Oberbürgermeister Geselle: „Unser Konzept ist aufgegangen“

Corona-Demo in Kassel: Viele Polizisten, wenig „Querdenker“

Friedenslieder unter Beobachtung der Polizei: Gönna Pezely demonstriert seit Monaten gegen die Corona-Maßnahmen. Mit der Gruppe „Prayer of the Mothers“ war sie am Samstag an der Buga.
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Friedenslieder unter Beobachtung der Polizei: Gönna Pezely demonstriert seit Monaten gegen die Corona-Maßnahmen. Mit der Gruppe „Prayer of the Mothers“ war sie am Samstag an der Buga.

Mehr als 3000 Polizisten setzten Samstag das von der Stadt verhängte Verbot der „Querdenker“-Demo durch. So erlebte Kassel den Tag im Ausnahmezustand.

Auch ohne „Querdenker“-Demo war Kassel am Samstag im Ausnahmezustand: Mit einem massiven Aufgebot setzte die Polizei das von der Stadt verhängte Demonstrationsverbot gegen Kritiker der Corona-Maßnahmen durch. Nach HNA-Informationen sollen mehr als 3000 Polizisten im Einsatz gewesen sein – doppelt so viel wie am 20. März, als 20 000 Menschen trotz Verbots in der Innenstadt demonstriert und massenhaft gegen Auflagen verstoßen hatten.

Auch wegen der Erfahrungen von damals hatte der Hessische Verwaltungsgerichtshof das Verbot der Stadt bestätigt. Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) sagte unserer Zeitung: „Unser Konzept ist aufgegangen. Präsenz und Einsatztaktik der Polizei sowie unsere Verbotsverfügung haben dafür gesorgt, dass der Tag so verlaufen ist.“

Der Friedrichsplatz, auf dem der „Mittsommer in Kassel“ eigentlich mit 3500 Teilnehmern stattfinden sollte, war abgeriegelt, in der Innenstadt galt eine Maskenpflicht, an mehreren Stellen standen Wasserwerfer. Auch der Auedamm blieb gesperrt. An Autobahnabfahrten kontrollierten Polizisten Wagen mit Kennzeichen aus anderen Regionen. Mit allen Mitteln sollte verhindert werden, dass Kassel wieder zum Treffpunkt der „Querdenker“ wird wie am 20. März.

Bei Geschäftsleuten, die damals besonders zu leiden hatten, und Passanten kam die Strategie gut an. Svantje Reichhard, Filialleiterin des Schuhgeschäfts Deichmann: „Das Aufgebot ist enorm.“ Aber sie fühle sich sicherer als bei den chaotischen Zuständen vor drei Monaten. Auch dank dieser Polizeipräsenz habe sich das nun nicht wiederholt. Im ÖPNV kam es den ganzen Tag zu Behinderungen.

Während die Gegendemonstrationen am Opernplatz und Altmarkt mit 80 Teilnehmern friedlich verliefen, kontrollierte die Polizei vor allem in der Karlsaue und an der Buga Personen und Kleingruppen aus dem „corona-kritischen Bereich“, wie sie mitteilte.

Die Polizei: Dass der 19. Juni anders verlaufen würde als der 20. März, zeichnete sich schon am Freitagabend ab. Da wurde der Auedamm gesperrt, wo im Frühjahr zahlreiche „Querdenker“ vor allem aus Süddeutschland übernachtet hatten. In die Innenstadt wurden Absperrgitter gebracht, mit denen der Friedrichsplatz abgeriegelt wurde. Am Samstag trifft man vor allem in der Karlsaue und an der Buga auf viele Beamten. Am Ende zieht die Bundespolizei ein positives Fazit: „Bei hochsommerlichen Temperaturen blieb es den ganzen Tag über ruhig, nur wenige Teilnehmer für die genehmigten Veranstaltungen waren unterwegs.“

Die Kaufleute: Für Kaufleute und Gastronomen in der Innenstadt geht das Aufgebot der Polizei in Ordnung. Christian Schön, stellvertretender Betriebsleiter vom Bistro Alex, berichtet zwar von einer Mitarbeiterin, der ein bisschen anders zumute gewesen sei, als sie am Morgen die Wasserwerfer sah. Aber er stehe komplett hinter der Aktion. Schön denkt an den 20. März, als zu wenig Polizisten vor Ort gewesen seien, und die „Querdenker“ für chaotische Zustände in der City gesorgt hätten. Der Gastronom findet es gut, dass die Stadt auf diese Weise zeige, dass so etwas kein zweites Mal passiert. Auf das Geschäft hätten sich die Umstände nicht negativ ausgewirkt.

