Lärmaktionsplan - Expertin spricht über Nutzen

Kassel setzt auf Stadtoasen: Neuer Lärmaktionsplan vorgestellt

Kassel setzt auf Stadtoasen: Neuer Lärmaktionsplan vorgestellt
+
Einer der größten Lärmkonfliktpunkte: Die Holländische Straße in Kassel ist durch Lärm von Autos und Straßenbahnen belastet. 

Um die Probleme mit Verkehrslärm einzudämmen, stellt das Regierungspräsidium Kassel (RP) regelmäßig Lärmaktionspläne auf. Nun wurde dieser Plan um weitere Maßnahmen aktualisiert.

  • In Kassel entsteht an verschiedenen Verkehrsknotenpunkten Lärm
  • Um diese Probleme im Verkehr einzudämmen, gibt es Lärmaktionspläne
  • Dieser Plan wurde nun um weitere Maßnahmen aktualisiert

Kassel – Er ist ein unsichtbares, aber gesundheitsschädliches Problem: Verkehrslärm. Nach aktuellen Daten des Regierungspräsidiums Kassel (RP) leiden in der Stadt Kassel aktuell 12 700 Menschen unter einer ganztägigen Lärmbelastung von mehr als 65 Dezibel. Ursachen sind hier vor allem Autos, Lastwagen und Straßenbahnen. Im Landkreis Kassel sind immerhin noch 2000 Personen vom Autoverkehr stark belastet.

Verkehr in Kassel: 120 Lärmkonfliktpunkte

Im aktuellen Lärmaktionsplan des Regierungspräsidiums sind allein für die Stadt Kassel 120 Lärmkonfliktpunkte benannt, wobei 70 Prozent auf den Autoverkehr an Hauptstraßen zurückzuführen sind. Im Landkreis ist das Problem mit 50 Lärmkonfliktpunkten etwas geringer. Mit den Aktionsplänen und den darin enthaltenen Maßnahmen soll die Belastung verringert werden.

Doch längst nicht alle Vorschläge würden von den Verkehrsbehörden und Kommunen umgesetzt, sagt Stefanie von Uckro, die beim RP für die Lärmaktionsplanung zuständig ist. „Die bisher realisierten Verkehrslärmentlastungen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so von Uckro im HNA-Interview. Es fehle am Geld für die Umsetzung von baulichen Lösungen und an den Gesetzen, um die zuständigen Behörden zu entsprechenden Umsetzungen zu verpflichten.

Verkehr in Kassel: Für Bestandstrecken sind Nachrüstungen nicht verpflichtend

Während es für Straßen- und Schienenneubauprojekte Lärmschutzvorgaben gebe, seien für Bestandstrecken Nachrüstungen nicht verpflichtend. Aus von Uckros Sicht ist dies ein großes Problem. Zumal die für den Aktionsplan maßgeblichen Lärmpegel ohnehin nur die „Spitze des Eisberges“ abbilden würden. Auch unterhalb von 65 Dezibel habe Lärm gesundheitliche Auswirkungen. Für die Nacht gilt etwa ein Grenzwert von 55 Dezibel. Legt man diesen an, so leiden in Kassel sogar 14 300 Menschen unter Auto- und Straßenbahnverkehr.

Im Kasseler Rathaus wurde zudem ein Konzept erarbeitet, mit dem neue ruhige Gebiete und potenzielle Stadtoasen ausgewiesen werden sollen, in die sich die Bevölkerung zur Erholung zurückziehen kann. Kassel übernehme damit eine Vorreiterrolle in Hessen, heißt es aus dem Rathaus. Zudem wird dort überlegt, ob zum Schutz der Anwohner an bis zu 31 Straßenabschnitten in Kassel Tempo 30 nachts eingeführt werden kann. Allerdings läuft diese Prüfung nunmehr schon seit zwölf Jahren. Im Herbst werde sie voraussichtlich abgeschlossen sein, so ein Rathaussprecher.

Verkehr in Kassel: Lärm macht krank

Permanenter Lärm macht krank. Und dennoch leiden Tausende in Stadt und Landkreis Kassel vor allem unter dem Verkehrslärm.

Um die Probleme einzudämmen, stellt das Regierungspräsidium Kassel (RP) regelmäßig Lärmaktionspläne auf. Nun wurde dieser Plan einmal mehr um weitere Maßnahmen aktualisiert. Darüber sprachen wir mit Stefanie von Uckro vom Dezernat für Immissions- und Strahlenschutz des RP.

Wann spricht man von Lärm?

In den Lärmaktionsplänen des Landes Hessen werden Verkehrslärmkonflikte in zwei tageszeitabhängigen Kategorien betrachtet: Deren Auslösewerte liegen bei einem durchschnittlichen Lärmpegel von 65 Dezibel für den ganzen Tag und bei einem durchschnittlichen Lärmpegel in der Nacht von 55 Dezibel. Dies entspricht den Empfehlungen des Umweltbundesamtes zur Vermeidung gesundheitlicher Beeinträchtigungen und den aktuellen Empfehlungen des Sachverständigenrates für Umweltfragen für die Lärmaktionsplanung.

Verkehr in Kassel: Grenze für Lärmbelastungen

Das heißt, Lärmbelastungen unterhalb dieser Werte sind unschädlich?

Nein, Lärm hat bereits deutlich unter dieser Schwelle gesundheitliche Auswirkungen. Die Lärmaktionsplanung betrachtet also nur die Spitze des Eisberges. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass für geringere Belastungen sowieso keine Maßnahmen durchgeführt werden, weil die Auslösewerte der bestehenden Regelungen im Verkehrslärmschutzbereich sehr hoch sind.

