Interview über sein Reporterleben

An den Brennpunkten der Welt: HNA-Urgestein Frank Thonicke geht in den Ruhestand

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Über Jahre ein eingespieltes Team: Chefreporter Frank Thonicke (links) und HNA-Fotograf Lothar Koch im Jahr.

41 Jahre lang war Frank Thonicke bei der HNA. Nun geht er in den Ruhestand und erinnert sich im Interview.

Kassel - Nach 41 Jahren bei unserer Zeitung geht Frank Thonicke in den Ruhestand. Als Chefreporter war der scheidende Leiter der Lokalredaktion Kassel an den Brennpunkten der Welt. Im Interview erinnert er sich. 

Bei all dem, was in 41 Jahren als Reporter und Redakteur bei der HNA zusammengekommen ist: Gibt es die eine Sache, die vor allem hängen bleibt?

Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Aber ich habe schlicht so viel erlebt, dass da nicht das eine herausragende Erlebnis war. Ich hatte so schöne Begegnungen mit Lesern auf der einen Seite, auf der anderen Seite waren da spektakuläre Mordfälle vor Gericht wie der Fall Heinzerling oder der Fall des Kannibalen von Rotenburg. Es gab viele böse Mails und viele nette. Und es gab viele interessante Einsätze wie jenen nach dem Hochwasser im Osten 2002, als wir darüber berichtet haben, was aus den Spenden unserer Leser wird.

Trotzdem: Welche Gedanken kommen zuerst beim Rückblick auf all die Jahre?

Ich war in Kassels türkischer Partnerstadt Izmit, nachdem 1999 die Erde dort gebebt hatte. Als ich dort war, gab es noch Nachbeben – und eines davon habe ich erlebt. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ich damals um mein Leben gerannt bin. Ich saß beim Bürgermeister im Büro. Dann ging es los. Ich bin dann die Treppen runtergerannt, ich weiß gar nicht mehr, ob ein Stockwerk oder zwei Stockwerke – und ich weiß auch gar nicht mehr, wie ich genau rausgekommen bin aus dem Gebäude. Jedenfalls waren wir auf einmal draußen, und dann fielen von oben die Steine runter. Die Menschen sprangen aus den Fenstern, viele starben damals auch.

Von der Türkei über Tschernobyl nach Russland

Verändert so ein Ereignis ein Reporterleben?

Ich habe danach immer geschaut, wo die Fluchtwege waren, wann immer ich in einem Hotel war. Das ist ja auch ganz logisch: Ich hatte wirklich Todesangst. Wir haben damals in Istanbul gewohnt und mussten immer durch einen Tunnel fahren, um nach Izmit zu kommen. Das waren jedes Mal vielleicht 30 Sekunden, aber die waren die Hölle. Weil ich immer daran gedacht habe: Was ist, wenn die Erde gleich wieder anfängt zu beben? Stürzt dann der Tunnel ein?

Izmit war aber nicht der einzige gefährliche Auslandseinsatz.

Das stimmt. Ich war zum Beispiel auch in Tschernobyl – direkt am Reaktor in der Todeszone. Und ein andermal war ich in Kassels russischer Partnerstadt Jaroslawl – zu Zeiten, in denen Boris Jelzin an der Macht war. Das war auch brenzlig.

Inwiefern?

Ich hatte damals keinen Ansprechpartner und flog ganz alleine dorthin. Ich wusste nur über die Deutsch-Russische Gesellschaft, dass ich in Moskau am Flughafen abgeholt und mit dem Auto nach Jaroslawl gefahren werden sollte. Als ich am Flughafen angekommen war, holte mich niemand ab. Schließlich kam ein Mann, der kein Englisch sprach, ich sprach kein Russisch. Er hielt ein Schild mit meinem Namen in die Höhe und bat mich, in seinen Lada zu steigen. Wir fuhren los, es war stockdunkel, das Handy funktionierte nicht, und ich dachte: Wenn sie dir jetzt eine über die Rübe hauen, bist du weg. Ich kam dann in Jaroslawl um 4 Uhr am Hotel an. Aber damit endete das Abenteuer nicht.

