Futurologe Max Thinius über die Smart City Kassel

Kassels digitale Zukunft: Warum die Stadt sogar Berlin aussticht

Max Thinius, Futurologe, Berater, Moderator und Autor
+
Max Thinius, Futurologe, Berater, Moderator und Autor

Kassels digitale Zukunft beginnt am Freitag. Am bundesweiten Digitaltag moderiert der Futurologe Max Thinius die Kasseler Smart Night. Aber was ist eine intelligente Stadt?

Eine Bekannte, die gerade aus den USA nach Deutschland gezogen ist, war erschrocken, wie wenig digital das Leben in Deutschland ist. Wie smart ist Kassel schon?
Was das Denken angeht, ist Kassel schon sehr smart. Die Stadt hat erkannt, dass es nicht nur um Technologien geht wie bargeldloses Bezahlen oder öffentliches W-Lan, obwohl Kassel hier auch sehr gut dabei ist. Viel wichtiger ist es, die Strukturen von analog-industriell zu digital zu ändern. In Zukunft werden Städte nicht mehr die klassische Dreiteilung haben zwischen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Das alleine hat schon unser Arbeiten im Homeoffice in Gang gebracht. Viele werden sich zukünftig nur noch in einem 15- Minuten-Radius bewegen, sind aber trotzdem besser digital mit der Welt vernetzt als heute. Darum muss eine Stadt in Zukunft keine Metropole wie London mehr sein, um eine bedeutende Rolle einzunehmen. Das kann Kassel zunehmend auch, nur eben mit den Vorteilen einer übersichtlicheren Stadt.
Kassel ist eine von 32 Kommunen im Bundes-Förderprogramm „Smart Cities“ und wird elf Millionen Euro erhalten. Was heißt es konkret, eine intelligente Stadt zu sein?
Erst einmal heißt es, möglichst alle Dienstleistungen digital zur Verfügung zu stellen. Dies ist aber nur ein kleiner Teil von Smart Cities. Viel wichtiger ist, dass man die gesamte Struktur der Stadt auf die Anforderungen des Digitalen umstellt. Mit Beginn der Industrialisierung hat man Fabriken gebaut und darum Straßen und Wohnungen. Wenn wir aber in Zukunft wieder dezentraler arbeiten und produzieren, könnten wir Städte wieder umbauen. In Kopenhagen zum Beispiel gibt es die Überlegung, eine achtspurige Straße wieder in eine Grünfläche umzuwandeln – teilweise sogar in Agrarfläche. Dort sollen Produkte reifen, die idealerweise 24 Stunden nach der Ernte auf dem Teller landen. Solche Lebensmittel enthalten bis zu 90 Prozent mehr Nährstoffe als Waren, die durch die Welt geschickt werden. Wer sich auf diese Weise gesund ernährt, wird zu 40 Prozent weniger krank. Das ist smart.
Wie wollen Sie den Kasselern die digitale Vielfalt ihrer Stadt zeigen?
Das soll ein bisschen eine Überraschung sein. So viel lässt sich schon sagen: In der „Kassel Smart Night“ werden nicht nur Oberbürgermeister Christian Geselle und viele Ortsvorsteher überraschende Auftritte haben. Wir haben auch interessante Videobeiträge und zeigen, wie Kassel sich verändern kann. Denn die Zukunft fällt nicht vom Himmel, sondern wird gestaltet – und zwar von uns allen. Das Digitale hilft uns dabei. So wird es ein sehr anschauliches Online-Projekt geben, in dem man die Entwicklung Kassels zur smarten Stadt nachverfolgen und sich an der Gestaltung beteiligen kann. So etwas habe ich so anfassbar bisher in keiner anderen Stadt gesehen.
Das klingt, als würden wir Avatare in einem „Second Life“-Game werden.
Nein, das wird keine Spielewelt. Projekte zeigen, wie sich der Alltag verändern wird. Mit den Inhalten kann man sich aktiv auseinandersetzen. Im Lauf der Zeit wird sich diese virtuelle Welt mit Inhalten füllen, die gemeinsam mit den Kasselern entwickelt werden.
Sie sagen, mehr als 80 Prozent unseres Alltags werden sich durch die Digitalisierung ändern. Werden sich auch 80 Prozent unseres Alltags verbessern?
Das hängt davon ab, was wir daraus machen. Gehe ich passiv in die Zukunft, gestalte ich nichts. Setze ich mich aber positiv mit den vielen neuen Möglichkeiten auseinander, dann werden wir unsere Zukunft positiv gestalten. Wir müssen nicht immer alles verneinen.
Von Ihnen stammt der Satz: „Alles, was digitalisiert werden kann, kann menschlicher werden.“ Wie nimmt man Menschen die Angst vor dem Digitalen?
Indem man ihnen die Möglichkeiten zeigt und ihnen Mut macht. Ein Beispiel sind unsere Daten, mit denen Konzerne wie Facebook Geschäfte machen. Jeder Mensch generiert in unserer Gesellschaft Daten, die einen nicht zu unterschätzenden Wert haben. Das können pro Kopf und Monat zwischen 1000 bis 3000 Euro sein. Wäre es nicht intelligenter, damit zur Bank zu gehen, um sie nachhaltigen Firmen zur Verfügung zu stellen? So könnte man nur mit seinen Daten im Monat vielleicht 1400 Euro verdienen.
Auch Städte verfügen über viele Daten.
Ja, die sind dann nicht personenbezogen, sondern erhöhen ganz allgemein die Lebensqualität. Zum Beispiel können Mülltonnen rechtzeitig geleert, Baustellen und Staus umfahren und bessere Freizeitangebote für Kinder eingerichtet werden. Wir dürfen die Digitalisierung nicht verteufeln.
Ist es eines der wenigen guten Dinge an der Pandemie, dass sie uns gezeigt hat, welche Möglichkeiten die Digitalisierung hat?
Sie hat uns quasi schockgezeigt, was möglich ist. Wir haben gelernt, dass Homeoffice und Homeschooling nervig, aber auch sehr positiv sein können. Es muss nicht das eine oder andere sein, sondern am besten ist eine Mischung aus beiden. Nun stellen sich neue Fragen: Brauchen wir eigentlich noch die ganzen Büros? Kassel hat hier einen Vorteil gegenüber Metropolen wie Berlin, wo 99,4 Prozent der Fläche mit festen Strukturen belegt sind. Hier in Kassel gibt es viel Raum und gute Ideen für Gestaltung.
Mark Twain hat gesagt: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Wie wird man Futurologe, wenn man wie Sie nichts richtig gelernt hat?
Darauf bin ich stolz. Mir hat geholfen, dass ich nicht von den klassischen Denkmustern der Wissenschaft abhängig war, sondern immer in der Praxis und mit Menschen gearbeitet habe. Forscher wenden klassische Methoden an, um in die Zukunft zu schauen. Ich dagegen schaue nicht in die Zukunft, sondern in die Gegenwart – und zwar ganzheitlich. Futurologen gestalten die Zukunft, statt sie vorauszusagen. Bei Zukunftsforschern weiß niemand, ob das eintritt, was sie vorhersagen. Bei Futurologen kann dagegen alles passieren, wenn die Menschen es wollen. Tritt das, worüber wir reden, nicht ein, dann wollte es keiner.
Mittlerweile sind Sie auch Lebensmittelexperte. Wie werden wir uns in Zukunft ernähren? Werden wir alle Veganer werden?
Niemand muss Veganer werden. Das bleibt jedem selbst überlassen. Wir werden uns aber ab 2030 fragen, ob es noch vertretbar ist, rein für die Ernährung der Menschen Tiere zu züchten und zu schlachten. Dafür wird es Fleisch geben, das nicht am Tier gewachsen ist, sondern in künstlichen Umgebungen gezüchtet wurde. Zudem werden wir weniger vorproduzierte, sondern mehr natürliche Nahrung zu uns nehmen. Das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung wird zunehmen - und zwar auch deshalb, weil wir mehr Zeit für das Essen haben. In der Pandemie haben, so glaube ich, rund 40 Prozent der Familien wieder gemeinsam Mittag gegessen. Wann gab es das zuletzt?

