Kasseler untersuchten Kinderhörspiele

Warum Benjamin Blümchen radikal ist und das Sams der RAF nahesteht

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Benjamin und Bibi als Zeugnisse ihrer Zeit: Dr. Lukas Möller (von links), Dr. Andreas Wicke und Oliver Emde haben die interdisziplinäre Vorlesungsreihe zu Kinderhörspielen auf die Beine gestellt.

Kassel. Wer immer dachte, dass Benjamin Blümchen nur ein netter Elefant ist, der sprechen kann und Zuckerstückchen mag, der hat sich geirrt: In den beliebten Hörspielen werden auch bestimmte Vorstellungen von Demokratie vermittelt. Und da ist Benjamin manchmal sogar ziemlich radikal.

In einer interdisziplinären Vorlesungsreihe der Uni Kassel werden bekannte Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Zum Auftakt betrachtet der Politikdidaktiker Oliver Emde am Montagabend (12. Mai) Benjamin Blümchen aus dem Blickwinkel seines Fachs.

Auch Bibi Blocksberg, TKKG, das Sams, Pippi Langstrumpf, Asterix und He-Man werden aus wissenschaftlicher Perspektive untersucht - etwa auf ein konservatives Geschlechterbild oder auf unterschwellig rassistisches Gedankengut.

Emde war es auch, der die Idee für die Reihe hatte. Der 29-Jährige hat über die Jahre 3000 Kinderhörspiele gesammelt - und legt sich auch heute gern noch Benjamin Blümchen und Co. zum Einschlafen auf. Inzwischen höre er allerdings Nuancen heraus, die wohl vielen Kindern früher entgangen sind, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter.

So falle auf, dass die Benjamin-Blümchen-Autorin Elfie Donnelly in den frühen Hörspielen ein partizipatorisches (teilhabendes) Demokratieverständnis vermittele. Demokratie werde nicht nur als Teilnahme an Wahlen dargestellt, stattdessen kämen immer wieder Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden in den Geschichten vor.

„Bei Stuttgart 21 saßen vor zwei Jahren die Leute auf den Bäumen. Damit sie nicht gefällt werden – Benjamin hat das schon in den 80er-Jahren auf Bäumen gemacht“, sagt Emde. Mit dem Spruch „Wer die Straße baut, wird verhaut“, gebe es genau genommen sogar Aufrufe zu gewalttätigem Protest.

Benjamin Blümchen und Hexe Bibi, wie ihn zahllose Kinder aus ihren Hörspielen und Büchern kenn.

Der Erziehungswissenschaftler Dr. Lukas Möller hat sich „Pippi Langstrumpf“ genauer angehört - hier basiert das Hörspiel wie in den meisten Fällen auf einer literarischen Vorlage. Einerseits seien die Geschichten ein Musterbeispiel für eine Pädagogik, die vom Kind ausgeht, sagt Möller. „Pippi als starkes, selbstbewusstes Mädchen, das sich die Welt macht, wie sie ihm gefällt, ist gerade für die Entstehungszeit der Geschichten in den 1940er-Jahren eine starke Botschaft.“

Andererseits atmeten die Texte auch die Zeit ihrer Entstehung, in der in Europa noch eine kolonialistische Weltsicht verbreitet war. „Pippis Vater ist als weißer Mann in der Südsee natürlich der König der einheimischen Wilden.“

Dr. Andreas Wicke, der dritte der Organisatoren der Ringvorlesung, findet in Paul Maars „Sams“ Bezüge gleichermaßen zur RAF und zur Romantik. „Das widerspenstige Wesen, das sich gegen alles wehrt, vertritt im Prinzip die Ideale der 68er-Bewegung.“ Mit den Wunschpunkten des Sams spielten aber auch die Themen Fantasie und Sehnsucht eine große Rolle. Zudem gebe es zahlreiche Anspielungen auf Texte von Romantikern und Märchen wie Hänsel und Gretel oder Rumpelstilzchen.

Von Katja Rudolph 

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