Kasse zahlt Vorsorge nicht

Sperma eingefroren: Krankenkasse will Krebspatienten Kosten nicht zahlen

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Wohnt in Blickweite zum Klinikum: Mario Farin ist krebskrank. Weil er sich die Chance bewahren will, Vater zu werden, muss er die Lagerung seiner Samenzellen selbst bezahlen.

Kassel. Der Krebs kam an einem Montag in sein Leben. „Es war der 30. April, den Tag vergesse ich nicht.“, sagt Mario Farin. Der Kasseler spürte morgens einen Knubbel in seinem Hals: Lymphdrüsenkrebs. Doch damit nicht genug: Zu der Krankheit kommt jetzt noch Ärger mit der Krankenkasse.

Nach der Operation sollte für den 33-jährigen die Chemo folgen. Doch vorher musste Farin entscheiden, ob er nochmal Kinder haben möchte. Die Chemo kann ihn unfruchtbar machen. Also ließ er sein Sperma einfrieren. Die zweijährige Lagerung kostet 970 Euro. Farin erschrak, als er feststellte, dass seine Krankenkasse diese Kosten nicht übernimmt.

Der Kasseler lebt mit seiner 35-jährigen Freundin in der Mönchebergstraße. „Als wir letztes Jahr neben das Klinikum gezogen sind, haben wir noch gewitzelt: Wenn mal was ist, sind wir schnell im Krankenhaus.“

„Kassen haben Überschüsse“

Seit einer Woche läuft nun die Chemo-Therapie. Die Spermalagerung bei minus 196 Grad Celsius beim medizinischen Versorgungszentrum für Reproduktionsmedizin des Klinikums Kassel muss Farin aber aus eigener Tasche zahlen. „Ich verstehe nicht, warum meine Krankenkasse nicht dafür eintritt, dass ein junger Mann sich die Chance bewahren will, Vater zu werden“, sagt Farin. Vor allem weil die Kassen doch Überschüsse angehäuft hätten.

Mit ihrer Absage ist Farins Krankenkasse, die AOK Hessen, nicht alleine. Das Bundessozialgericht in Kassel hatte vor zwei Jahren geurteilt, dass die Konservierung von Samen keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ist. Daran sind die Kassen theoretisch gebunden, weichen in der Praxis aber gelegentlich davon ab.

Farin kann die Regelung nicht verstehen. „Ich habe die Sperma-Lagerung doch nur gemacht, weil ich krank bin. Es gibt einen direkten Zusammenhang.“ Die Erklärung der AOK, dass dies allein in den Bereich der persönlichen Familienplanung falle, kann er nicht nachvollziehen. Zumal die Kosten für seine Krankenkasse überschaubar seien. „Es gibt nur wenige junge Männer, die in diese Situation kommen.“ Und für ihn bedeute diese Situation sehr wohl eine finanzielle Belastung: Der Messtechniker verdient 1500 Euro netto, bekommt aber derzeit nur Krankengeld und zahlt davon noch den Unterhalt für sein erstes Kind.

Auch wenn Farin nach seiner Chemo- und Strahlentherapie noch fruchtbar ist, muss er zwei Jahre warten, bis er wieder ein Kind zeugen kann. So lange besteht die Gefahr, dass das Neugeborene behindert zur Welt kommt, weil die Samenzellen durch die Therapie geschädigt werden.

Eigentlich will Farin den Kopf frei haben, um sich auf den Kampf gegen die Krankheit zu konzentrieren. „Ich habe gerade keine Lust, über Geld nachzudenken.“ Seine Heilungschancen liegen bei etwa 90 Prozent. Nur, ob er jemals wieder auf natürlichem Weg Vater werden kann, das ist offen.

Hintergrund: Private Kassen können Kulanz zeigen

Das Einfrieren von Samenzellen im Vorfeld einer Krebstherapie sei „keine versicherbare Leistung“, sagt Oliver Stenzel, Sprecher des Verbandes der private Krankenversicherung. Doch sei es denkbar, dass private Kassen im Rahmen einer Kulanzregelung die Kosten doch übernehmen. Die gesetzlichen Krankenkassen allerdings sind an den Richterspruch des Bundessozialgerichts gebunden. Sie dürfen diese Leistung eigentlich nicht übernehmen.

Eine Expertin der Gesundheitsbranche sagt aber, dass auch gesetzliche Kassen in der Praxis immer wieder von diesen Vorschriften abweichen. „Neben dem für alle gesetzlichen Kassen festgelegten Leistungskatalog, der 90 Prozent aller Leistungen umfasst, gibt es Satzungsleistungen, die sich je nach Krankenkasse unterscheiden“, sagt Stephan Gill, Sprecher der AOK. Allerdings dürften diese nach dem Richterspruch nicht mehr für das Einfrieren der Samenzellen verwendet werden.

Von Bastian Ludwig

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