Für mehr Gerechtigkeit?

Die Stadtverwaltung Kassel spricht in Zukunft geschlechtergerecht

Gendersternchen im Duden
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Das Gendersternchen wird immer mehr zum Alltag: Mittlerweile steht es auch im Duden. Laut der Gesellschaft für deutsche Sprache ist es jedoch weder konform mit den Regeln der deutschen Grammatik noch mit denen der Rechtschreibung. Trotzdem soll es nun auch im Kasseler Rathaus angewandt werden.

Im Kasseler Rathaus soll es bald nicht mehr „Lehrer“ und „Ingenieur“ heißen, sondern „Lehrende“ und „Ingenieur*in“. Dafür plädiert die SPD-Fraktion.

Update vom Montag, 28.09.2020 um 19 Uhr: Die Entscheidung fiel wie erwartet. Die Stadtverordnetenversammlung Kassel hat am Montag, 28.09.2020, beschlossen, dass die Stadtverwaltung in Zukunft geschlechtsumfassende Formulierungen nutzen muss. Gestellt hatte den Antrag Sabine Wurst von der SPD-Fraktion. Unterstützt wurde sie von den Fraktionen der Grünen und Linken.

Gendergerechte Sprache im Rathaus Kassel

Erstmeldung vom Montag, 28.09.2020 um 12 Uhr: Kassel – Im dritten Anlauf könnte die SPD-Politikerin Sabine Wurst an diesem Montag in der Stadtverordnetenversammlung eine Rede halten, die die Sprache im Kasseler Rathaus verändern wird. Schon zweimal wollten die Parlamentarier in den vergangenen Monaten über den Antrag der Sozialdemokraten sprechen, der eine geschlechtergerechte Sprache in der Verwaltung fordert. Aber beide Male kam man erst gar nicht bis zum Tagesordnungspunkt.

Nun ist das Thema in der Stadthalle jedoch bereits an Position sechs an der Reihe. Wurst wird dann erklären, warum die Stadtverwaltung künftig geschlechtsumfassende Formulierungen wie „erziehungsberechtigte Personen“ (statt „Erziehungsberechtigter“), „Wählende“ (statt „Wähler“) und „verfasst von“ (statt „Verfasser“) verwenden soll.

Ist solch eine Formulierung nicht möglich, soll der „Gender Star“ angewendet werden – jenes Sternchen, das zwar schon im Duden steht, laut der Gesellschaft für deutsche Sprache jedoch weder mit Grammatik noch Rechtschreibung konform ist.

Trotzdem wird es immer beliebter. Moderatorinnen wie Anne Will verwenden es im Fernsehen und machen eine Pause zwischen „Zuschauer“ und „innen“. Beim Streamingdienst Spotify kann man keine Künstler, sondern nur noch „Künstler*innen“ auswählen. Und als erste deutsche Stadt hat Hannover im vergangenen Jahr die geschlechtergerechte Verwaltungssprache eingeführt.

Auch wenn der entsprechende Antrag in Kassel zweimal geschoben wurde, würde die drittgrößte hessische Stadt auch jetzt noch bundesweit zu den Vorreitern zählen – wobei es nun allerdings „Vorreiterinnen“ heißen müsste, denn auch das Geschlecht von Institutionen (die Stadt) soll berücksichtigt werden.

An der Sprache im Hannoveraner Rathaus will man sich auch in Kassel orientieren. Die genauen Regelungen sollen „unter Beteiligung des Gesamtpersonalrates und des Frauenbüros erarbeitet werden“, wie es im SPD-Antrag heißt.

Wurst freut sich nicht nur, dass mit den neuen Regeln „Frau in der Sprache sichtbar wird“. Sie ist auch überzeugt: „Sprache schafft Wirklichkeit. Deshalb sollte sie präzise sein.“ So werde das Bewusstsein für Gleichwertigkeit gefördert – und zwar für alle geschlechtlichen Identitäten.

Für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Michael von Rüden sind geschlechtergerechte Formulierungen dagegen nur ein „künstliches Produkt“, das die deutsche Sprache „verunstaltet“. Er verweist auf Umfragen, nach denen 68 Prozent der Deutschen Gendersternchen und Co. ablehnen. „Ungleichbehandlungen werden damit nicht beseitigt“, glaubt von Rüden, der mit seiner Fraktion gegen den Antrag stimmen wird. Trotzdem wird es wohl eine Mehrheit von SPD, Grünen und Linken geben.

Allerdings müssen sich die Parlamentarier sputen. Nachdem die Stadtverordneten am 31. August sechs Stunden lang ohne Unterbrechung getagt hatten, was für viel Kritik sorgte, beschloss der Ältestenrat, dass heute auf jeden Fall um 20 Uhr Schluss sein soll – ohne Pause. (Matthias Lohr)

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