Nach dem Aus für das Musiktheater

In Kassel sterben die Clubs: Kulturschaffende mit heftiger Kritik an der Stadt

Protest gegen Club-Sterben: Facebook-Post des Backstage Rockcafé Konstanz.
+
Protest gegen Club-Sterben: Facebook-Post des Backstage Rockcafé Konstanz.

Nach dem Aus für das Musiktheater wird in Kassel über das Club-Sterben diskutiert. Kulturveranstalter kritisieren die Stadt, weil es an einer Halle fehlt. Die Kulturdezernentin wehrt sich.

  • Nach dem Aus für das Musiktheater in Kassel kritisieren Kulturveranstalter die Stadt
  • Kulturdezernentin Susanne Völker weist die Kritik zurück
  • In Kassel mussten viele Clubs bereits schließen

Nach dem Ende des Musiktheaters (MT) kritisieren zahlreiche Kulturschaffende die Stadt. Durch die Schließung des Clubs fehlt Kassel eine mittelgroße Spielstätte für Konzerte und populäre Acts. 

Club-Sterben in Kassel: Nichts mehr zwischen dem Schlachthof und der Stadthalle

Zwischen dem Schlachthof, in den 300 Besucher passen, und der Stadthalle (3000) gibt es keinen Club mehr. „Für eine documenta-Stadt ist das eine Katastrophe“, sagt Uwe Vater von der Agentur MM Konzerte.

Uwe Vater, Agentur MM Konzerte

Angelika Umbach, ehemalige Betreiberin des Kulturzelts, kritisiert: „In dieser Stadt denkt man, Kultur abseits der Institutionen dürfe so gut wie nichts kosten.“ 

Ihr Kollege Lutz Engelhardt findet, dass die Stadt beim MT, dem ehemaligen Hallenbad Ost und dem Hotel-Reiss-Ballsaal, der bald abgerissen wird, „geschlafen und die Chance nicht genutzt hat, dringend benötigte Aufführungsräume zu sichern oder neu zu schaffen“.

Kulturdezernentin weist die Kritik zurück

Kulturdezernentin Susanne Völker weist die Kritik zurück. Gegenüber unserer Zeitung sagte sie, dass „in den vergangenen Jahren bis auf die Goldgrube kein Club an uns herangetreten ist wegen einer Förderung. Wenn Akteure zu uns kommen, stehen ihnen die Türen offen.“

Die Kritiker verweisen auf Städte wie Marburg oder Darmstadt, wo mit dem KFZ und der Centralstation Spielstätten zur Verfügung stehen, die in Kassel nun fehlen. 

Laut Völker ist es „keine städtische Aufgabe“, so eine Konzerthalle zu bauen, aber: „Für ein gutes Konzept einen guten Ort zu finden oder gar zu schaffen, kann eine Form städtischer Förderung sein.“

Zahlreiche Clubs mussten schließen

Neben dem MT haben in Kassel in den vergangenen Jahren viele andere Clubs wie die Kulturfabrik Salzmann, die Barracuda-Bar und das A.R.M. zugemacht. Anderen Städten ergeht es ähnlich. 

Das MT war erst im Sommer wieder unter altem Namen durchgestartet

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

130bpm wird MT - Techno war gestern Ihr vermisst das Musiktheater? Wir auch. Techno war nämlich einfach nicht so unser Ding. Deshalb haben wir unsere Türen wieder für Alternative, Indie, Rock und Metal geöffnet. Musikalisch trennt uns nichts mehr vom Musiktheater. Nur der Name passt nicht zu dem, was drinnen ist. Deshalb taufen wir uns um - logisch, in Musiktheater! Mit dem Rage Royal und dem Re.Born DJ-Team weihen wir Anfang Juli das neue Kultur- und Veranstaltungszentrum Musiktheater ein. Und laden dann nicht nur jeden Samstag, sondern auch jeden Freitag in der großen Halle zu tanzbaren Festivaltunes und in der kleinen Halle zu hart bis härterer Musik. Wir feiern das Comeback einer Ära der Kultur, der Musik und der Konzerte im Musiktheater. In der Konzertsaison Herbst nochmal einen draufgelegt. Live erwarten euch über 20 überregionale Künstler: Von Wegen Lisbeth, MOOP Mama, Finch Asozial, Leoniden, Schandmaul, Eno und viele mehr... Der Name Kultur- und Veranstaltungszentrum MT passt also umso besser! Alles bleibt besser! Da unsere Vorglühparty "Draussen-und-Umsonst" und das Tankstellenspecial so gut bei euch ankamen, nehmen wir die selbstverständlich mit ins MT. (s. unten) Genauso wie die Musik, die wir schon ab jetzt jedes Wochenende spielen. Wer sich schon auf die MT-Musik einstimmen will, kann sich schon jetzt jeden Samstag mit Re.Born-DJ-Team und das Rage-Royal-DJ-Team bei uns warmtanzen. Im Musiktheater geht das dann das ganze Wochenende lang! Ab Freitag, 05. Juli // 23:00 Uhr // Musiktheater Kassel // TICKETS " 5€ // Kleine und Große Halle im Preis enthalten // FSK " 18 Jahre ( ab 16 mit Mutiizettel: http://partyzettel.de/ ) #MTKassel #MT #Musiktheater #hardcore #metal #rock #rageroyal #reborn #weekend #feiern #casselfornia #hardcoreparty #bier #party #besteZeit #grid #photoshop #design #rockamring #casselfornialove #instaparty #graphicdesign

Ein Beitrag geteilt von Musiktheater Kassel (@mt.kassel) am

Manche haben auf dasClub-Sterben reagiert. So unterstützt Berlin den Lärmschutz in 13 ausgewählten Clubs mit einer Million Euro. Die Stadt Göttingen übernimmt Ausfallbürgschaften, die Veranstaltern Sicherheit geben sollen.

