Zeitzeugin erzählt

Kasseler Bombennacht: 91-Jährige erinnert sich an Fotografin der bislang unveröffentlichten Bilder

Foto von der Obersten Gasse mit der Martinskirche im Hintergrund im Jahr 1943
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Bisher unveröffentlicht: Dieses Foto an der Obersten Gasse mit der Martinskirche im Hintergrund hat Eva Reinecke im Jahr der Bombennacht 1943 gemacht.

Als Helga Michel (91) den HNA-Artikel über die Fotos vom alten Kassel las, kam die Erinnerung zurück. Sie kannte die Fotografin Eva Reinecke.

Kassel – Mehrere Schicksalsschläge haben die beiden Frauen in jungen Jahren durchgemacht, ehe sich ihre Wege kreuzten. Doch der Reihe nach. Am 22. Oktober 1943 half die junge Helga wie so oft in der heimischen Landwirtschaft in Sand (heute gehört das Gelände zum Gasthof Grischäfer). Vom elterlichen Hof konnte man seit 1940 nicht mehr reden. Denn Helgas Vater war im Alter von nur 39 Jahren völlig überraschend gestorben. Mit starken Kopfschmerzen ins Bett und einfach nicht mehr aufgewacht. Ein Schock, der auch an diesem so sonnigen und bis in die Nacht klaren Oktobertag nachwirkte.

Bombenangriffe auf Kassel hatte die junge Helga von ihrem Wohnort in Sand (heute Bad Emstal) schon häufiger mitbekommen. Das Dröhnen der Bomber, die Einschläge und auch den Feuerschein am Himmel. Doch diesmal war es schlimmer als je zuvor, viel schlimmer. „Ich habe mich an meine Mutter geklammert und gezittert“, erinnert sich die 91-Jährige. Irgendwann sei der ganze Himmel glutrot gewesen. Eine Katastrophe nur wenige Kilometer entfernt. Und das Gefühl, nach dem Tod des Vaters eine weitere kaum zu verkraftende Erschütterung zu erleben.

Die Fotografin: Eva Reinecke um 1942.

Erinnerungen an Bombennacht in Kassel: Carl Reinicke kommt bei Sand unter

Bereits am nächsten Tag sei eine Freundin ihrer Mutter vorbeigekommen. „Elise, wir müssen jetzt helfen“, habe die gesagt. Und den Kontakt zu dem Kasseler Spielwarenhändler Carl Reinecke vermittelt. Der hatte in der Bombennacht seine Frau verloren, die im Luftschutzkeller der Bürgersäle am Karlsplatz ums Leben gekommen war. Carl Reinecke war dort auch kurz, wollte aber noch einige Wertsachen aus dem Geschäftshaus an der Oberen Königsstraße holen. Er konnte dann durch den Feuersturm nicht zurück und rettete sich in die Aue.

Wie so viele andere auch brauchte er ein Dach über dem Kopf. In Sand konnte er erst einmal bleiben. Dorthin brachte er auf der Ladefläche eines Lkw seine verbliebenen Habseligkeiten, darunter auch noch einiges an Spielzeug. „Ich hatte zum ersten Mal im Leben einen Teddy und andere Tiere von Steiff in der Hand“, erinnert sich Helga Michel.

Der Spielwarenhändler: Carl Reinecke um 1942.

Kasseler Bombennacht: Fotografin kam zu Besuch

Kurze Zeit später kam dann die damals 21-jährige Eva Reinecke zu Besuch. Die hatte bereits mit dem Fotografiestudium in Weimar begonnen und war dort auch während der Bombennacht. Die junge Frau, die ihre Mutter verloren hatte und das Mädchen, das um den Vater trauerte, verstanden sich. Ausgesprochen nett sei die Eva gewesen, sagt Helga Michel. Und sie hat heute noch vor Augen, wie die angehende Fotografin immer mit der Kamera um den Hals unterwegs war. Wenige Wochen vor der Bombennacht hatte sie noch in Kassel Fotos gemacht. Unter anderem eine eindrucksvolle Aufnahme von einem Radfahrer mit der Martinskirche im Hintergrund.

Zeitzeugin: Helga Michel (91).

Gut drei Jahre sei Carl Reinecke in seinem Notquartier in Sand geblieben und habe dann an der Herkulesstraße in Kassel wieder ein Geschäft aufgemacht. Zuvor habe sie Eva Reinecke häufiger getroffen. Die ist vor drei Jahren in Berlin gestorben. Bei der Wohnungsauflösung fand ihr Sohn Andreas Schwarberg die Fotos, die sie in Kassel gemacht hat. Die will er dem Stadtarchiv zur Verfügung stellen und auch der HNA. Nach einem ersten telefonischen Kontakt zwischen ihm und Helga Michel habe sich die beiden verabredet.

Beim nächsten Besuch in Nordhessen will der 68-Jährige, der am Bodensee lebt, in Sand vorbeischauen. Bei der Frau, die als junges Mädchen seine Mutter kennengelernt hat. (Thomas Siemon)

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