Wie ging es weiter?

Dort kam eine Frau in einem dreckigen Kittel auf mich zu und stellte mir kommentarlos eine Flasche Bier hin. Das war die Begrüßung. Was mir zudem auffiel, war, dass das Stadtfernsehen von Jaroslawl eine eigene Sendung über Mord und Totschlag hatte. Eine Stunde lang. Jeden Abend. Und ich hatte Dollar dabei. Deshalb habe ich das Hotel abends nicht mehr verlassen; ich hatte wirklich Bedenken. Aber interessant war es trotzdem. Der Unterschied zwischen Arm und Reich war immens. Ich habe gesehen, wie Frauen am Straßenrand Katzenbabys verkauft haben, um zumindest ein bisschen Geld zu bekommen. Gleichzeitig fuhren Reiche mit großen Mercedeslimousinen umher.

Test mit gängigen Wurstwaren: "Eine haarige Sache"

Gibt es einen Fleck, der vom Reporter Thonicke unbereist blieb?

Naja, ich war schon eher so in den Brennpunktgebieten des Ostblocks unterwegs. Ich war zum Beispiel auch kurz mal im Kosovo mit der Bundeswehr. Da musste ich unterschreiben, dass keine Lebensversicherung zahlt, wenn mir etwas passiert. Das habe ich zu Hause vorsichtshalber mal nicht erzählt. Es war halt ein Kriegseinsatz. Die Leute von der Bundeswehr haben gesagt, dass wir uns irgendwie durchschlagen müssten, wenn wir das Flugzeug verlassen sollten. Sie kämen in einer Woche wieder, und wer da dann nicht auf dem Rollfeld stehen würde, hätte Pech gehabt. Sie könnten auf keinen warten. Ich bin lieber gleich wieder mit zurückgeflogen, habe mich dann aber im Flugzeug mit zig Soldaten unterhalten. Daraus ist eine Serie entstanden.

Was war denn der härteste Fall?

Das Nervenaufreibendste war sicher die Geschichte zum BSE-Skandal. Ich hatte die Idee, dass wir mal gängige Wurstwaren kaufen und testen, ob da noch Rindfleischbestände zu finden sind. Die Firmen hatten ja alle damit geworben, dass ihre Produkte ohne Rindfleisch sind. Wir haben es dann in einem Labor untersuchen lassen, und siehe da: Es war tatsächlich noch Rindfleisch drin. Danach hatten wir mit den juristischen Abteilungen der großen Firmen zu tun. Das war schon eine haarige Sache. Wir haben aber gesiegt.

"Standhaft bleiben" und "nicht klein beigeben"

Ist das der Tipp an den Nachwuchs: einfach standhaft zu bleiben?

Wenn man von der Sache überzeugt ist, muss man standhaft bleiben. Ich stand gemeinsam mit der Kollegin Ulrike Pflüger-Scherb auch schon wegen Geheimnisverrats vor Gericht, weil wir aus staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten zitiert haben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man ein reines Gewissen hat und einfach seinen Job macht, dann darf man nicht klein beigeben. Es dient der Sache.

In solch einem Reporterleben hat man es mit den unterschiedlichsten Typen zu tun. Wer hat von denen denn den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen?

Da ist Mehmet Göker schon ganz weit vorn. Wenn er nicht seine kriminelle Ader gehabt hätte, wäre er heute noch eine große Nummer. Er ist ein Menschenfänger, der überzeugen kann. Die Telefonate mit ihm waren auch immer lustig. Meistens hat er mich dann irgendwann aufs Unflätigste beschimpft. Danach kappte er die Verbindung, und fünf Minuten später rief er wieder an und entschuldigte sich. Ich sag immer: Der Göker war der einzige Popstar, den Kassel je hatte. Der hat die Massen bewegt.

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