Heimische Musik-Fans, die attraktive Konzerte erleben wollen, müssen nun noch öfter nach Frankfurt, Hannover oder Bielefeld fahren, prophezeit Veranstalter Vater: „Es werden noch weniger Bands und Künstler nach Kassel kommen.“ 

Club-Sterben: Das Freizeitverhalten hat sich geändert

Warum sterben nicht nur in Kassel so viele Clubs?

Weil sich das Freizeitverhalten geändert hat. Man muss heute nicht ins Kino gehen, um mitreden zu können. Die tollen Serien, über die sich alle unterhalten, laufen auf Netflix

Selbst wer heute die große Liebe sucht, kann sie mit Dating-Apps wie Tinder von zuhause aus finden. „Die Leute gehen einfach nicht mehr aus“, beobachtet Bea Roth, die seit mehr als 15 Jahren in Göttingen als Veranstalterin arbeitet und den Club Exil betreibt.

Kann man das auch mit Zahlen belegen?

Ja. Laut dem „Freizeit-Monitor“ der Stiftung für Zukunftsfragen ist die Zahl der Menschen zwischen 18 und 24, die mindestens einmal die Woche „etwas mit Freunden unternehmen“, seit 2004 um 44 Prozent zurückgegangen. 

Auch deswegen klagt der Bundesverband Diskotheken und Tanzbetriebe über das „veränderte Freizeit- und Konsumverhalten der jungen Generation“.

Städte reagieren auf das Club-Sterben

Wie fördert die Stadt Clubs und andere Einrichtungen?

Meist in Teilbereichen, wie Kulturdezernentin Susanne Völker sagt, denn „Kulturförderung ist nur für gemeinnützige Zwecke vorgesehen und darf keine Wirtschaftsförderung sein“. 

Als wichtiges Projekt nennt Völker den Umbau des Agathofbunkers in Bettenhausen, „in dem nicht nur Proberäume saniert werden, sondern auch ein neuer Veranstaltungssaal für etwa 200 Leute entsteht“. 

Zudem wurde 2019 der neue Konzertsaal des Schlachthofs (für maximal 300 Besucher) eröffnet. Das neue Kulturzentrum Färberei des Asta an der Uni bietet sogar Platz für 500 Personen. Allerdings können beide Häuser nicht das Musiktheater mit seiner 1000er-Größe ersetzen.

Könnten in der Stadthalle nicht mehr Konzerte stattfinden?

Das denken sich viele. Allerdings ist die von Kassel Marketing betriebene Einrichtung mit einem Fassungsvermögen von 3000 Besuchern nicht nur ein Ort für Kulturveranstaltungen, sondern auch für Kongresse

Darum heißt die Stadthalle offiziell Kongress Palais. Das Geschäft mit Tagungen läuft so gut, dass es vor allem im Frühjahr und Herbst eng wird für Konzerte. 

Laut Leiter Oliver Höppner finden pro Jahr 65 Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Auf die Kritik von Veranstaltern wie Uwe Vater von MM Konzerte über teure Mietpreise antwortet er: „Unsere Vorgabe ist es, kostendeckend zu arbeiten, wir können Kulturveranstaltungen nicht subventionieren.“ 

Trotzdem teilt er die Kritik der Kulturschaffenden: „Aufgabe der Stadt müsste es sein, eine neue Spielstätte zu schaffen.“

Alternative Veranstaltungsorte sind bereits ausgelastet

Könnte man aus der documenta-Halle einen Ort für Konzerte machen?

Diese Idee hatten die ehemaligen Kulturzelt-Betreiber Angelika Umbach und Lutz Engelhardt vor vier Jahren. Sie erarbeiteten ein aufwendiges Konzept, das den Umbau der unteren Halle vorsah. 

Für den Betrieb des Gebäudes, das im Besitz des Landes geblieben wäre, hätten sie eine GmbH gegründet. Von Oberbürgermeister Christian Geselle, dem sie das Konzept vorstellten, habe es nie eine Antwort gegeben. 

Völker, die damals noch nicht im Amt war, verweist heute darauf, dass die Halle gut ausgelastet sei. Für all diese Veranstaltungen hätte man eine neue Lösung finden müssen.

Die einstige Clubszene in Kassel war sehr lebendig. Diese Kasseler Clubs sind dicht

Mehr zum Club-Sterben in Kassel

Kreuzfahrt oder Club? Party machen in 2020: In Kassel herrscht die Angst: Club-Sterben ist das heiße Thema, auch in 2020. Kann man nur noch auf der Kreuzfahrt Party machen?

Karl Börries, der Betreiber von York und Club 22, ist der Meinung, dass es kein Club-Sterben in Kassel gibt.

Völlig überraschend hat am Sonntag (26.01.2020) die Kasseler Szenekneipe Fiasko das Aus verkündet. Auf Facebook sagt Betreiber Oliver Kurzweil Tschüss - auch seine Mitarbeiter haben es erst am Sonntag erfahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.