„Grüß mir die Heimat und den Herkules“

Kassel-Hymne: Eine der frühesten Aufnahmen ausgegraben

Kassel. An Liedern, die von Kassel handeln, herrscht kein Mangel: Aus patriotisch motiviertem Spaß oder vor dem Hintergrund feierlicher Anlässe in der Stadt denkt sich immer wieder jemand einen Kassel-Song, Kassel-Rap oder Kassel-Boogie aus. Eine der frühesten Aufnahmen stammt von René Olfen.

René Olfen

Während Klassiker wie Gustav Webers „Als Kassel noch en kleines Nesd“ seit über 100 Jahren vorwiegend mündlich weitergegeben werden, ist zu jeder der heutigen Kreationen flugs eine CD und ein Internetvideo produziert. Eine der frühesten Tonaufnahmen mit einer musikalischen Liebeserklärung an Kassel hat die HNA im Stadtjubiläumsjahr ausgegraben: „Grüß mir die Heimat und den Herkules“ heißt die Sehnsuchtshymne, die der 1990 verstorbene Sänger und Theaterkünstler René Olfen im Jahr 1932 auf eine Schelllack-Scheibe aufgenommen hat.

Paul Dorn

In der Zwischenkriegszeit hatte es Olfen, der 1898 in Marburg unter seinem bürgerlichen Namen Heinrich Schmidt geboren wurde, von Kassel aus zu Starruhm gebracht. Olfen, der ein Gesangsstudium und eine Tanzausbildung absolviert hatte, war am hiesigen Staatstheater engagiert, spielte in Ufa-Filmen wie „Mary Lou“ (1928) mit und tourte mit einer Tanztheatertruppe um die Welt, wobei der Kasseler in Kosaken-Kostümierung auf Plakaten als „bester russischer Sturmwindtänzer der Zeit“ oder als „Teufels-Kosak aus dem Ural“ angekündigt wurde.

Solche Tourneen führten Olfen bis in die Südsee und auch nach Albanien, wo er die Idee für seine Kassel-Hymne gehabt haben soll - die erste Textstrophe zumindest legt dies nahe. Ob die dort geschilderte Begegnung mit einem Nordhessen fern der Heimat tatsächlich stattgefunden hat oder Olfens Sehnsuchts-Phantasie entsprang, wird sich wohl nicht mehr klären lassen.

Verbürgt aber ist, dass René Olfen in seiner zweiten Lebenshälfte Halt in Phantasiewelten suchte. Der vielseitig begabte Künstler, der als Sänger, Musiker, Tänzer, Schauspieler, Dichter, Fotograf und Maler in Erscheinung getreten war, brachte in den 1950er- und 60er-Jahren noch mehrere Schallplattenaufnahmen heraus, doch sein künstlerischer Ruhm der Vorkriegszeit war in Vergessenheit geraten.

Soundcloud zu Olfen

Völlig zurückgezogen lebte Olfen in einer heruntergekommenen Gartenlaube im Kasseler Norden, umgeben von Erinnerungsstücken wie seiner Kosaken-Balalaika und selbst gemalten Südsee-Idyllen, mit denen er nach Fotografien von seinen Tourneereisen die Wände bemalt hatte. Eine Vertraute radelte 30 Jahre lang jeden Tag aus Wilhelmshöhe zu Olfens Laube, um dem Ufa-Star von einst warmes Essen zu bringen.

Soundcloud zu Dorns Version

Noch mehr Kassel-Lieder gibt es hier.

Von insgesamt 24 Tonträgern, die René Olfen besungen hat, überdauerte im Gedächtnis der Kasseler vor allem sein musikalischer Gruß an die Heimat mit dem Herkules. Aus jeder Zeile schmachtet die Sehnsucht eines Reisenden nach den schönen Plätzen Kassels.

Kurze Zeit nach der Aufnahme des Kassel-Liedes von René Olfen entstand 1932 bei der Schallplattenfirma Tonographie in Berlin eine weitere Einspielung des Titels, die vermutlich nur im Großraum Kassel verkauft wurde. Statt Olfens Mandoline ist darauf zeitgenössische Orchestermusik zu hören, gespielt von der Kapelle Willy Metschke.

Der Berliner Studiosänger Paul Dorn singt auf dieser Aufnahme das Stück „Grüß mir die Heimat mit dem Herkules“ mit leicht verändertem Text: Während es in Olfens Originalaufnahme heißt: „Grüß mir das Denkmal auf dem Friedrichsplatz“, lautet der Text bei Dorn: „Grüß mir den Druselturm, den Friedrichsplatz“. Eine weitere Veränderung: Bei Olfen heißt es „Mein deutscher Kamerad im Reisedress“, Paul Dorn singt: „Mein deutscher Kamerad, bist du ein Hess’?“.

Von Axel Schwarz

Der Text zum Lied:

Mein deutscher Kamerad im Reisedress, grüß mir die Heimat mit dem Herkules. Grüß mir das Denkmal auf dem Friedrichsplatz, das grüne Fuldatal, die Graue Katz’. Grüß mir die Karlsau’ und die schöne Wilhelmshöhe. Wer weiß, ob jemals ich mein Kassel wiedersehe.

Wir tauschten beide noch so manches Wort von heimatlichen Gauen, dann brach ich auf, ich musste plötzlich fort, mich zog’s nach deutschen Auen. Und als ich an der Fulda stand, gedachte ich der Tränen des Alten dort im fernen Land, der Worte voller Sehnen:

Mein deutscher Kamerad im Reisedress, grüß mir die Heimat mit dem Herkules. Grüß mir das Denkmal auf dem Friedrichsplatz, das grüne Fuldatal, die Graue Katz’. Grüß mir die Karlsau’ und die schöne Wilhelmshöhe. Wer weiß, ob jemals ich mein Kassel wiedersehe.

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