Scharfe Kritik

Extreme Raumnot für Kasseler Gymnasiasten - Homeschooling kommt

Die Alte Hauptpost in Kassel. Sie soll Ersatzschulstandort sein.
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Ersatzschulort: Die Alte Hauptpost ist erst im zweiten Schulhalbjahr 2023 bezugsfertig. Bis dahin ist auch vorgesehen, dass Schüler von zuhause aus, also im Homeschooling, lernen.

Platzmangel an zwei Gymnasien in Kassel sorgt für Probleme. Die Kritik von Seiten der Lehrer ist groß. Von „mangelnder Fürsorge der Stadt“ ist die Rede.

Kassel – Jetzt ist es offiziell: Der Ersatzschulort Alte Hauptpost in Kassel, an dem Schüler der Gymnasien Albert-Schweitzer-Schule und Friedrichsgymnasium unterrichtet werden sollen, ist erst im Februar 2023 bezugsfertig. Das ist insofern von Bedeutung, weil beide Schulen zum kommenden Schuljahr in ohnehin beengten Verhältnissen je einen Jahrgang mehr aufnehmen müssen. Grund ist die Rückkehr vom verkürzten Abitur G8 zu G9. Dieser Prozess ist jetzt vollendet.

Das dritte Kasseler Gymnasium, das von dieser Umstellung betroffen ist, ist das Goethe-Gymnasium. Dort besteht mittelfristig die Möglichkeit, Räume zu nutzen, die im Gebäude frei werden, weil die dort residierende Abendschule an den Standort Hessenkolleg auszieht.

Schulen in Kassel: Alte Hauptpost erst 2023 bezugsfertig - Angebote von Fachfirmen schwer zu bekommen

Jetzt erklärte Stadtbaurat Christof Nolda gegenüber der HNA: „Die Alte Hauptpost wird erst ab dem zweiten Schulhalbjahr bezugsfertig sein.“ Es sei nicht einfach, Angebote von Fachfirmen zu bekommen. Die Verhandlungen mit den Eigentümern seien weiter fortgeschritten, die Bauabläufe würden besprochen. Für die Gymnasien bedeutet diese Nachricht nicht nur Zusammenrücken in den Schulgebäuden, sondern dass einige Schüler zeitweise zuhause lernen müssen. „Wir gehen davon aus, dass jede Klasse drei, vier Mal im Halbjahr einen Tag zuhause arbeitet“, sagt Markus Crede, Schulleiter der ASS. Ausgenommen seien der Jahrgang 5 und der Abiturjahrgang.

Ähnlich wird das vom FG gehandhabt. Schulleiter Lothar Schöppner hat sich zudem auf eigene Faust auf die Suche nach geeigneten Orten gemacht, wohin Lehrkräfte mit Schülern tageweise ausweichen könnten. Es habe ein „gewisses Entsetzen“ unter den Eltern gegeben, als sie erfuhren, dass die Alte Hauptpost fürs nächste Schulhalbjahr nicht zur Verfügung steht, so Schöppner. Auch die Schüler sind alarmiert: ASS-Schulsprecher Julius Jasperbrinkmann befürchtet, dass beide Schulgemeinden leiden werden: „Guter angemessener Unterricht wird durch Homeschooling nicht sichergestellt.“ Den Schulen werden jetzt in Sachen Unterrichtskoordination Meisterleistungen abverlangt.

Raumnot an Schulen in Kassen: Gewerkschaft der Gymnasiallehrkräfte mit deutlicher Kritik

War zunächst, um das Platzproblem an ASS und FG zu beheben, eine Beschulung in temporären Ersatzbauten im Gespräch, so wurde dies von der Stadt bald verworfen. Es begann die Suche nach einem geeigneten Standort in Fußläufigkeit beider Schulen. Der Standort Alte Hauptpost war im Mai bekannt geworden.

Scharfe Kritik daran, dass die Schulen unter extremer Raumnot leiden, kommt vom Bezirksverband Nordhessen des Hessischen Philologenverbandes, der Gewerkschaft der Gymnasiallehrkräfte. Der Vorsitzende Boris Krüger spricht von „mangelnder Fürsorge der Stadt Kassel für die Schülerschaft dreier Gymnasien“. Man habe seit Jahren auf die sich anbahnende Katastrophe hingewiesen, dass aufgrund eines zusätzlichen Jahrgangs durch den Wechsel von G 8 zu G 9 nach den Sommerferien über 300 Schüler von der ASS, vom FG und Goethe-Gymnasium ohne Räume dastehen werden.

Aus Sicht des Philologenverbands rächen sich hier „Versäumnisse der letzten acht Jahre, in denen die Problematik allen politisch Verantwortlichen bekannt war, aber Jahr für Jahr weiter verschoben wurde.“ Keinen Deut besser sehe es für das Goethe-Gymnasium aus. Hier werden zwar durch den Auszug der Abendschule Räume frei, doch könnten diese ebenfalls nicht sofort genutzt werden, so Krüger. Die für die Sanierung nötigen 177 000 Euro seien erst im Stadthaushalt für 2023 eingestellt, wie die neue Schuldezernentin Nicole Maisch (Grüne) auf der jüngsten Stadtverordneten-Sitzung eingestehen musste. „Aus Fahrlässigkeit, wenn nicht gar bewusst“ habe man ein Problem jahrelang schleifen lassen. (Christina Hein)

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