Kassel: Historie der Documenta-Stadt

Kassel – erst Hauptstadt, dann Großstadt: Wie sich Kassel zur größten Stadt Nordhessens entwickelte

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Früher Herrschaftssitz, heute Park für alle – die Karlsaue

Kassel: das sind großzügige Parkanlagen, malerische Schlösser und eine bunte, vielseitige Kultur. All dem verdankt die Stadt ihrer erfolgreichen Geschichte.

  • Erstmals erwähnt wurde Kassel 913 als Königssitz.
  • Lange Zeit diente die Stadt als Residenz für Grafen und Kurfürsten.
  • Im Laufe der Zeit wurde Kassel außerdem ein wichtiger Industriestandort.

Kassel – Mit knapp über 200.000 Einwohnern ist Kassel die drittgrößte Stadt in Hessen und das bevölkerungsreichste Ballungszentrum im Norden des Bundeslandes. Auch wenn sie im nationalen Größenvergleich kaum auffällt, hat die Stadt eine bedeutsame Vergangenheit durchlebt, die man bis heute an vielen Orten erleben kann.

Kassels Geschichte: Die ersten Einwohner und Entstehung des Namens Kassel

Die Besiedlung des heutigen Stadtgebiets Kassel reicht wahrscheinlich bis in die vorchristliche Zeit zurück. Darauf lassen zumindest archäologische Funde schließen. Bedenkt man Kassels gute Lage an der Fulda und die umliegenden fruchtbaren Auen, scheint das nicht unwahrscheinlich. Die erste schriftliche Bestätigung für die Existenz der Stadt ist jedoch wesentlich jünger. Über das genaue Alter Kassels können Historiker daher nur spekulieren.

Auch was den Namen von Kassel angeht, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Eine populäre These ist, dass sich der Name Chassalla oder Chassella des ersten Königshofs vom lateinischen Castellum ableitet. Dabei handelt es sich schlicht und einfach um die Bezeichnung einer römischen Befestigungsanlage. Laut neueren Forschungen kann der Name aber auch vom germanischen Kas für „Mulde“ oder Vertiefung und dem Begriff Sali oder Seli für „Gebäude“ abgeleitet werden. Kassel würde damit so viel wie Gebäude in oder an der Mulde bedeuten. Einen guten Überblick über die heutige Stadtaufteilung kann man sich mit Google Maps verschaffen.

Kassel: Anfänge und erste urkundliche Erwähnung der Stadt im Mittelalter

Die erste Bestätigung für die Existenz Kassels ist wahrscheinlich eine Urkunde aus dem Jahr 913. Diese erwähnt, dass König Konrad I. (881-918) sich in einem an der Fulda liegenden Königshof aufhielt. Gebäude aus dieser frühen Zeit sind heute in Kassel aber keine mehr erhalten. Anstelle des damaligen Königshofes steht heute das Kasseler Stadtschloss.

Mit der Zeit siedelten sich rund um den schutzbietenden, befestigten Königshof immer mehr Bewohner an. Die Siedlung reichte aber wahrscheinlich nicht weiter als vom Stadtschloss bis zur heutigen Straße Graben, was sich anhand von Karten nachvollziehen lässt. Mit der Gründung des Klosters Ahnaberg und des Klosters Weißenstein beim heutigen Schloss Wilhelmshöhe gewann Kassel an Bedeutung für die geistliche Welt. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung und die Stadt erhielt wenige Jahre darauf das Stadtrecht

Kassel: Aufstieg zur Hauptstadt der Landgrafschaft Hessen

Lange Zeit blieb Kassel von den politischen Kriegen und Zerwürfnissen der zahlreichen Herrscher, Könige und Grafen nahezu unberührt. Das ändert sich als Landgraf Heinrich I. von Hessen (1244-1308) sich im thüringisch-hessischen Erbfolgekrieg die hessischen Gebiete des früheren thüringisch-hessischen Landgrafen sicherte. Schon bald errichtete Heinrich 1277 in Kassel seine Hauptresidenz und machte die nordhessische Stadt zur Hauptstadt seines Reiches. In diesem Rahmen startete er zahlreiche Baumaßnahmen. So entstanden zu dieser Zeit unter anderem die Neustadt, die Brüderkirche und das Elisabeth Hospital.

Das stetige Wachstum Kassels sorgte dafür, dass die bisher eigenständigen Städte Altstadt, Neustadt und Freiheit zusammenwuchsen. Ab 1378 wurden sie zu einem einzigen Gemeinwesen vereint und bildeten zusammen das neue Kassel.

Kassel im Zeitalter der Reformation

Als Standort zahlreicher Klöster und Stifte war Kassel von der Reformation im 16. Jahrhundert besonders betroffen. Gleichzeitig zeigte sich der damalige hessische Landgraf Philipp der Großmütige (1504-1567) als Vorkämpfer und Wegbereiter der protestantischen Kirche. Einige seiner Ideen, beispielsweise der Konfirmationsunterricht und der Landeswohlfahrtsverband, leben bis heute fort. Nach seinem Tod wurde das große hessische Reich aufgeteilt. Kassel gehörte fortan zur kleineren Landgrafschaft Hessen-Kassel. In Folge der Aufteilung wurde Kassel für rund 20 Jahre zur Universitätsstadt. Später konnte die Grafschaft den ehemaligen Standort in Marburg aber zurückgewinnen und verlegte auch die Landesuniversität wieder dorthin.

