Der literarische Nachlass der Jüdin Susanne Vogel als Buch veröffentlicht

Vogels wurden erst im zweiten Anlauf heimisch in Kassel

Agnes, Susanne und Hans Vogel in den 1930er-Jahren in Kassel.
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Familie Vogel lebte bereits in den 1930er-Jahren das erste Mal in Kassel.

Der Nachlass der jüdischen Musikerin und Autorin Susane Vogel ist im Kasseler Euregioverlag veröffentlicht worden. Das Buch gibt auch Auskunft über Ehemann Hans Vogel, dem Direktor der Staatlichen Sammlungen in Kassel nach dem Krieg.

Kassel. Wie so oft war es auch hier ein unvorhergesehener Zufall, der ein großes Stück Geschichtsschreibung im Allgemeinen und im Besonderen mit einem starken Bezug zu Kassel zum Vorschein gebracht hat. Wieder ist ein wichtiger Zeitzeugenbericht vor dem Vergessen gerettet worden. Es handelt sich um den literarischen Nachlass – darunter Briefe und Tagebücher – von Susanne Vogel, der jetzt von Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas in einem eindrucksvollen Buch (Euregioverlag Kassel) der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Susanne Vogel, die Autorin und Musikerin jüdischer Herkunft, hat nach einem bewegten Leben und dem Überleben der NS-Zeit zuletzt in Kassel gelebt, wo sie 1984 starb. Ihr Mann, Hans Vogel, war ein Jahrzehnt zuvor verstorben. Der vielseitig talentierte Mann – er hatte einen Doktortitel in Wirtschaft und in Kunstgeschichte – war nach dem Krieg lange als Direktor der Staatlichen Kunstsammlung in Kassel tätig. In dieser Funktion leistete er im kriegszerstörten Kassel pionierhafte Aufbauarbeit.

Viele Aufzeichnungen der 1899 in Stettin geborenen Susanne Vogels kreisen um ihren geliebten Mann, den sie zärtliche Kosenamen gab, etwa „Schieperle“, was auf Schlesisch „kleiner Hase“ bedeutet, ebenso wie um die Tochter Agnes, die heute 96-jährig in Kanada lebt.

Angehörige Susanne Vogels wurden im Holocaust getötet, ihr innig geliebter Vater, ein renommierter Mediziner, nahm sich am Vorabend seiner Deportation ins KZ das Leben. Susanne Vogel benötigt Jahre, um dieses traumatische Erlebnis niederzuschreiben.

Am 15. Februar 1945 notiert Susanne Vogel in ihrem Tagebuch: „Furchtbar sind diese Verzweifelungsanfälle. Wie oft denke ich, jetzt habe ich das Schlimmste überwunden – aber dann kommt es über mich – so furchtbar, vernichtend – diese schreckliche Sehnsucht!!“ Susanne Vogel ist von der Angst um ihren Mann beherrscht, dessen Verbleib ihr nach dessen Kriegsdienst, Verletzung und schwerem körperlichen Arbeitsdienst unbekannt ist.

Dann gibt es einen Hinweis, er halte sich in Potsdam auf. Noch herrscht Krieg und Susannes Reise nahe der Front zu ihrem Mann ist lebensgefährlich. Doch im Frühjahr 1945 findet die Familie wieder glücklich zusammen. Nach einem Jahr in Potsdam machen sich die Vogels auf den Weg, illegal über die grüne Grenze nach Kassel. Hier war Hans Vogel bereits Anfang der 1930er-Jahre bei den Staatlichen Kunstsammlungen angestellt. Weil er sich hartnäckig dem Druck der Nationalsozialisten widersetzte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, musste er seinen Posten quittieren.

Susanne Vogel ist nach dem Krieg nach Kassel zurückgekehrt.

Nun, zehn Jahre später, unternahm er einen zweiten Anlauf in Kassel. Mit seiner Anstellung als Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen beginnt ein neuer Lebensabschnitt für die Familie. Agnes Vogel besucht die Jacob-Grimm-Schule.

Julia Drinnenberg, die pädagogische Leiterin der jüdischen Abteilung im Stadtmuseum Hofgeismar, erklärt, wie es zum Buch kam: „Im Frühjahr 2020 wandte sich Richard Brook, ein Nachkomme der Familie Susanne Vogels, an mich mit der Anfrage, ob ich einen ihrer Briefe vom Deutschen ins Englische übersetzen würde.“ Es war der Beginn einer Schatzbergung von poetischen Texten, die Julia Drinnenberg mit Ko-Herausgeberin Gabriele Hafermaas sowie der in den USA und Kanada lebenden Familie Susanne Vogels nun in Angriff nahm. Nach und nach setzten sie die Teile einer bewegenden Familiengeschichte zu einem bedeutenden Buch zusammen.

Service: Julia Drinnenberg, Gabriele Hafermaas (Hrsg.): Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld..., – Susanne Vogel, Schriften und Tagebuch, Euregioverlag Kassel, 191 Seiten, 19,90 Euro.

(Christina Hein)

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