700 neue Mitbürger mit ausländischem Hintergrund haben jetzt einen deutschen Pass

Kassel ins Herz geschlossen

Vater und Sohn sind jetzt Deutsche: Syed Mohammed Abuthakir (links) und Abdal Rahman fühlen sich in Kassel wohl. Fotos:  Dilling

Kassel. Der Ex-Banker und Buchautor Thilo Sarrazin hat ein Heer von Integrationsverweigerern ausgemacht: also Bürger mit ausländischem Hintergrund, die sich unserer Gesellschaft nicht anpassen wollen. In Kassel hat er da wohl nicht so genau hingeschaut. Rund 700 Neubürger aus 72 Nationen haben vergangenes Jahr in der Fuldastadt einen deutschen Personalausweis beantragt.

Begrüßungsfeier

Viele von ihnen kamen jetzt zur musikalisch begleiteten Begrüßungsfeier in den Bürgersaal des Rathauses. „Wir sind erfolgreich bei der Integration“, sagte Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Er sei froh, dass die Eingliederung der Bürger aus fremden Kulturen „bei uns sehr unaufgeregt und ohne größere Konflikte“ gelinge.

Über 30 Prozent der Kasseler hätten eine Einwanderungsgeschichte, erklärte Hilgen. Es sei traurig, dass den Bürgern, die nicht aus den Ländern der Europäischen Gemeinschaft kommen, das Kommunalwahlrecht verweigert werde.

Nermina Sokolovic will am 27. März bei der Oberbürgermeister-Wahl mit ihrem funkelnagelneuen deutschen Personalausweis auf jeden Fall von ihrem neuen Recht Gebrauch machen. Die heute 33-Jährige ist 1994 wegen des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien aus Bosnien geflohen und hat die Joseph-von-Eichendorff-Schule besucht. Die deutsche Sprache habe sie dank der engagierten Lehrer und eines Förderprogramms in wenigen Monaten gelernt, erzählt Sokolovic, die als Rechtsanwaltsfachgehilfin arbeitet. Die Einbürgerung sei aber ein teurer Spaß gewesen, sagt Sokolovic. Es habe sie 1500 Euro gekostet, die nötigen Papiere in Bosnien zu besorgen. Der Aufwand lohne sich aber. „Kassel ist super“, sagt die junge Frau.

Häufig sind es Flüchtlingsgeschichten, die die Neubürger erzählen. Nasih Baba Shekh (50) ist Kurde und vor den Schergen Saddam Husseins vor 16 Jahren aus dem Irak geflohen. Der frühere Journalist Jussuf Robleh (62) ist vor dem Bürgerkriegschaos in seiner Heimat Somalia geflüchtet. „In Kassel lässt es sich angenehm leben“, sagt der Vater von sechs Kindern.

Doch es gibt auch Menschen, die aus freien Stücken nach Kassel gekommen sind und die Stadt lieben gelernt haben. Dazu zählt Syed Mohammed Abuthakir. Der 33-Jährige ist vor neun Jahren aus Indien in die Fuldastadt gekommen, um Elektrotechnik an der Uni Kassel zu studieren. Inzwischen ist er hier heimisch geworden und hat eine Familie gegründet. „Das sind hier alles nette, freundliche Leute“, sagt er. In Kassel sei es schön ruhig und beschaulich, nicht so hektisch wie in seiner alten Heimat. (pdi)

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