Viele Flaschen landen im Müll

Klagen über Plastikflut: Kritik an Müll im Klinikum Kassel

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Im Klinikum Kassel gibt es für die Patienten nun Wasser aus Einwegflaschen aus Plastik statt aus Glas.

In Kassel gibt es seit längerem Kritik an den Müllfluten des Klinikums: Der Grat zwischen Nachhaltigkeit und Hygienevorschriften ist laut GNH schmal.

  • Klinikum Kassel: Bis zu 15 große Mülltüten jeden Tag
  • So wenig Müll wie möglich, so viel wie nötig: Hygiene im Zentrum der Überlegungen
  • Plastikmüll am Kasseler Klinikum beschäftigt weiterhin Mitarbeiter und Patienten

Die Umstellung der Versorgung der Patienten am Kasseler Klinikum mit Trinkwasser aus Plastikflaschen sorgt wegen großer Abfallmengen weiterhin für Kritik. Im größten Krankenhaus der Region bekommen Patienten seit November Wasser nicht mehr aus Glasflaschen, sondern aus Einwegbehältern aus Plastik. 

Bei vielen Mitarbeitern stößt dies auf Unverständnis, wie uns ein Informant aus dem Klinikum berichtet: Das Klinikum habe kein Müllvermeidungskonzept und produziere viel mehr Müll als früher. Verantwortlich dafür sei auch das neue Speisenverteilzentrum.

Seit dem 1. November werden im Klinikum Speisen der Catering-Firma Apetito aus Rheine an der deutsch-holländischen Grenze ausgegeben. Die tiefgekühlten Menüs kommen in speziellen Schalen und werden dann erhitzt.

Im Klinikum Kassel gibt es bis zu 15 große Mülltüten jeden Tag

Auch Käse und Wurst für Frühstück und Abendbrot werden in Plastikverpackungen angeliefert, ehe die Mahlzeiten von den Mitarbeitern der Küche servierfertig gemacht werden.

Alles sei nur noch in Plastik, heißt es in Mitarbeiterkreisen. Durch die Umstellung produziere man bis zu 15 große Mülltüten jeden Tag. Das stoße vielen Beschäftigten auf. Selbst das Mehrwegbesteck werde eingeschweißt ausgegeben – und das schon seit zehn Jahren.

Einwegflaschen aus Plastik im Klinikum Kassel.

Dagegen verzichtet man etwa in den DRK-Kliniken und der orthopädischen Vitos-Klinik bewusst darauf. Trinkwasser wird in beiden Krankenhäusern wegen der Ökobilanz weiterhin in Mehrwegflaschen ausgegeben.

So wenig Müll wie möglich, so viel wie nötig: Hygiene im Zentrum

Auch bei derGesundheit Nordhessen Holding achte man auf Nachhaltigkeit, wie Helmut Zeilfelder, pflegerischer Geschäftsführer des Klinikums, versichert: „Grundsätzlich versuchen wir, so wenig wie möglich Müll zu produzieren. In einem Krankenhaus ist jedoch die Hygiene ein sehr zentraler Aspekt.“

Darum werde beispielsweise das Besteck eingeschweißt. Auch das neue Speisenverteilzentrum biete hier Vorteile. Die Einwegflaschen aus Plastik würden den Pflegedienst entlasten, weil es nicht ausreichend Lagermöglichkeiten für die schweren Glasflaschen gegeben habe.

Greenpeace Kassel: Klinikum setzt auf Plastik

So wird das Essen für das Klinikum zubereitet

Der Caterer Apetito liefert das Mittagessen vorbereitet ans Klinikum, wo es von Mitarbeitern portioniert wird. Auf den Stationen wird das Essen in sogenannten Dockingstations erhitzt – ähnlich wie bei einem Induktionsherd.

Zwischenzeitlich legten die Mitarbeiter Mineralwasser in Tetra Paks auf die Tabletts. Weil die mit einem Metallstreifen versehen sind, wurde das Wasser ebenfalls warm, wie die HNA erfuhr. Auch deshalb gibt es nun Plastikflaschen für die Patienten.

Plastikmüll am Klinikum in Kassel: Die wichtigsten Antworten

Der Plastikmüll am Kasseler Klinikum beschäftigt weiterhin Mitarbeiter und Patienten.

Wie reagieren Klinikum-Mitarbeiter auf die Umstellung der Versorgung?

Viele haben nur wenig Verständnis. Sie klagen, dass deutlich mehr Müll anfalle. Vor allem wegen der laut Klinikum 600.000 Einweg-Plastikflaschen, die nun im Jahr entsorgt werden müssen. Kenner des Betriebsablaufs halten die Zahl für deutlich untertrieben. Zudem hätten Reinigungskräfte die Anweisung erhalten, Einwegflaschen aus Mülleimern zu fischen.

Denn obwohl es auf die Plastikbehälter Pfand gibt, bevor sie zerschreddert werden, werfen viele Patienten sie weg. Ein Experte, der sich in der deutschen Krankenhauslandschaft auskennt, ist zudem verwundert, dass in Kassel Besteck eingeschweißt ausgegeben wird: „Das ist unüblich.“

Welche Art von Essen gibt es in anderen Kasseler Krankenhäusern?

Unterschiedlich. Die DRK-Klinik versorgt ihre Patienten mit vorbereiteten Menüs, die nur noch aufgewärmt werden müssen. In der orthopädischen Vitos-Klinik wird noch selbst gekocht. Das ändert sich, wenn im Frühjahr 2021 ein neues Bettenhaus bezogen wird.

Eingeschweißtes Essen im Klinikum Kassel.

Mit dem „Cook and Chill“-Verfahren werden bereits vorgegarte Menüs erst abgekühlt und dann auf Verzehrtemperatur gebracht. Zudem soll dann auch die Trinkwasserversorgung auf Plastik umgestellt werden – anders als im Klinikum allerdings mit Mehrwegflaschen.

Wie sehr achten Kliniken darauf, Abfall zu vermeiden?

Umweltschutz wird mittlerweile überall größer geschrieben als früher. „Ökobilanz und Nachhaltigkeit nehmen zunehmend einen hohen Stellenwert ein“, heißt es bei Vitos. Im DRK-Krankenhaus wurde eine Projektgruppe „Grünes Krankenhaus“ ins Leben gerufen.

Sie sorgte dafür, dass To-go- durch Pfandbecher ersetzt wurden. Allerdings sind den Nachhaltigkeitsbemühungen Grenzen gesetzt. „Bei der sicheren Patientenversorgung sind wir auf viele Einwegartikel angewiesen, die sich nach heutigen Standards nicht durch Mehrweg ersetzen lassen“, teilt Vitos mit.

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