Kassel: Immer schwieriger, Fachkräfte für freie Stellen zu finden

Kassel. Der anhaltend positive Trend auf dem Arbeitsmarkt hat auch eine Kehrseite. „Wir registrieren Personalengpässe und Fachkräftemangel in immer mehr Berufen“, sagt Detlef Hesse, Chef der Arbeitsagentur Kassel.

Trotz der noch vergleichsweise hohen Zahl von Arbeitslosen falle es dem Arbeitgeberservice in einigen Branchen zunehmend schwer, die Stellen schnell zu besetzen. Wird der Bedarf des Arbeitsmarkts künftig noch aus der Gruppe der Menschen, die Arbeit suchen, zu decken sein? „Ohne Zuwanderung wird es in Zukunft nicht gehen“, sagt Agenturchef Hesse. Ziel müsse aber zunächst sein, so vielen Arbeitslosen aus der Region wie möglich einen Job zu vermitteln. Problematisch sei dabei, dass 50 Prozent der Arbeitslosen keine Berufsausbildung haben.

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70 bis 80 Prozent der Arbeitgeber suchten hingegen nach Fachkräften. Grundsätzlich müssten Arbeitgeber deshalb künftig bereit sein, auch wettbewerbsschwächere Arbeitnehmer einzustellen. „Der Schlüssel lautet Bildung und Qualifizierung.“ Dafür steht allerdings weniger Geld zur Verfügung als früher: Im vergangenen Jahr kürzte der Bund die Mittel für die Jobcenter um fast 30 Prozent. Für das Jobcenter der Stadt Kassel bedeutete das im laufenden Jahr ein Eingliederungbudget von 17 Mio. Euro statt 23,5 Mio Euro (2010).

Für das kommende Jahr rechne man mit einer erneuten Kürzung von 20 Prozent im Hartz-IV-Bereich, sagt Hesse. Deshalb könne man künftig nicht mehr eine Fülle von Angeboten machen, sondern müsse sich jeden Einzelfall genau anschauen, um passgenaue Fördermaßnahmen zu finden. Dabei gehe es nicht immer rein um Qualifizierung, sondern auch darum, andere Probleme zu lösen, gibt Agenturchef Hesse zu bedenken. Bei der geringer werdenden Zahl Arbeitsloser erhöhe sich der Anteil derer mit „multiplen Vermittlungshemmnissen“.

Wer neben gesundheitlichen Einschränkungen etwa auch Schulden- oder Suchtprobleme habe oder nur schlecht Deutsch spreche, habe es bei der Jobsuche naturgemäß schwerer. Deshalb wird der Abbau der Arbeitslosigkeit auch nicht bis zur Vollbeschäftigung fortsetzbar sein. Hesse hält für die Stadt Kassel eine Quote von sieben bis acht Prozent mittelfristig für realistisch. Dafür sei aber auch Voraussetzung, dass Unternehmen die Potenziale von über 50-Jährigen nicht brach liegen ließen.

Gerade unter den Älteren gebe es viele, die eine gute Ausbildung und Zusatzqualifikationen hätten. Nach wie vor vollziehe sich der Abbau der Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe nur schleppend. Binnen Jahresfrist ging deren Zahl (aktuell 6102) um weniger als ein Prozent zurück. Fast jeder dritte Arbeitslose ist über 50 Jahre alt.

Von Katja Rudolph

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In einer Umfrage der Handwerkskammer Kassel (HWK) vom Frühjahr habe fast jeder vierte Betrieb angegeben, dass Mitarbeiter fehlten, berichtet HWK-Sprecherin Barbara Scholz. Betroffen seien vor allem die Bereiche Bau/Ausbau, Metall und Elektro, die Lebensmittelhandwerke und die Frisöre. Es sei spürbar, dass das Angebot auf dem Arbeitsmarkt geringer geworden sei. Im Handwerk würden generell Fachkräfte gesucht. Deshalb werde in den Betrieben traditionell ausgebildet. Natürlich ließen sich auch Arbeitslose qualifizieren, sagt Scholz: „Aber wenn jemand völlig fachfremd ist, kann man aus ihm nicht von heute auf morgen einen Facharbeiter machen.“

Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist der Fachkräftemangel in einigen Branchen ebenfalls angekommen: vor allem in technischen Bereichen ab der Facharbeiterebene. Auch Hochschulabsolventen technischer und naturwissenschaftlicher Studiengänge würden gesucht, sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Spengler. Er rechnet damit, dass sich das Problem durch das Älterwerden der Bevölkerung noch verstärkt. Die Unternehmen begegneten dem mit der Qualifizierung eigenen Mitarbeiter, der Beschäftigung älterer Mitarbeiter sowie besseren Angeboten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. (rud)

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