200 Wohnungslose

Immer mehr Obdachlose in Kassel – Wie halten die Betroffenen durch?

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Rouven Dros und Tobias Rouw schlafen neben der Eisrutsche in der Treppenstraße am ehemaligen Sportarena-Eingang.

Es ist kaum zu übersehen: Immer mehr Menschen leben in Kassel auf der Straße. 525 Obdachlosenhaushalte zählt die Stadt aktuell.

Zu den Menschen, die dieser Tage auf der Königsstraße ihre Decken und Schlafsäcke ausgebreitet haben, gesellen sich in der kalten Vorweihnachtszeit zusätzlich noch mehr Bettler als sonst. In Kassel hat die Zahl der Wohnungslosen stark zugenommen. Sie hat sich nach Schätzungen des Vereins Soziale Hilfe in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Die Angaben leiten die Sozialarbeiter in der Tagesaufenthaltsstätte Panama wie Stefan Jünemann von den Klientenkontakten ab: 2010 waren es 2200, im Jahr 2018 insgesamt 4026.

Es handelt sich dabei um geschätzt 200 Personen. Die Hauptursache: „Es gibt immer weniger bezahlbaren Wohnraum und kleine Wohnungen. Es fehlen Sozialwohnungen“, sagt Panama-Leiter Jünemann. Nach jüngsten Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland deutlich gestiegen. Es wird von einer Steigerung um 15 bis 20 Prozent in nur einem Jahr ausgegangen, hieß es jetzt aus Berlin. Im Laufe des Jahres 2018 waren 678.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. 

In Kassel gibt es für Obdachlose im Winter Notschlafstellen

Sieben Prozent davon gelten als obdachlos – sie leben also ohne jede Unterkunft auf der Straße. Als wohnungslos gilt, wer dauerhaft keine Wohnung hat und in Unterkünften lebt, in denen der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist. „In Kassel ist die Situation auch deshalb etwas entspannter als in anderen Städten, weil wir ausreichend Plätze in Heimen für Geflüchtete haben“, sagt Sozialdezernentin Ilona Friedrich. Wie in jedem Jahr hat am 1. November die Soziale Hilfe für ein halbes Jahr ihre Notschlafstellen geöffnet: fünf Container im Stadtgebiet. 

Vier stehen an Kirchen, einer auf städtischem Grundstück. Auch die Drogenhilfe Nordhessen bietet im Winterhalbjahr an der Erzberger Straße erneut Schlafstellen an. Kassel war 1990 die erste Stadt in Hessen, die Notschlafstellen eingerichtet hatte. Das Budget der Stadt für Notschlafstellen betrug in diesem Jahr 89.750 Euro. Die Drogenhilfe erhielt 29.750 Euro und der Verein Soziale Hilfe 60 000 Euro.

525 Obdachlosenhaushalte in Kassel

Die Zahl der von der Stadt untergebrachten Obdachlosenhaushalte ist von 254 im Jahr 2009 auf 525 in diesem Jahr gestiegen. Außerdem betreibt die Stadt seit 2018 eine Notschlafstelle für in Kassel obdachlos gewordene Bürger, die Probleme mit der Wohnfähigkeit haben. 2020 wird eine Notschlafstelle für alleinlebende Frauen öffnen. Die Aufwendungen für Obdachlosenunterkünfte haben sich von jährlich 1.25 Mio. Euro (2009) auf 4.1 Mio. Euro (2019) erhöht.

Obdachlos: So hart ist das Leben auf der Straße in Kassel

Dass der Obdachlose Rouven Dros jeden Tag in der Kasseler Fußgängerzone bettelt, liegt auch am Fahrplan der Deutschen Bahn. Anfang des Jahres stand der Mann aus Wuppertal am Bahnhof in Dortmund und wusste nicht, wohin er sollte. Der nächste Zug fuhr nach Kassel. Dros stieg ein. Seither ist Kassel sein Zuhause – wenn es so etwas für Obdachlose gibt.

