Ausstellung über 1. Weltkrieg

Kassel im Jahr 1914: Eine Stadt voller Kasernen

Der ganze Schreibtisch voller Erinnerungsstücke: Heinz Körner gehört zu den Initiatoren einer Ausstellung über Kassel im 1. Weltkrieg, die ab Freitag im Rathaus zu sehen ist. Foto:  Malmus

Kassel. Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, wie viele Kasernen es in Kassel vor 100 Jahren gab. Heinz Körner  (69), der an der Ausstellung über Kassel im 1. Weltkrieg mitgearbeitet hat, kennt sie alle. Allein in der Südstadt gibt es viele Zeugen der militärischen Vergangenheit als Garnisonstadt.

Über 40 Kasseler Familien haben Fotos, Tagebücher und Feldpostbriefe aus dem 1. Weltkrieg zur Verfügung gestellt: Daraus konzipierten Heinz Körner, Dr. Bettina Dodenhoeft und Christian Klobuczynski eine Ausstellung, die vom 1. bis 17. August im Bürgersaal des Rathauses zu sehen ist. Außerdem gibt es ein umfassendes Begleit-Programm.

Die Jägerkaserne, die heute Asylbewerbern Unterkunft bietet, wird noch genutzt. Etwas weiter Richtung Bosestraße und Schlösschen Schönfeld stand die neue Husarenkaserne. Mit dem Standortlazarett an der Heckerstraße und der Infanteriekaserne an der Frankfurter Straße (da steht heute das Versorgungsamt) war das Militär flächendeckend vertreten. Auch im öffentlichen Leben. So war es durchaus üblich, in Uniform zu heiraten. „Es war eine Mischung aus Patriotismus und Militarismus, die damals gezielt forciert wurde“, sagt Körner, der schon mehrere Bücher über die Südstadt geschrieben hat. Gemeinsam mit der Historikerin Dr. Bettina Dodenhoeft sowie dem Biografie- und Familienforscher Christian Klobuczynski hat er die Ausstellung und das Begleitprogramm mit Vorträgen und Führungen vorbereitet (siehe Artikel rechts). Nach einem Aufruf in der HNA haben sich 40 Angehörige von Kasseler Soldaten des 1. Weltkriegs gemeldet. Heinz Körner hat zahlreiche Kriegstagebücher sowie jede Menge Feldpost gesichtet und Auszüge für die Ausstellung in Druckschrift übertragen.

Er habe gelernt, die Zeitungsartikel von damals und auch andere Veröffentlichungen sehr kritisch zu sehen. Mit der Wahrheit auf den Schlachtfeldern habe das in der Regel wenig zu tun gehabt. Vielmehr habe sich die Dreiklassengesellschaft nahtlos fortgesetzt. Die einfachen Soldaten seien zu Tausenden schon in den ersten Kriegswochen verheizt worden. Mit großer Überheblichkeit und Siegesgewissheit sei man zum Beispiel in Belgien einmarschiert. Bei den Kämpfen seien ganze Regimenter gefallen. Auf dem Gelände der Jägerkaserne erinnert ein Gedenkstein an die Opfer des Kasseler 167er-Regiments.

Am 1. August 1914 erklärte Deutschland dem zaristischen Russland den Krieg. Deshalb beginnt die Ausstellung an diesem Tag. Damals wurde zeitgleich die Nachricht von der Mobilmachung verbreitet. Um sieben Uhr abends kam das Casseler Tageblatt mit einem Extra-Blatt heraus. Der erste Mobilmachungstag war Sonntag, 2. August. In Gaststätten, auf dem Königsplatz und vielen anderen Plätzen soll es damals zu Kundgebungen gekommen sein, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. So stand es zumindest in der Zeitung.

In den nächsten Tagen zogen Tausende Soldaten zum Hauptbahnhof. Von dort ging es mit dem Zug Richtung Westen in den Krieg. Viele sollten nicht zurückkehren. Auch daran erinnert die Ausstellung.

Von Thomas Siemon

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