Taube lebt sechs Jahre in Transportbox

Tiere von Haltern vernachlässigt - 13 mal musste Amt einschreiten 

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Auch dieser Welpe wurde sichergestellt und in die WauMau-Insel gebracht.

Tiere von Haltern vernachlässigt: Viele Hunde, Katzen und Vögel weisen Verhaltensstörungen auf. 13 Mal schreitet das Kasseler Tierschutzamt ein.

  • Misshandlung von Tieren in Kassel.
  • 13 mal musste das Tierschutzamt im Jahr 2019 einschreiten.
  • Einige Fälle der Misshandlung von Tieren schockieren.

Kassel - Veterinärdirektorin Dr. Regina Emrich hat schon viele leidende Tiere aus quälenden Situationen und bedrohlichen Verhältnissen befreit, aber dieser Fall geht ihr nicht aus dem Kopf: Sechs Jahre lang hatte eine ältere Frau in ihrer Wohnung eine Taube in einer Transportbox gehalten. 

Das Tier, das sich in der winzigen, dunklen Kiste nicht bewegen, geschweige denn fliegen konnte, litt unter zurückgebildeten Muskeln und konnte am Ende nicht mal mehr auf den Beinen stehen.

„In dem Fall haben wir, nachdem wir die Taube und einen weiteren Vogel aus der Wohnung der Frau fortgenommen haben, ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen“, sagt Regina Emrich, die die Leiterin des zuständigen Amts für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit der Stadt Kassel ist. Diese Maßnahme sei selten und im vergangenen Jahr nur zweimal vorgekommen.

Kassel: Einige Tiere mussten ihren Haltern weggenommen werden

Neben der desaströsen Vogelhaltung war eine Katzenhaltung betroffen. Viermal musste nach Kontrollen Strafanzeige gestellt werden, weil Tieren „länger anhaltende Schmerzen oder Leiden“ zugefügt worden waren. Sie betrafen eine Hundehaltung, eine landwirtschaftliche Nutztierhaltung und in zwei Fällen Wildtiere.

Insgesamt 13 Mal wurden im vergangenen Jahr in Kassel Tiere ihren Haltern fortgenommen, weil sie „erheblich vernachlässigt“ worden waren und „schwerwiegende Verhaltensstörungen“ zeigten. Es handelte sich dabei um vier Hunde, sieben Katzen und zwei Vögel.

Auch dieser Welpe wurde sichergestellt und in die WauMau-Insel gebracht.

Diese Tiere werden in der Regel in ein Tierheim gebracht, in Kassel ist das die Wau-Mau-Insel. Die Halter reagierten häufig emotional. „Manchmal muss die Polizei hinzugezogen werden“, sagt Regina Emrich. „Leider erleben wir es immer wieder, dass sich Menschen, denen wir ihre Haustiere fortnehmen, sofort neue Tiere zulegen.“

Kassel: Wohlbefinden der Tiere wird vom Veterinäramt überprüft

Um die leidenden Tiere wahrzunehmen, sei die Behörde auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, die mutmaßliche Missstände meldeten, sagt die Tierärztin: „Ohne diese Verdachtsmomente kann die Behörde bei privaten Tierhaltungen nicht tätig werden.“

Das Veterinäramt der Stadt Kassel wird aktiv und guckt unangekündigt nach dem Rechten – auch wenn sich später herausstellt, dass die Haltungsumstände nicht zu beanstanden sind. Bei gewerbsmäßiger Haltung etwa in Zoogeschäften, Zirkussen und Zoos werde regelmäßig, bei privaten Hobbyhaltern anlassbezogen kontrolliert. Überprüft werden die Haltungsumstände und das Wohlbefinden gehaltener Tiere.

Kassel: Tierhalter unterschätzen Anforderungen der Haltung

Nicht immer erweisen sich Hinweise als rechtlich zu beanstanden. Wie neulich bei einem Fall in Bettenhausen. Ein anonymer Hinweis hatte das Veterinäramt der Stadt Kassel erreicht mit der Bitte, einen „armen gequälten Hund“ aus seinem Zwinger zu befreien. Das Amt wurde sofort aktiv und stellte fest, dass der Hund ausreichend zu essen und zu trinken hatte und sich der Zwinger in einem tierschutzkonformen Zustand befand.

Veterinärdirektorin Dr. Regina Emrich.

Dennoch wurde der Halter auf Probleme und Gefahren hingewiesen. Zum Beispiel darauf, dass sich im Zwinger Gegenstände befanden, an denen sich der Hund verletzen konnte. Es gab deutliche Hinweise zur Tierhaltung, und der Halter muss mit einem Kontrollbesuch rechnen.

Viele Tierhalter unterschätzten die Anforderungen, die in Deutschland an Tierhaltung gestellt würden, sagt die Fachfrau. „Beispielsweise wie anspruchsvoll die Haltung von Kaninchen ist.“ Kaninchen müssten die Möglichkeit haben, in ihrem Gehege mindestens drei Hoppelschritte zu machen. Viele wüssten das nicht.

Kassel: Reaktionen der Tierhalter sehr unterschiedlich

Manche Menschen reagierten auf solche Hinweise dankbar, andere seien uneinsichtig. „Häufig müssen wir anordnen, dass ein Tierarzt aufgesucht wird“, sagt Emrich und zeigt das Foto eines Hundes mit einer schweren Hauterkrankung. „Manchmal muss ein Tier auch von seinen Leiden erlöst werden.“ Da komme es unter Umständen zu dramatischen Situationen.

Unverzüglich werden die Tierschützerin Kassel  tätig, wenn akute Gefahr droht, etwa wenn Hinweise kommen, dass ein Hund in glühender Hitze in einem Auto eingesperrt ist.

Bei „eilbedürftigen Tierschutzvergehen“ außerhalb der Bürozeiten sollten sich Bürger an die Polizei wenden, rät Regina Emrich. Zwischen Polizei und Tierschutzüberwachung bestehe Rufbereitschaft.

Video: Wenn Menschen Tiere quälen: Die Ursachen liegen meist in der eigenen Vergangenheit

Kontakt: E-Mail an veterinaer@kassel.de

In Kassel machte eine weitere Tierquälerei in der vergangenen Woche Schlagzeilen: In einem Verfahren um den insolventen Schlachthof Kassel kam heraus, dass die Schweine vor der Schlachtung nicht richtig betäubt wurden.

Eine grauenvolle Quälerei von Katzen beschäftigte Mitte Dezember 2019 die Polizei in Nordthüringen: Die Tiere wurden schrecklich verstümmelt und teilweise getötet.

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