Weniger Betten als benötigt

Zu wenig Platz für Schmerzpatienten - Klinik greift zu drastischer Maßnahme

Patienten mussten weggeschickt werden: Weil die DRK-Kliniken Betten für Corona-Patienten freihalten und Ressourcen anders verteilen möchte, stehen nun weniger Betten für Schmerzpatienten zur Verfügung.
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Patienten mussten weggeschickt werden: Weil die DRK-Kliniken Betten für Corona-Patienten freihalten und Ressourcen anders verteilen möchte, stehen nun weniger Betten für Schmerzpatienten zur Verfügung.

Ein Notfall darf nicht im Krankenhaus behandelt werden - da greift die Klinik in Kassel zu einer ungewöhnlichen Maßnahme.

  • Es gibt Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden
  • In Kassel konnten jetzt zwei Schmerzpatienten nicht behandelt werden
  • Da griff das Klinikum zu einer ungewöhnlichen Maßnahme

Kassel – Schmerzpatienten warten mitunter viele Monate auf einen Behandlungstermin. In Kassel haben einige, für die dieser ersehnte Termin schon greifbar war, nun offenbar das Nachsehen. Auch Akutfälle sind betroffen. „Wir haben zwei dringende Aufnahmen von Patienten mit chronischem Cluster-Kopfschmerz, einer sogar mit Suizidalität, absagen müssen und mit dem Taxi nach Kiel in die Kopfschmerzklinik geschickt“, schildert Dr. Andreas Böger, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin an den DRK-Kliniken Nordhessen.

Der renommierte Schmerztherapeut ist verärgert. Die Geschäftsführung der DRK-Kliniken hatte ihm kürzlich mitgeteilt, dass auf seiner Station ab sofort nur noch fünf Betten für die Schmerztherapie zur Verfügung stehen. 50 sind es eigentlich, angesichts der Corona-Pandemie wurden zuletzt noch 12 bis 15 Betten vorgehalten.

Kassel: Patienten sind wütend

„Die jetzige Restrukturierung in den DRK-Klinken geht auf Kosten der Patienten mit schweren chronischen Schmerzsyndromen“, sagt Böger. Das mache seine Patienten wütend und ihn persönlich traurig. „Es zeigt aber, dass unsere Entscheidung, das Schmerzzentrum Kassel in die Vitos Orthopädische Klinik zu verlagern, goldrichtig war“, so Böger. Wie berichtet, wird der Schmerzmediziner künftig an der Orthopädischen Klinik in Bad Wilhelmshöhe tätig sein und dort eine Schmerzklinik aufbauen.

Chefarzt der Schmerzklinik: Dr. Andreas Böger.

Ob die Reduzierung der Betten im Zusammenhang mit Bögers Wechsel stehe – dazu gaben die DRK-Kliniken auf HNA-Anfrage keine direkte Auskunft. Sie begründen die Entscheidung mit der Corona-Krise: „Wir halten nach wie vor Covid-19-Kapazitäten frei“, teilt die Geschäftsführung mit. Daher müssten alle Abteilungen Betten abgeben, also auch die Schmerzmedizin. „Diese Vorhaltung werden wir auch noch einige Zeit aufrechterhalten, darüber hinaus stellen wir unsere Ressourcen derzeit auf den gestiegenen Bedarf in der Notfallversorgung ein.“

Kassel: Krankenhaus wird neu strukturiert

Zudem strukturiere man gerade das gesamte Krankenhaus neu. Einige Fachabteilungen seien so gewachsen, dass räumlichen Anforderungen und Bedarfe nicht mehr zueinander passten. „Die Veränderungen betreffen jede Abteilung, haben aber – mit Ausnahme der spürbaren Einschränkungen durch Covid-19 – für keine Fachabteilung das Ziel, diese zu verkleinern“, so eine Sprecherin der DRK-Kliniken.

Unverständnis erntet die Entscheidung indes bei der Unabhängigen Vereinigung aktiver Schmerztherapeuten in Deutschland, dem Verein Schmerzlos. Bei der Schmerzerkrankung CRPS beispielsweise könnten in einem frühen Stadium noch gute Behandlungsergebnisse erzielt werden. „Wenn diese Chance nicht genutzt wird, hat der betroffene Patient unter Umständen sein ganzes Leben lang erhebliche Schmerzen und Funktionsausfälle der betroffenen Extremität“, warnt Vorsitzende Heike Norda. 

Kassel: Nur fünf Schmerzbetten in Betrieb

Es erscheine völlig willkürlich, dass während der starken Beschränkungen für die Krankenhäuser in Kassel 12 bis 15 Schmerzbetten belegt wurden, jetzt aber, wo immer mehr Krankenhäuser zum Normalbetrieb zurückkehrten, nur fünf Schmerzbetten genutzt werden dürfen.

Es könne nicht sein, dass bereits verschobene Behandlungen weiter aufgeschoben werden müssten, „weil die Geschäftsführung der DRK-Kliniken personelle Auseinandersetzungen mit den Ärzten der Fachklinik hatte“. Es gehe hier um Schmerzpatienten, sagt Norda. „Um Menschen, die verzweifelt sind.“

Von Anja Berens

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