53-Jähriger soll Jobcenter mit falschen Krankschreibungen übertölpelt haben – und fühlt sich selbst als Opfer

Kassel: Gericht verwechselt Vater und Sohn

Kassel. Der Wiederholungstäter ist gar keiner. Triumphierend hält Richterin Schiborr dem arbeitslosen Angeklagten vor, dass er das, was ihm jetzt vorgeworfen wird, ja früher schon mal gemacht habe.

Nämlich Krankschreibungen zu fälschen, um sich vor Kursen zu drücken, zu denen ihn das Jobcenter verdonnert hatte. Deshalb sei er doch Anfang 2010 verurteilt worden, meint die Richterin – und zwar nach einem uneingeschränkten Geständnis. Oder etwa nicht?

Nein, kontert der 53-Jährige am Dienstag im Kasseler Amtsgericht. „Das war mein Sohn.“ Er selbst sei damals nur zu einer Geldstrafe worden, weil er Preisetiketten bei Ikea mit gefälschten Strichcodes überklebt habe – damit alles, was er einkaufen wollte, bloß 9,99 Euro koste. Und der Mann hat Recht: Mit den falschen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen hatte er damals nichts zu tun. Und auch diesmal beteuert er steif und fest seine Unschuld.

Siebenfache Urkundenfälschung legt ihm die Staatsanwaltschaft zur Last: Zwischen Februar und April 2008 habe er nacheinander sieben Krankschreibungen bei der Arbeitsförderung der Stadt Kassel eingereicht, um einer angeordneten Eingliederungsmaßnahme zu entgehen. Sieben Mal habe er die echte Bescheinigung eines Arztes eingescannt, manipuliert und anschließend auf einem Farbdrucker ausgedruckt. Die Sache flog auf, als die Behörde bei dem Arzt nachfragte, der den 53-Jährigen noch nie gesehen hatte. Sondern nur dessen Sohn.

Eine eindeutige Angelegenheit? Nicht für den Angeklagten. „Ich wüsste nicht, was das mit mir zu tun hat, um es mal so zu sagen“, erklärt der gelernte Masseur. „Ich habe diese Bescheinigungen nicht vorgelegt, tut mir leid.“ Neugierig studiert er an der Richterbank die gefälschten Dokumente, verweist darauf, dass sein Geburtsdatum nicht stimmt – und dass die Unterschrift auf den Anschreiben ans Jobcenter nicht seine sei. Ähnlich ja, aber mehr auch nicht.

„Ich weiß nicht, wer da meinen Namen missbraucht hat“, sagt er. Und Missbrauch müsse es ja wohl sein. Doch Richterin Schiborr bleibt skeptisch. „Das ist schon total merkwürdig“, wundert sie sich. „Wer sollte denn so was unter Ihrem Namen an die Arbeitsförderung schicken?“ Das vermag auch der Angeklagte nicht zu sagen.

Für seine beiden Töchter übrigens gingen bei der Behörde ebenfalls falsche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ein. Auch gegen sie wird deshalb ermittelt.

Nach einer knappen Stunde endet die Verhandlung gegen den 53-Jährigen erst einmal in allgemeiner Ratlosigkeit. Am 7. November trifft man sich wieder, dann sollen die zuständigen Mitarbeiter des Jobcenters als Zeugen gehört werden. „Dann versuchen wir, das weiter aufzuklären“, sagt Schiborr. „Wenn das denn möglich ist.“ (jft)

Rubriklistenbild: © dpa

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