Geschlossene Unterbringung

Erziehungswissenschaftler: „Pädagogisch völlig absurd"

Kassel. Prof. Mark Schrödter, Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel, spricht sich grundsätzlich gegen die Unterbringung von Kindern in geschlossenen Einrichtungen aus.

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Das hat er kürzlich auch in der Sitzung des  Jugendhilfeausschusses deutlich gemacht. Dort wurde der Fall des zehnjährigen Jungen aus Kassel geschildert, der seit Anfang des Monats nach einem richterlichen Beschluss in der geschlossenen Wohngruppe im Jugendhilfezentrum Don Boscos in Sannerz bei Fulda untergebracht ist. HNA-Redakteurin Ulrike Pflüger-Scherb hat mit Prof. Mark Schrödter gesprochen.

Das Kasseler Jugendamt hat sich dazu entschieden, einen zehnjährigen Jungen, der drogengeschädigt und traumatisiert ist, in Sannerz unterzubringen. Sie sagen, dass sich das Jugendamt damit von seiner eigenen Reformtradition verabschiedet. Warum?

Prof. Mark Schrödter: Unsere Erklärung ist kein Angriff auf die Mitarbeiter des Jugendamts. Ich weiß, dass es unheimlich schwer ist, mit bestimmten Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten, und dass man an einem bestimmten Punkt das Gefühl hat, nicht weiterzukommen. Als Sozialpädagogen dürfen wir aber niemals die intensive Zusammenarbeit mit Kindern aufgeben.

Sie sprechen sich grundsätzlich gegen eine geschlossene Unterbringung von Kindern aus. Der Zehnjährige aus Kassel, der bereits einen Suizidversuch unternommen hat, bekam zuvor unter anderem auch eine 1:1-Betreuung, die gescheitert ist. Was schlagen Sie bei solch schweren Fällen für Alternativen vor?

Schrödter: Als Erziehungswissenschaftler ist es nicht meine Aufgabe, zu sagen, wie es in der Praxis besser gemacht werden soll. Die zentrale Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Praxis zu kritisieren. Das ist wie bei einem Kunstkritiker. Der kritisiert auch Bilder, muss aber keine besseren malen.

Was haben Sie konkret gegen die geschlossene Unterbringung in Sannerz vorzubringen?

Schrödter: Die Einrichtung ist hervorragend ausgestattet. Dort arbeiten kompetente Pädagogen. Mein einziger Kritikpunkt sind die schweren, doppelten Türen. Dadurch wird die Einrichtung zu einer Verwahranstalt. Die Türen müssen einfach nur geöffnet werden. Wenn ein Kind gegen Mauern läuft, ist das eine Vermeidung pädagogischer Beziehung.

Der Zehnjährige ist in der Vergangenheit öfter abgehauen und auch über Nacht weggeblieben. Pädagogen müssen sich doch auch Gedanken über die Selbst- und Fremdgefährdung machen. Was schlagen Sie im Fall eines Fluchtversuchs vor?

Schrödter: Wenn ein Kind abhaut, dann versuche ich, es durch leibliche Präsenz daran zu hindern. Wenn es trotzdem an mir vorbeiläuft, dann laufe ich hinterher.

Mehrere Pädagogen sind bei der Arbeit mit dem Jungen bereits gescheitert.

Schrödter: Dann muss man es eben weiter mit einem anderen Pädagogen versuchen. Pädagogik beruht auf Beziehung. Wenn die Chemie zwischen Kind und Erzieher nicht stimmt, dann kann man da nichts machen. In dem Fall des Kasseler Jungen wurde auch angeführt, dass er sich nicht an Regeln hält. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das Eingeschlossensein das Regelbewusstsein des Jungen fördern soll.

In Sannerz sollen den Kindern stufenweise Freiheiten eingeräumt werden.

Schrödter: Wenn sich die Kinder gut verhalten. Was machen Sie aber, wenn ein Kind in der geschlossenen Einrichtung durchdreht? Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder halten die Sozialpädagogen das Eingeschlossensein der Kinder selbst nicht durch und gewähren ihnen Freiheiten, obwohl sie sich nicht wie gewünscht benehmen, oder man macht es wie in England. Dort gibt es Richtlinien, wie Erzieher mit Selbstverteidigungstechniken Kinder bändigen sollen. In der Vergangenheit gab es dadurch auch schon Todesfälle. Das kann also keine Alternative sein. Ich vertrete die Ansicht, dass sich die Geschlossenheit in Einrichtungen nicht durchhalten lässt, höchstens man setzt sich brachial gegen die Kinder durch.

Kinder und Jugendliche scheinen immer auch Wege aus geschlossenen Einrichtungen zu finden.

Schrödter: Ja, dafür spricht auch die Fluchtstatistik. Die ist in geschlossenen Einrichtungen genauso hoch wie in offenen Heimen. Die Annahme, Einrichtungen völlig abriegeln zu können, befriedigt nur die Öffentlichkeit. Pädagogisch ist das völlig absurd.

Zur Person

Prof. Dr. Mark Schrödter (39) wurde in Wuppertal geboren. Er studierte Erziehungswissenschaft in Bielefeld und Sozialanthropologie in London. Schrödter wurde mit einer Arbeit zur interkulturellen Jugendhilfe promoviert und mit einer Arbeit zur gerechtigkeitsorientierten Theorie der Sozialen Arbeit habilitiert. Er hat seit 2010 eine Professur für Sozialpädagogik des Kindes- und Jugendalters an der Universität Kassel. Er lebt in Kassel.

(use)

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