Zu wenig Impfstoff

Trotz hoher Corona-Zahlen: Keine mobilen Impfteams für soziale Brennpunkte in Kassel

Mobiles Impfteam in Köln: Fatima Sezek wurde am Montag als Erste in Chorweiler geimpft. In Kassel soll es vorerst keine Impfungen in sozialen Brennpunkten geben.
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Mobiles Impfteam in Köln: Fatima Sezek wurde am Montag als Erste in Chorweiler geimpft. In Kassel soll es vorerst keine Impfungen in sozialen Brennpunkten geben.

Seit dieser Woche gibt es in sozialen Brennpunkten in Köln mobile Impfteams. In Kassel ist man dagegen skeptisch - trotz hoher Zahlen in manchen Stadtteilen.

Kassel – In Kassel soll es vorerst keine mobilen Impfteams in sozialen Brennpunkten geben, wo besonders viele Menschen an Corona erkranken. Dies sagte Gesundheitsdezernentin Ulrike Gote der HNA, nachdem am Montag (03.05.2021) ein entsprechendes Pilotprojekt in Köln gestartet war. „Ich sehe dazu keinen Anlass“, sagte die Grünen-Politikerin: „Wir haben keine Daten, wie hoch die Impfbereitschaft in den Stadtteilen ist.“

In Köln suchen seit Montag (03.05.2021) mobile Impfteams die Trabantensiedlung Chorweiler auf, um aufzuklären und zu immunisieren. Die Inzidenz in dem Stadtbezirk lag zuletzt bei 543, während sie in Köln insgesamt nur bei 188 lag.

Corona-Fallzahlen in Kassel: Soziale Brennpunkte im Fokus

Intensivmediziner klagen, dass auf den Intensivstationen „überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte liegen“, wie Christian Karagiannidis vom Divi-Intensivregister Medien sagte. Gote geht davon aus, dass dies in Kassel auch so ist. Darum fordern mittlerweile auch Politiker wie Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt Impfungen in sozialen Brennpunkten.

Köln hatte 1000 zusätzliche Impfdosen erhalten. In Kassel, sagt Gote, „haben wir nach wie vor zu wenig Impfstoff“. Laut der Dezernentin sind die Corona-Zahlen in Kassel aktuell in Nord-Holland, Fasanenhof, Wesertor, Niederzwehren und Kirchditmold am höchsten. Dass es in sozialen Brennpunkten mehr Infizierte gibt, hat laut Gote nichts mit dem Migrationshintergrund zu tun: „Dies hängt an der wirtschaftlichen Situation der Bewohner dort. Sie haben oft prekäre Arbeitsverhältnisse, wo sie mit vielen in Kontakt kommen. Und sie leben häufig auf kleinerem Raum mit mehr Menschen zusammen.“

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Corona in Kassel: Aufklärungskampagnen in einfacher Sprache geplant

Um sie zu erreichen, plädiert Gote für Aufklärungskampagnen in einfacher Sprache. Dies fordert auch Mirko Zapp, Chef des Kulturzentrums Schlachthof, wo Menschen aus vielen Kulturen betreut werden: „Die Menschen vertrauen eher auf die Informationen aus ihrem Herkunftsland als auf die oft widersprüchlichen Informationen hier vor Ort.“

Auf diesen Mittwoch hat Nelli Haas lange gewartet. Die 68 Jahre alte Russlanddeutsche aus Helleböhn hat bei ihrem Hausarzt einen Corona-Impftermin für sich und ihren Mann bekommen. „Das war eine Riesenfreude“, sagt die Frau, die aus Kasachstan stammt.

Glaubt man vielen Medienberichten, wäre Haas in ihrer Bevölkerungsgruppe damit in der Minderheit. Immer wieder ist auch in seriösen Zeitungen von der angeblichen Impfskepsis unter Russlanddeutschen die Rede. Hört man sich in Helleböhn um, wo viele Russlanddeutsche leben, trifft man tatsächlich viele Menschen, die sich erst einmal nicht immunisieren lassen wollen, obwohl es in Deutschland bald sogar mehr Freiheiten für Geimpfte geben soll.

