Holzkonstruktion hielt nicht lange und wurde vor 200 Jahren abgerissen

Im Kasseler Bergpark stand einst eine Moschee

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Stand vor 200 Jahren in der Nähe von Schloss Wilhelmshöhe: Die Moschee im Bergpark wurde über dem Lac mit Blick auf den Weißensteinflügel gebaut. Die Animation stammt von Friedrich Forssmann.

Die chinesische Pagode im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel dürften viele Besucher kennen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert gab es oberhalb vom Lac aber auch eine Moschee.

Der Kasseler Welterbeverein wollte deren Geschichte eigentlich bei einer Führung näher erläutern. Wegen der Corona-Einschränkungen könne man das leider nicht machen, sagt die Vorsitzende Brigitte Bergholter. Die Informationen zu der Moschee hat der Kunsthistoriker Gerd Fenner zusammengetragen und der HNA zur Verfügung gestellt. Sie sind Teil einer Reihe über ehemalige und eher unbekannte Bauten im Bergpark. Zuletzt ging es um das Cholerahaus, das oberhalb der Tulpenallee am Neuen Wasserfall stand.

Auch an einer anderen Stelle hat sich der Bergpark verändert. Die Moschee sei um 1780, also noch früher als das chinesische Dorf, entstanden, sagt Gerd Fenner. Und zwar an einem sehr schönen Standort auf einem kleinen Plateau oberhalb des Lac. Die weitgehend aus Holz gestaltete Konstruktion habe aus einem achteckigen Mittelbau, einem kreisförmigen Oberteil und einer Kuppel bestanden. Auf den Spitzen der zwei Minarette und auf der neun Meter hohen Mittelkuppel seien Halbmonde zu sehen gewesen.

Sie blieb erhalten: Die chinesische Pagode steht immer noch im Bergpark.

In den berühmten Kew Gardens in London stand das Vorbild für die Kasseler Bergpark-Moschee. Um 1760 wurde sie vom königlichen Hof-architekten William Chambers zusammen mit vielen anderen exotischen Bauten errichtet.

Das hat Eindruck gemacht. Auch beim hessischen Landgrafen Friedrich II., der mit der englischen Prinzessin Maria verheiratet war. Schon deshalb war er sehr gut über die Entwicklungen in der Gartenkunst auf der Insel informiert. Es verwundere deshalb nicht, sagt Fenner, dass im Bergpark die von Chambers geschaffenen Stimmungsbilder nach chinesischem Vorbild Einzug hielten. Das könne man auch gut im Gartenreich Wörlitz sehen. Beide Parks gehörten zu den prominentesten Beispielen der anglo-chinesischen Gärten auf dem Kontinent.

Wegen der leichten und deshalb nicht lange haltbaren Bauweise seien schon nach 15 Jahren die Minarette der Moschee verschwunden. Wahrscheinlich Ende der 1820er-Jahre sei der Bau dann gänzlich beseitigt worden. Das Plateau, auf dem es stand, könne man heute noch erkennen.

Und noch ein interessanter Aspekt: Zur Religionsausübung ist die Moschee nie vorgesehen gewesen, sondern eher für repräsentative Zwecke. Aus historischen Unterlagen geht hervor, dass die hochwertige Ausstattung der Räume die damals beträchtliche Summe von 448 Reichstalern gekostet hat.

Es gab – so die Recherchen von Fenner – allerdings auch ein weiteres Anliegen, das durch den Bau deutlich wurde. Dabei handele es sich um die aufklärerisch inspirierte Toleranzidee des 18. Jahrhunderts. Demnach sollte allen Religionen ein gleichwertiges Existenzrecht, Respekt und Achtung zugebilligt werden. Auch dafür stand die Moschee im Bergpark.

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