Ähnlich äußert sich Birgit Taggeselle. Die stellvertretende Filialleiterin der Buchhandlung Thalia empfindet das Auftreten der Polizisten als sehr diskret. Die Polizei zeige Flagge und sorge für Sicherheit. Svantje Reichhard, Filialleiterin des Schuhgeschäfts Deichmann, äußert sich ebenfalls positiv. Die Kunden seien wie sonst in den Laden geströmt.

Die Passanten: Von der Polizeipräsenz lassen sich die wenigsten stören. In der Königsstraße wird gebummelt, eingekauft, „ich kann hier meine Shopping-Tour machen“, sagt etwa Lothar Heinemann. Der 71 Jahre alte Kasseler ergänzt: „Lieber ein Polizist mehr als zu wenig.“ Sicherheit gehe vor.

Manuela und Sven Fritsch wussten, worauf sie sich einlassen, als sie am Vormittag von Hann. Münden in Richtung Kasseler Innenstadt aufgebrochen sind. Das Ehepaar habe damit gerechnet, Polizisten anzutreffen. Traurig sei es nur, dass es so viele sein müssen. Dennoch zeigen sie Verständnis. Keiner habe genau gewusst, was heute passiert: „Die friedlichen Leute müssen geschützt werden.“

Die tanzenden Frauen: Als die Sonne am höchsten steht, sitzt Gönna Pezely mit neun anderen Frauen unter einem schattigen Baum und wird von einem halben Dutzend Polizisten beobachtet. Selbst per Drohne aus der Luft wird die Gruppe kontrolliert, die sich „Prayer of the Mothers“ nennt. Schon vor der Pandemie trafen sie sich, um Friedenslieder zu singen. Nun kritisieren sie die Corona-Maßnahmen.

„Wir wollen doch keinen Umsturz, sondern etwas Positives“, sagt Pezely, die den Polizeieinsatz „absurd“ findet. Die Stadt habe aus „einer Angst“ gehandelt, „wieder die Kontrolle zu verlieren. Für einige von ihnen fühle es sich an wie eine „Rache für den 20. März“. Dabei habe man voraussehen können, dass der „Mittsommer in Kassel“ viel kleiner werde.

Immer wieder muss die 61-Jährige mit Polizisten reden, weil nicht mehr als zehn Personen zusammenkommen dürfen. Einmal weist sie darauf hin, dass die Polizeiwagen in unmittelbarer Nähe zu laut seien und beim Singen störten. Später fahren die Beamten weg.

Die nächsten Wochen wird Pezely auf La Palma verbringen, wo sie eigentlich lebt. Danach will sie nach Nordhessen zurückkommen, wo sie die Gruppe „Kassel im Dialog“ leitet. Der Dialog mit der Polizei hat schon mal gefruchtet.

Der Spaziergänger: Ein Mann beobachtet, wie die unzähligen Polizisten die wenigen Kritiker der Corona-Maßnahmen an der Buga kontrollieren. Er sei kein „Querdenker“ versichert er, aber er schimpft: „Das hier ist Faschismus.“

Der Organisator: Der Mann, der den „Mittsommer in Kassel“ erfunden hat, ist froh, dass ihn auf dem Opernplatz niemand erkannt hat. Ursprünglich hatte Felix Blessmann 17 500 Teilnehmer auf dem Friedrichsplatz angemeldet, später rechnete er mit 3000. Doch in der Innenstadt dürfen sich nur die Gegendemonstranten versammeln. Deren Veranstaltung hat sich Blessmann auf dem Opernplatz kurz angeschaut. Danach ist er an die Buga gegangen. Seinen Lautsprecher durfte er nach einem Hinweis der Polizei nicht mitnehmen. Er steht kurz vor einem Platzverweis, wie er sagt.

Am Ende schätzt er, dass über den Tag verteilt etwas mehr als 100 Leute an die Buga gekommen seien. Die meisten kennen sich. Laut Blessmann hat „sich die Stadt heute selbst vorgeführt. Es hat sich gezeigt: Es lag eine absolute Fehleinschätzung der Behörden vor.“ Ein Mitorganisator nennt das Verbot von Stadt und Gericht „demokratiefeindlich“.

Die Hitze: Den härtesten Job haben am Samstag die Polizisten, die bei 32 Grad in Uniform und zum Teil unter Helmen schwitzen müssen. Ein Beamter sagt: „Alles eine Kopfsache.“ (Matthias Lohr und Robin Lipke)

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