte nichts.

Da Eisel bei der Wohngeldstelle telefonisch wochenlang niemanden ans Telefon bekam, wandte sie sich an die Servicehotline der Stadt. „Die nette und kompetente Mitarbeiterin wollte bei der Wohngeldstelle nachfragen.“ Eisel bekam die irritierende Rückmeldung, dass niemand für ihren Antrag zuständig sei. „Also habe ich noch mal Druck gemacht.“ Schließlich sei der Antrag doch gefunden worden. Es würden aber noch weitere Unterlagen fehlen. Welche, das werde ihr schriftlich mitgeteilt.

Rentnerin aus Kassel verzweifelt wegen Wohngeld: „Ich bin einfach nur genervt“

Erst am 14. September kam die schriftliche Nachforderung der Behörde. Gleich am nächsten Tag reichte Eisel alle sechs geforderten Unterlagen ein. Nun war sie sich sicher, dass die Angelegenheit geklärt sei. Doch bis zum 1. November passierte wieder nichts. Also griff Eisel abermals zum Hörer, um die Servicehotline anzurufen. Wieder bekam sie die Zusage, ihr Anliegen werde weitergeleitet. Am 16. November schickte sie eine E-Mail hinterher. Einen Tag später kam eine Entschuldigung per Mail und die Ankündigung, dass weitere Unterlagen nötig seien. Kurz darauf der Brief, in dem fünf weitere Unterlagen gefordert wurden. Eisel brachte die Formulare auf den Weg und informierte die HNA.

„Ich bin einfach nur genervt. Wohngeld ist eine existenzielle Sache. Wenn ich meiner Tochter nicht seit Mai finanziell unter die Arme greifen würde, säße sie mit ihren Kindern längst auf der Straße“, sagt die Rentnerin. Viele Betroffene hätten einen solchen Rückhalt nicht. Sie könne nicht verstehen, warum die Behörde x-mal Unterlagen nachfordere, statt sich einmal einen Überblick zu verschaffen und dann gesammelt nachzufordern. „An der Bürokratie verzweifelt man.“

Nach Wohngeld-Chaos in Kassel: Stadt entschuldigt sich

Auf HNA-Anfrage hat sich Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD) entschuldigt. „Das ist absolut kein Standard“, stellt Friedrich klar. Auch Anja Deiß-Fürst, Leiterin des Sozialamtes, bedauert den Vorfall. Da sei „einiges schief gelaufen“. Eine Bearbeitung dauere in der Regel zwischen ein und drei Monaten.

Mitauslöser war das Zusammenkommen von zwei Dingen: Durch die Corona-Folgen wir Kurzarbeit habe es einen starken Anstieg der Anträge gegeben von 4000 (2019) auf 5400 (2020). Zudem gebe es große Personalprobleme in der Wohngeldstelle, auf die man schon im September öffentlich hingewiesen habe. Im Sommer sei von elf Sachbearbeiterstellen nur ein Drittel besetzt gewesen. Es habe Krankheitsfälle und Versetzungen in andere Abteilungen gegeben. Etliche Kolleginnen und Kollegen hätten sich auf besser dotierte Positionen beworben. „Daran können wir sie nicht hindern“, sagt Deiß-Fürst. Im Endeffekt hätten sieben Personen die Abteilung verlassen. Weil eine Einarbeitung in die komplexe Materie mindestens sechs Monate dauere, sei adäquater Ersatz kurzfristig nicht möglich gewesen.

Wohngeldstelle in Kassel überlastet: Stadt mit Maßnahmen

Eine Kollegin aus dem Sozialamt helfe inzwischen aus und die telefonischen Anfragen würden bis auf Weiteres von der zentralen Servicehotline (115) bearbeitet. „Wenn jetzt viele anrufen, weil sie auf ihren Bescheid warten, würde dies die Bearbeitung weiter verzögern“, so Deiß-Fürst. Es werde noch vier bis fünf Monate dauern, bis wieder alle Stellen besetzt und die Kollegen eingearbeitet seien. Spätestens dann sollen die Sachbearbeiter auch wieder direkt für telefonische Auskünfte zur Verfügung stehen. Um für Entlastung zu sorgen, seien die Bewilligungszeiträume des Wohngelds ausgedehnt worden.

Das Geld an die Tochter von Marita Eisel wurde übrigens nun angewiesen. (Bastian Ludwig)

Nach jahrelangem Bürokratie-Kampf: Mann aus Kreis Kassel muss kein Geld mehr an tote Ex-Frau zahlen.

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