Buch über fast unbekannten Helden

Kasseler Karl Laabs hat 100 Juden im Zweiten Weltkrieg das Leben gerettet

Karl Laabs. Die Eheleute Auguste und Karl Laabs mit ihren Kindern Sven, Dagmar, Frank und Eycke 1944 vor ihrem Haus in Krenau/Chrzanów.
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Karl Laabs. Die Eheleute Auguste und Karl Laabs mit ihren Kindern Sven, Dagmar, Frank und Eycke 1944 vor ihrem Haus in Krenau/Chrzanów.

Das neue Buch des Kasseler Autors Reinhold Lütgemeier-Davin präsentiert einen fast unbekannten Helden: Karl Laabs hat 100 polnischen Juden das Leben gerettet.

  • Kasseler "Schindler": Neues Buch von Kasseler Fachbuchautor Reinhold Lütgemeier-Davin
  • Karls Laabs rettete mehr als 100 polnischen Juden das Leben
  • Der fast unbekannte Held mimte nach außen hin Gehorsam

„Dieser Mann hat mein Leben gerettet.“ In dem Video der Shoa-Foundation, die US-Regisseur Steven Spielberg 1994 ins Leben gerufen hatte, ist eine polnische Frau zu sehen, die den Holocaust überlebt hat. Sie hält ein Schwarz-Weiß-Foto in die Kamera, das einen blassen jungen Mann in Wehrmachtsuniform zeigt, Karl Laabs. Seine ernsten Augen hinter den runden Brillengläsern blicken direkt in die Kamera.

Karl Laabs: Das Foto zeigt den Nordhessen als Feldwebel circa 1943.

Was der pensionierte Kasseler Geschichtslehrer Dr. Reinhold-Lütgemeier-Davin schon seit Langem wusste und ausgiebig erforscht hat: Diese bewegten, bewegenden und für immer archivierten Aufnahmen sind ein berührender Beweis dafür, dass der nordhessische Wehrmachtsoffizier Karl Laabs (1896 - 1979) mehr als 100 polnischen Juden das Leben gerettet hat.

Er hat sie vor dem Tod in Auschwitz gerettet. „Laabs war ein nordhessischer Oskar Schindler“, sagt Lütgemeier-Davin. Schindler hatte über 1000 Juden das Leben gerettet.

Kasseler "Schindler": Buch über den Helden Karl Laabs

Der promovierte Historiker Lütgemeier-Davin, der bis 2013 Studiendirektor an der Jacob-Grimm-Schule war, hat jetzt das Buch "Karl Laabs – ein Juden- und Polenretter in Krenau/Chrzanów“ veröffentlicht. Darin ist das turbulente Leben des Nordhessen nachgezeichnet.

Autor: Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin aus Kassel.

Reinhold Lütgemeier-Davin, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Historische Friedens- und Konfliktforschung, hat seit seiner Pensionierung mehrere historische Fachbücher veröffentlicht. Sie kreisen um sein zentrales Thema: Pazifismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Mit Laabs hat er jetzt einen Nordhessen ins Zentrum gesetzt, der mit Mut und Menschlichkeit Außerordentliches vollbracht hat und trotzdem nur wenigen bekannt ist. Für seine Rettungsaktion wurde Karl Laabs (1896 – 1979) unter anderem in Yad Vashem in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. In Kassel bekam er 1972 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Kasseler "Schindler": Laabs rettete Juden vor der Deportation

Lütgemeier-Davin zeichnet den Lebensweg des 1896 in Hann. Münden geborenen Laabs nach. Schicksalhaft war für Laabs, dass er während des Zweiten Weltkriegs im Zuge der Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten als Kreisbaurat und Feldwebel der Luftwaffe nach Krenau/Chrzanów im damaligen Oberschlesien abkommandiert wurde.

Rettungsort: Das Gehöft von Laabs in Chrzanow (Krenau), Auschwitzer Straße, wo er Juden versteckt hatte.

Hier entschloss sich der Vater mehrerer Kinder aus zwei Ehen zu einer Aktion, die er offenbar nur mit sich selbst ausgemacht hatte: Er war mit einer als Umsiedlung getarnten Deportation von polnischen Juden beauftragt. Statt sie in den Tod zu schicken, brachte er sie aber in Sicherheit.

Nach außen hin mimte er Gehorsam. „Ich habe keine Zeit mit Ihnen herumzuquatschen, Heil Hitler“, mit diesen Worten soll er Polizisten, die ihn stoppten, abgewimmelt haben. Den Treck führte er anstatt nach Auschwitz zu seinem Haus. Dort warteten als Gütertransporte getarnte Lastwagen. Sie brachten die rund hundert Juden nach Mislowitz (heute Tschechien) „in der Gewissheit, dass sie dort fürs Erste sicher sind“.

Ihr rettete Laabs das Leben: Ruth Weichmann (1926 - 2010).

Kasseler "Schindler": Vor der Roten Armee geflohen

Abgesehen von der Zeit als Wehrmachtsoffizier hielt sich Laabs bis zu seinem Tod 1979 in Nordhessen und Südniedersachsen auf: Zwischen Göttingen, wo er eine Lehre als Steinhauer und Maurer gemacht, und Kassel, wo er an der Kunstgewerbschule studiert hatte. Eine Anstellung als Gewerbelehrer war Laabs 1933 wegen antinationalistischer Haltung versagt worden.

Später biederte er sich Vertretern der NSDAP an und machte in seinem Beruf Karriere: Sie begann als Bauamtsleiter in Hann. Münden. Noch bis Kriegsende lebte Laabs in Krenau, von wo aus er und seine Familie zum Kriegsende vor der Roten Armee in Richtung Westen flohen.

Am Ende landete Laabs im Fliegerhorst Rothwesten und damit in seiner nordhessischen Heimat. Aus seinem Entnazifizierungsprozess in Hofgeismar ging Laabs als entlastet hervor.

Buch: Reinhold Lütgemeier-Davin: Karl Laabs, Schüren Verlag Marburg, 14,80 Euro, 140 Seiten.

Das war Oskar Schindler

Oskar Schindler (1908 – 1974) war ein deutsch-mährischer Industrieller, der während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Frau 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern bewahrte.

Auf Listen (Steven Spielberg Film, 1993, hieß „Schindlers Liste“) zählte er Juden auf, die unabkömmlich für seine Fabriken seien und rettete deren Leben.

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