Die Blütezeit Kassels im 17. und 18. Jahrhundert ist bis heute klar sichtbar. So entstanden in dieser Zeit der heutige Tourismusmagnet Bergpark Wilhelmshöhe mit den bekannten Wasserspielen. Aber auch die barocke Orangerie in der Karlsaue und das Schloss Wilhelmstal in der Nähe Kassels stammen aus dieser Zeit.

Kassel: Industrialisierung und Romantik

Die vorübergehende Besetzung Kassels durch Napoleon Bonaparte (1769-1821) konnte dem Wohlstand der Stadt nichts anhaben. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand um die Gebrüder Grimm ein Kreis aus bedeutenden Autoren der angehenden romantischen Epoche. Etwa zeitgleich waren am Kasseler Polytechnikum erfolgreiche Chemiker wie Heinrich Buff (1805-1867) oder Robert Bunsen (1811-1899) zugange. Wilhelm der II. (1777-1847) stattete die Stadt außerdem mit einer zu dieser Zeit weit fortschrittlichen Verfassung aus.

Neben Kultur und Wissenschaft blühte auch die Wirtschaft: Durch die Industrialisierung und vor allem durch den erfolgreichen Dampfmaschinenbauer Henschel wurde Kassel ein wichtiger Industriestandort. Dieser stellte bereits 1913 seine 12.000. Lokomotive fertig. Der wirtschaftliche Erfolg äußerte sich in einem starken Bevölkerungswachstum und damit einhergehenden Eingemeindungen. In dieser Zeit entstanden unter anderem das Rathaus, das Landesmuseum und die Stadthalle

Kassel im 20. Jahrhundert: Aufschwung zur Großstadt

Auch nach der Eingliederung ins preußische Reich wuchs Kassel unaufhörlich weiter. Etwa 1900 erreichte die Stadt etwa die Marke von 100.000 Einwohnern und stieg damit zur Großstadt auf. Das Wachstum hatte aber auch seine Schattenseiten: Überall fehlte es an Wohnraum und vor allem in der Altstadt waren viele Häuser nicht nur zu klein, sondern auch renovierungsbedürftig. Die Situation konnte erst mit der Errichtung der Rothenbergsiedlung in den 20er Jahren verbessert werden. 

Im Ersten Weltkrieg behielt Kassel seine nationalpolitische Bedeutung als Sitz der obersten Heeresleitung. Nach Kriegsende erfolgte die Eröffnung des Flughafens, der Kassel fortan ins Netz der Lufthansa einband.

Kassel im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg

In der Zeit des Nationalsozialismus behauptete Kassel seinen Hauptstadt-Status als Gauhauptstadt des neu definierten Gaus Kurhessen. Ansonsten war die Stadt vor allem ein wichtiger Industrie-Standort. Als NS-Waffenschmiede wurden hier sowohl Panzer als auch Flugmotoren und LKWs für die Wehrmacht produziert. Widerstand gegen das Regime gab es in Kassel kaum. Nur ein Ableger der Widerstandsgruppe Roter Stoßtrupp und kleinere linke Splittergruppen begehrten gegen die Diktatur auf.

Aufgrund eines verheerenden Luftangriffs vom 22. auf den 23. Oktober 1943 gehört Kassel zu den am meisten zerstörten Städten des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 80 % aller Gebäude sowie die gesamte Altstadt fielen den Bombardierungen zum Opfer. In dieser einen Nacht kamen außerdem etwa 10.000 Menschen ums Leben. Insgesamt sank die Bevölkerungszahl von fast 200.000 Einwohnern bis zum Ende des Kriegs auf unter 70.000. Am 4. April kapitulierten die in der Stadt stationierten Truppen und gaben ihren Widerstand auf.

Kassel: Wiederaufbau in der Nachkriegszeit und Neuzeit

Nach Kriegsende gehörte Kassel mitsamt der früheren Provinzen Kurhessen und Nassau zur amerikanischen Besatzungszone und dem neugegründeten Land Hessen. Innerhalb ihres Landkreises war sie nach wie vor eine kreisfreie Stadt und Sitz des Regierungsbezirks, die Bewerbung als Sitz des Bundestages im Jahr 1949 verlief jedoch erfolglos. Als Entschädigung wurde Kassel aber Sitz des Bundesarbeits- und Bundessozialgerichts. Das Bundesarbeitsgericht zog 1999 nach Erfurt, das Bundessozialgericht hat seinen Sitz bis heute in Kassel.

Der Wiederaufbau Kassels erfolgte nach alten Plänen aus der NS-Zeit und machten die Stadt autogerecht. Zu dieser Vorstellung gehörten ein Straßenring rund um die Innenstadt sowie 1953 die Eröffnung der ersten Fußgängerzone Deutschlands. 1955 fand in Kassel die Bundesgartenschau statt. Sie wurde begleitet von der Kunstausstellung documenta 1, die sich seitdem zur weltweit bedeutendsten Ausstellung für moderne Kunst entwickelt hat und alle fünf Jahre in Kassel stattfindet.

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