Wo sind die größten Lärmkonfliktpunkte in Stadt und Kreis Kassel mit den meisten Betroffenen?

In der Stadt Kassel ist der höchste Lärm durch Straßenverkehr in der Holländischen Straße, Eisenschmiede, Wolfhager Straße, Frankfurter Straße, Schönfelder Straße und Weserstraße zu finden. Durch die Straßenbahnen sind die Anwohner der Leipziger Straße, Kurt-Schumacher-Straße, Friedrich-Ebert-Straße und Weserstraße besonders belastet. Im Kreis werden die stärksten Lärmkonfliktpunkte in Lohfelden (A 7), Fuldabrück-Bergshausen (A44 ), Calden (B 7), Niestetal-Heiligenrode (A 7) und Zierenberg-Burghasungen (A 44) durch Straßenverkehr verursacht. In Lohfelden und Calden sind jedoch die aktuellen Baumaßnahmen noch nicht berücksichtigt, die eine Verbesserung des Lärmschutzes beziehungsweise eine Ortsumgehung vorsehen.

Verkehr in Kassel: Hoffnung auf Verbesserungen

Welche Anwohner können sich Hoffnungen auf Verbesserungen machen?

Die Stadt Kassel hat sich dazu entschieden, ruhige Gebiete und potenzielle Stadtoasen, die noch entwickelt werden müssen, auszuweisen. Sie ist damit in Hessen eine der ersten Städte, die dies so umfangreich getan haben. Außerdem wird in der Stadt seit geraumer Zeit geprüft, ob an bestimmten Straßenabschnitten Tempo 30 nachts eingeführt werden kann.

Wie sieht es im Umland aus?

Der Umbau der Ausfahrt Baunatal-Mitte an der A 49 soll mit neuen Lärmschutzeinrichtungen verbunden werden. Auch die Ortsumgehung der B 7 in Calden wird gerade gebaut. Hier ist eine Verkehrslärmentlastung absehbar. Prüfaufträge für lärmarmen Asphalt bei Deckenerneuerungen für die A 44 bei Zierenberg oder die A 7 bei Niestetal sowie Geschwindigkeitsbeschränkungen für die B 451 bei Helsa und die B 3 bei Fuldatal-Wilhelmshausen sind noch offen.

Verkehr in Kassel: Erzielte Fortschritte

Wo wurden in der Vergangenheit bereits Fortschritte erzielt?

Definitiv wurden in der Vergangenheit Fortschritte bei allen großen Umbau- und Neubaumaßnahmen erzielt, weil hier gesetzliche Vorgaben für Lärmschutz bestehen. Als Beispiele sind im Landkreis der achtstreifige Ausbau der A 7 im Bereich der Stadt Kassel, Lohfelden und Kaufungen zu nennen, der mit deutlicher Verbesserung des Lärmschutzes einhergeht. Des Weiteren wurde durch die Ortsumgehung der B 83 in Hofgeismar eine Verkehrslärmentlastung bewirkt. Auch durch Geschwindigkeitsbeschränkungen wie die an den Autobahnen bei Zierenberg-Burghasungen, Schauenburg-Elgershausen, Fuldabrück-Bergshausen (A 44) konnte eine Verkehrslärmreduzierung bewirkt werden.

Wie sieht es mit Fortschritten innerhalb der Stadt Kassel aus?

In der Stadt wurde beim Umbau der Friedrich-Ebert-Straße und Goethestraße eine Verkehrslärmreduzierung erreicht. Das Gleiche gilt für den Ersatz des Kopfsteinpflasters zum Beispiel an der Kurt-Schumacher-Straße und der Querallee. Außerdem wurden erste Fahrradstraßen eingerichtet.

Verkehr in Kassel: Gesetzliche Vorgaben müssen geändert werden

Wenn ich Sie richtig verstehe, reicht das aber alles noch nicht aus?

Die bisher realisierten Verkehrslärmentlastungen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und reichen vor allem an Bestandsstraßen bei Weitem nicht aus, die gesundheitlichen Auswirkungen nennenswert zu mindern.

Woran hängt es?

Um Verbesserungen zu erzielen, müssten gesetzliche Vorgaben geändert und Finanzierungsmöglichkeiten für Verkehrslärmschutz deutlich ausgeweitet werden. Gesetzliche Grundlage ist die EU-Umgebungslärmrichtlinie aus 2002, die in deutsches Recht umgesetzt wurde. In Hessen müssen die Regierungspräsidien auf dieser Basis Aktionspläne aufstellen. Die Entscheidung über Lärmschutzmaßnahmen liegt aber allein bei den zuständigen Behörden. Dies sind je nach Maßnahme die Verkehrsbehörden, Hessen Mobil oder die Kommunen selber. Oft wird dem Lärmschutz leider keine hohe Priorität eingeräumt.

Von Bastian Ludwig

Auch im Kreis Kassel kommt es zu Verkehrslärm. Die Autobahnen 7 und 44 aber auch Land- und Bundesstraßen sorgen für ordentlich Lärm im Landkreis Kassel und gefährden die Gesundheit - Auch im Wolfhager Land. Ein Lärmaktionsplan sieht für manche Anwohner eine möglich Abhilfe.

Weil seit den Sanierungsarbeiten an der Bergshäuser Brücke der Lärm der A44 bei Kassel zugenommen hat, hat Hessen Mobil nachgebessert. Wir erklären, was getan wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.