Was heißt das alles für die Ahle Worscht, die nordhessische Spezialität?
Ich bin mir sicher, die wird es noch sehr lange geben, zumal die Digitalisierung auch bessere Produktionsmöglichkeiten, gerade für kleinere Hersteller, schafft. Und ich habe Glück: Ein sehr guter Freund aus Kassel versorgt mich seit Jahren damit.

Smart Night Kassel

Mit der „Smart Kassel Night“ am Freitag, 18. Juni (18 Uhr), startet die Stadt am bundesweiten Digitaltag eine Reihe von Veranstaltungen, mit der laut Oberbürgermeister Christian Geselle der digitale Wandel als „Gemeinschaftsaufgabe“ angegangen werden soll. Die digitale Modernisierung soll die Lebensqualität erhöhen, Ressourcen schonen und für mehr soziale Teilhabe sorgen.

In der einstündigen Veranstaltung erklärt der Futurologe Max Thinius, was eine Smart City ausmacht und lässt viele Menschen zu Wort kommen. Sängerin Romana Reiff covert „Let’s Get Loud“ von Jennifer Lopez als Kassel-Version. Kostenlose Tickets und den Zugangslink gibt es unter: bit.ly/smartnightks.

Zudem finden über den Digitaltag mehrere Online-Workshops statt. Ab 14 Uhr können Teilnehmer mit Geselle und Schnellzeichner Daniel Stieglitz ihr Zukunftsbild von Kassel entwerfen. Uni-Professor Klaus David stellt eine Nachbarschafts-App vor. Alle Infos und Anmeldungen über kassel.de/smart. (Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.