Corona-Impfbereitschaft in Kassel: Wirtschaftliche Situation der Menschen sei ausschlaggebend

Eine 72-Jährige, die ebenfalls aus Kasachstan stammt, sagt, Corona sei nicht so gefährlich, wie oft behauptet werde: „Ich warte noch auf den Sputnik-Impfstoff. Der hat keine Nebenwirkungen und soll gut sein.“

Aber auch sie kann eine Ausnahme sein. Bislang gibt es keine Daten, die Aufschluss über die Impfbereitschaft von einzelnen Bevölkerungsgruppen geben. Dennoch wird darüber nun wieder diskutiert, nachdem die höheren Corona-Fallzahlen in sozialen Brennpunkten in den Fokus gerückt sind. In Köln-Chorweiler klären seit dieser Woche mobile Impfteams auf und immunisieren die Einwohner, von denen viele einen Migrationshintergrund haben.

Dass die Menschen dort „generell häufiger von schweren Krankheiten betroffen sind“, hat für Kassels Gesundheitsdezernentin Ulrike Gote „nichts mit dem Migrationshintergrund zu tun“. Ausschlaggebend sei allein die wirtschaftliche Situation. Die Grünen-Politikerin erklärt zudem: „Zu sagen, diese Menschen lassen sich weniger impfen, ist ein Kurzschluss.“ Auch deshalb spricht sie sich gegen mobile Impfteams nach Kölner Vorbild in Kassel aus.

Corona in Kassel: Sprachprobleme erschweren Aufklärung und Impfanmeldung

Dies sieht auch Mirko Zapp so, Geschäftsführer des Kulturzentrums Schlachthof. Die Einrichtung in der Nordstadt betreut Menschen aus vielen Kulturen. Laut Zapp findet man dort „die gesamte Bandbreite, die man auch sonst in der Gesellschaft findet“. Manche hätten große Angst, andere wären sofort bereit, sich impfen zu lassen. Viele würden auch sagen: „In meinem Heimatland ist das Virus nicht bekannt. Dann kann ich mich auch nicht anstecken.“

Zusätzlich erschwerend seien Sprachprobleme. Dies gilt laut Zapp auch beim Impfzentrum: „Schon die Anmeldung online oder per Telefon ist für viele ein unüberbrückbares Hindernis. Hier versuchen wir zu helfen. Zudem haben viele negative Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht.“

Unterhält man sich mit Sozialarbeitern, erfährt man, welche diffusen Ängste viele Menschen haben: Junge Frauen befürchten, nach einer Impfung nicht mehr schwanger werden zu können. Sinti und Roma hätten schon wegen der Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus Angst vor einer Spritze. Und selbst beim Fiebermessen an der Stirn glaubten manche, man wolle ihnen wie bei „Men in Black“ das Gehirn löschen.

„In vielen Bevölkerungsteilen gibt es die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien über das Impfen – auch unter Deutschen“, sagt Gesundheitsdezernentin Gote. Dagegen helfe nur zusätzliche Aufklärung in einfacher Sprache.

Corona in Kassel: Bessere Aufklärung sei wichtig und nötig

Dies fordert auch der aus Lettland stammende Allgemeinmediziner Viktor Agranovski, der eine Praxis in Bettenhausen betreibt. Dort hat er festgestellt, dass die Impfbereitschaft unter Russlanddeutschen genauso hoch ist wie im Rest der Bevölkerung. Er wundert sich aber manchmal auf dem Nachhauseweg. Etwa an Tankstellen würden viele junge Osteuropäer in Gruppen und ohne Abstand zusammenstehen. „Sie kennen die Regeln nicht. Darum brauchen wir bessere Aufklärung von Sozialarbeitern“, sagt Agranovski.

Auch in muslimischen Gemeinden gibt es dazu offensichtlich keine Alternative. Mahmut Eryilmaz von der türkisch-islamischen Mevlana-Moschee-Gemeinde am Mattenberg kennt „viele impfwillige Mitglieder, die darauf warten, dass sie endlich drankommen“. Er sagt aber auch: „Es dauert etwas, bis Sie einem über 70-jährigen Türken ohne Internet und Handy alles erklärt haben.“

Neben Aufklärung wird laut Gote vor allem mehr Impfstoff benötigt. Wenn der zur Verfügung steht, sollen in Kassel auch Wohnungslose geimpft werden: „Die sind noch ungeschützter und wir erreichen sie am allerschlechtesten.“ (Matthias Lohr)

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