Kampf mit der Jobcenter-Bürokratie in Kassel

Behördendeutsch - „Das ist oft wie eine Fremdsprache“

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Schwierigkeiten mit den Unterlagen des Jobcenters: Miriam Jaensch (links) und ihre Tochter Linda verzweifeln an der Bürokratie.

Linda Jaensch aus Kassel wird neben ihrer Ausbildung vom Jobcenter unterstützt. Die Bürokratie mit der Behördensprache raubt ihr aber den letzten Nerv.

  • Lina Jaensch aus Kassel hat mit der Behördensprache des Jobcenters zu kämpfen.
  • Bezüge wurden teilweise ausgesetzt, obwohl sie alle Unterlagen eingereicht hat.
  • Das bedeutet zusätzlichen Stress neben der Ausbildung

Die Bürokratie, mit der sich Linda Jaensch seit Monaten herumplagen muss, raubt ihr den letzten Nerv. Dabei ist die 30-jährige Kasselerin im vergangenen Jahr „hochmotiviert“, wie sie sagt, in eine Ausbildung zur Erzieherin gestartet. 

Weil sie dafür die Unterstützung des Jobcenters benötigt, muss sie sich mit einer Menge Papieren auseinandersetzen, deren Inhalt sie aber oft nur zur Hälfte versteht.

Jobcenter in Kassel - Verwirrende Formulierungen?

Linda Jaensch aus Kassel ist verwirrt von Formulierungen wie: „Aufgrund Ihrer Weiterbildung besteht nach Rücksprache mit der Agentur für Arbeit ein Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Weiterbildung. Sie haben noch einen Restanspruch von 300 Tagen, der geltend zu machen wäre, wenn ein Anspruch besteht. (....) Der Anspruch auf Arbeitslosengeld kann den Anspruch auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II verringern oder ganz ausschließen.“

Linda Jaensch aus Kassel: Behördendeutsch - „Das ist oft wie eine Fremdsprache“

Mehrere Aktenordner hat Linda aus Kassel mit Jobcenter-Briefen dieser Art gefüllt. Sie bereiten ihr nach eigenem Bekunden Albträume. „Das ist oft wie eine Fremdsprache“, sagt sie über die Formulierungen.

Ein Bewilligungsbescheid hat beispielsweise nach der Unterschrift des Bearbeiters den Zusatz angefügt: „Die Korrektur des Monats August erfolgt in den nächsten Tagen. Die Nachzahlung entspricht nicht dem tatsächlichen netto, hier gehen noch Freibeträge ab. Diese entnehmen Sie bitte dem Berechnungsbogen aus dem angefochtenen Bescheid. Bitte auch umgehend Arbeitslosengeld I beantragen.“ Linda muss mit den Tränen kämpfen. Sie wünschte sich jemanden, der sie durch die Anschreiben lotst.

Mehrere unterschiedliche Briefe am Tag

Zu allem Überfluss und um Lindas Verwirrung perfekt zu machen, prasseln die Briefe bei ihr nur so herein. Einmal hat sie vom Jobcenter an einem Tag sage und schreibe drei Briefe mit unterschiedlichem Inhalt erhalten. Weil Linda Jaensch in sechs zurückliegenden Jahren als Hilfsarbeiterin ihr Geld verdient hat, besteht für sie ein Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch das Jobcenter, das auch das Schulgeld in Höhe von 90 Euro pro Monat übernimmt. Das hört sich logisch und einfach an, ist es aber nicht. 

Nachdem sich Laura aus Kassel, die an der Willy-Brandt-Schule im Fachbereich Sozialwesen einen Realschulabschluss abgelegt hat, dafür entschieden hatte, die Ausbildung zu machen, bemühte sie sich um ein bezahltes Praktikum im heilpädagogischen Institut Lauterbad. 

Kassel: Eigeninitiative während der Jobsuche nicht erwünscht?

Linda: „Das Praktikum benötigte ich, um direkt in die Erzieherausbildung ohne den Umweg Sozialassistent zu starten.“ In der Zeit bekam sie ein Taschengeld und hat den Sozialhilfesatz aufgestockt. Auch um ihren Schulplatz habe sie sich selbst gekümmert. 

Das wurde ihr vom Jobcenter Kassel vorgeworfen: Sie habe die Reihenfolge nicht eingehalten, hieß es. „Ich musste mich doch bewerben, sonst wäre die Frist abgelaufen“, sagt Linda. Ihre Eigeninitiativen bereiteten ihr jetzt Ärger. Eine nachträgliche Extravergütung von Lauterbad muss sie zurückzahlen. Soweit so gut. Aber dass sich dadurch ihre Bezüge vom Jobcenter verändern beziehungsweise auch schon mal ausgesetzt wurden, macht sie schlaflos. 

Frau aus Kassel konnte zeitweise die Miete kaum zahlen

„Ich muss doch meine Miete bezahlen.“ Sogar ein Inkasso-Service sei eingeschaltet worden. Das empfindet sie als „beängstigend“. Einmal seien die Eltern eingesprungen und haben das Schulgeld bezahlt, weil Linda pleite war. „Ich war zwei Monate lang ohne Geld.“

Ein Hin und Her über angeblich nicht vorhandene Unterlagen entsponn sich. „Ich habe immer alles vorgelegt“, beteuert Linda aus Kassel. „Bei mir und meinen Eltern löst das Jobcenter soviel Stress und Familienkrisen aus.“ Dabei, so sagt sie, benötige sie doch eigentlich ihre ganze Kraft für ihre Ausbildung.

Nicht alleine mit dem Problem

Die Frau aus Kassel ist mit ihrem Problem nicht alleine. Viele Menschen stören sich an der Behördensprache.

Von Langentscheid gibt es ein Wörterbuch für Behördendeutsch.

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