Region für Veranstalter sehr speziell

Gestört aber Geil in Kassel: Darum haben es Music-Acts in Nordhessen so schwer

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Treten am Samstag in der documenta-Halle auf: Nico Wedel (links) und Marcel Stephan sind das DJ-Duo Gestört aber Geil.

Am Samstag treten die Electro-Acts Gestört aber Geil und Discoboys in Kassel auf. Organisiert wird die Veranstaltung von einem DJ, der klagt: Kassel ist für Veranstalter sehr speziell.

  • Gestört aber Geil treten am 25.01.2020 in der documenta-Halle auf.
  • Eine Veranstaltung in Kassel wurde bereits abgesagt, weil zu wenig Menschen Tickets gekauft haben. 
  • Es fehle an Know-how, Geld und Glück in der Region.

Dass Oliver Wohlrab irgendwann nicht mehr „Kassels geilster DJ“ sein würde, hat sich bereits vor fünf Jahren abgezeichnet. So feierten die Fans einst DJ Blackskin, der bei „Planet Radio“ moderierte, Detlef D. Soost Tanz-Beats für die Pro-Sieben-Castingshow „Popstars“ lieferte und in zahlreichen Clubs auflegte, die es heute nicht mehr gibt.

„Ich habe das Club-Sterben kommen sehen und mich bewusst zurückgezogen“, sagt Wohlrab. Heute legt der 38-Jährige nur noch sporadisch auf – etwa im Papagayoo in der Friedrich-Ebert-Straße bei der Reihe „Old but Gold“. Sein Geld verdient Wohlrab mittlerweile mit seiner Firma Clubstarz Entertainment. Im gesamten Bundesgebiet organisiert er Musikveranstaltungen.

Kassel: Gestört aber Geil in der documenta-Halle

Eine der größten steigt an diesem Samstag in der Kasseler documenta-Halle. Beim „Sound Sonic Indoor Festival“ treten House-Acts wie Gestört aber Geil, die Discoboys sowie Anstandslos & Durchgeknallt auf. Eine Woche später steigt am selben Ort das 90er-Festival mit alten Helden wie Snap!, Captain Jack und A Milli Vanilli Experience.

Das sind zwei attraktive Veranstaltungen – gerade in einer Stadt, in der zuletzt immer wieder geklagt wurde, es sei nichts los. Trotzdem stellt Wohlrab ernüchtert fest: „Es läuft, aber in jeder anderen Stadt wären wir schon längst ausverkauft.“

90er-Jahre-Band: Organisator Oliver Wohlrab (links) mit Penny Ford und Benjamin Lowe von Snap.

Menschen in Kassel kaufen zu wenig Konzert-Karten

Ähnliche Erfahrungen haben zuletzt auch viele andere Veranstalter gemacht. Tiefpunkt war im vorigen Jahr die Absage des Bilderbuch-Konzerts. Die angesagte Wiener Band tritt überall in ausverkauften Arenen auf. In Kassel kauften so wenig Menschen Karten, dass der Veranstalter die Notbremse ziehen musste.

Wohlrab hat keine Erklärung dafür, er sagt nur: „Kassel ist speziell. Man muss immer mehr machen als anderswo.“ Der Familienvater, der in Kaufungen lebt, weiß, wovon er redet. Allein mit dem Erfurter DJ-Duo Gestört aber Geil organisiert er in diesem Jahr bundesweit zehn Shows.

Kassel: Akustik in der documenta-Halle berüchtigt

In Kassel ist er einer der wenigen Veranstalter, der die documenta-Halle bespielt. Zwar passen hier 1800 Besucher rein, aber die Akustik ist berüchtigt. „Wenn nur 700 Besucher drin sind, klingt sie nicht schön“, gibt Wohlrab zu: „Aber wenn die Halle voll ist, ist es gar nicht so übel.“

Nach dem Aus des Musiktheaters fehlt Kassel eine geeignete Halle mit einem Fassungsvermögen von 1000 Menschen. Das finanzielle Risiko in der 3000 Besucher fassenden Stadthalle ist für viele Veranstalter zu groß.

Stammtisch in Kassel fehlt

Auch sonst erkennt Wohlrab in seiner Heimatstadt, in der er bei den Huskies einst eine talentierte Eishockey-Nachwuchshoffnung war, einige Standortnachteile: „In Augsburg gibt es einen Stammtisch, in dem sich alle Veranstalter einmal im Monat treffen und absprechen. So etwas fehlt hier.“

Er glaubt nicht, dass sich das sobald ändern wird. Um einen Club erfolgreich zu führen, brauche man Know-how, Geld und Glück: „An allen drei Komponenten mangelt es. Die Clubs, die gerade zugemacht haben, sind nicht die letzten, die in der Region sterben.“

Veranstaltungen in der documenta-Halle

25.01.2020 (22 Uhr): Sound Sonic Festival mit Gestört aber Geil, Discoboys sowie Anstandslos & Durchgeknallt. Karten: 27,40 Euro. 01.02.2020  (21 Uhr): 90er-Festival mit Snap!, Captain Jack und A Milli Vanilli Experience. Karten: 29,60 Euro. Jeweils in der documenta-Halle. Tickets gibt es beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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Club-Sterben in Kassel

Das Club-Sterben in Kassel wird nach dem Aus des Musiktheaters diskutiert. Laut Club-Betreiber von York und Club 22 gibt es das Club-Sterben gar nicht. Das Winterkonzert im Dock 4 erwies sich hingegen als voller Erfolg.

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