Der Garten- und Landschaftsbauer lebt seit elf Jahren und elf Monaten auf der Straße. Damals trennte sich seine Frau von ihm. Er verlor sein Kind und sein bisheriges Leben. Er ging einfach nicht mehr zur Arbeit und suchte Trost im Alkohol und anderen Drogen. „Bis auf Crystal Meth nehme ich alles“, sagt der 41-Jährige. Den Entzug hat er schon unzählige Male probiert, aber jedes Mal war die Sucht stärker.

In Kassel hat der Westfale Tobias Rouw (27) getroffen, der hyperaktiv ist und wie ein Wasserfall redet – von Klinikaufenthalten, Hilfsangeboten wie Panama und dem Leben auf der Straße. Seit Monaten verbringen beide Tag und Nacht zusammen. Wenn man Dros fragt, wie er die Nervensäge neben sich aushält, lachen beide und umarmen sich.

Das Duo sitzt jeden Tag vor dem ehemaligen Haupteingang der Sportarena in der Königsstraße, um zu betteln. Ihr Nachtquartier haben die beiden mit einem anderen Obdachlosen am Nebeneingang in der Treppenstraße aufgeschlagen. Ein Schausteller vom Weihnachtsmarkt hat ihnen erlaubt, eine Werbetafel so hinzustellen, dass ihr Platz auf dem kalten Boden nun ein bisschen geschützt ist. Gemütlich ist das trotzdem nicht. Wenn es nun richtig kalt wird, hilft nur eins. „Dann machen wir ein Sandwich“, sagt Rouw. Zu dritt kuscheln sie sich übereinander.

Auch Martin Schmidt weiß, wie man sich vor der Kälte schützt. Der 41-Jährige stammt aus Hannover und sitzt jeden Tag zehn Stunden neben der Thalia-Filiale, um von Passanten etwas Geld zu bekommen. „Ich bin angezogen wie ein Waschbär und trage zwei Hosen übereinander“, sagt der ehemalige Koch.

Obdachlos in Kassel: Martin Schmidt bittet jeden Tag Passanten in der Königsstraße um etwas Geld.

Den Job in einem Restaurant in Hannover verlor er, weil sein Chef ins Gefängnis musste und der Laden geschlossen wurde. Seither zieht er durch Deutschland. In Kassel findet er es am besten: „In Hannover, Dortmund und Köln sind die Menschen feindlich, hier sind sie alle nett.“ Am Ende des Tages hat er 20 Euro in seinem Geldschälchen. Am Monatsanfang können es auch mal 60 sein. Er kauft sich dann Smoothies, „damit ich gesund bleibe.“ Ansonsten geht er Containern: Er holt sich Lebensmittel, die Aldi-Mitarbeiter wegwerfen.

Das Leben auf der Straße ist in den vergangenen Jahren noch rauer geworden, findet Schmidt. Er kennt Obdachlose, die nachts ausgeraubt wurden. Rumänische Banden seien am schlimmsten.

Zuletzt schlief er in einem Treppenhaus in der Brandaustraße. Der Besitzer entdeckte ihn und hat ihm nun eine Wohnung in Aussicht gestellt. „Das könnte das Sprungbrett in ein normales Leben werden“, hofft Schmidt, der einen großen Traum hat: „Wenn ich einen Sechser im Lotto habe, baue ich ein großes Haus, in dem Obdachlose wohnen können.“

Tomek ist ebenfalls obdachlos. Er hat über sein Leben im Winter und die Notschlafstelle erzählt.

Dros und Rouw hoffen derweil auf einen Schlafplatz in einem der Hilfsangebote. Dass sie noch einmal wegkommen von der Straße, glauben sie selbst nicht so richtig. „Es gibt viele Probleme auf der Straße, aber auch eine große Freiheit“, sagt Rouw: „Wenn du abends in die Sterne guckst, kann dir das niemand nehmen. „Notfalls ziehen wir das bis zum bitteren Ende durch.“

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