Opferliste

Franzose starb in Kasseler Bombennacht: Sohn kämpft um die letzte Ehre seines Vaters

Aufräumarbeiten bei Henschel: Nach einem nicht ganz so gravierenden Angriff vor der Bombennacht entstand die Aufnahme. Marcel Desmarets arbeitete bei Henschel.
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Aufräumarbeiten bei Henschel: Nach einem nicht ganz so gravierenden Angriff vor der Bombennacht entstand die Aufnahme. Marcel Desmarets arbeitete bei Henschel.

Frank Sommer-Desmarets hat seinen Vater nie kennengelernt. Er starb in der Kasseler Bombennacht im Jahr 1943. Sein Sohn kämpft nun um die letzte Ehre seines Vaters.

  • Ein Franzose starb in der Kasseler Bombennacht im Jahr 1943.
  • In der Opferliste taucht der Name Marcel Desmarets nicht auf.
  • Sein Sohn will das ändern.

Seinen Vater hat der 75-jährige Frank Sommer-Desmarets nie kennengelernt. Der hieß Marcel, war Franzose und starb in der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943. In der vorhandenen Liste der Opfer taucht der Name Marcel Desmarets bisher nicht auf. Sohn Frank setzt sich dafür ein, dass das nachgeholt wird.

Doch wie hat es den Franzosen Marcel Desmarets überhaupt nach Kassel verschlagen? Geboren wurde er 1915 in Versailles vor den Toren von Paris. Die Männer der Familie arbeiteten damals beim Autobauer Citroën, Marcel machte eine Ausbildung als Technischer Zeichner. Als junger Mann wurde er zum Militär einberufen. 

Marcel Desmarets erlitt eine Schussverletzung am Ellenbogen

Er zog sich im 2. Weltkrieg in den Ardennen eine Schussverletzung am Ellenbogen zu. Als Hitlers Wehrmacht Paris besetzte, warben die Deutschen um Arbeitskräfte. Und zwar mit einem Versprechen. „Für jeden, der sich freiwillig meldete, sollten fünf französische Kriegsgefangene freigelassen werden“, sagt Frank Sommer-Desmarets. Er hat die Familiengeschichte so genau wie möglich recherchiert. Sein Vater habe sich damals gemeldet und sei ab 1942 zunächst bei Siemens und Halske in Berlin beschäftigt gewesen. Warum er von dort nach Kassel zu Henschel wechselte, ist nicht bekannt.

Der erste Besuch in Frankreich: 1959 traf der damals 15-jährige Frank Sommer-Desmarets seinen Großvater.

Fest steht allerdings, dass Marcel Desmarets bei dem Großunternehmen, das unter anderem Lokomotiven und Panzer produzierte, mehrere Monate gearbeitet hat. Im Gegensatz zu vielen Zwangsarbeitern hatte er eine Adresse als Mieter. Gemeldet war Marcel Desmarets in der Mauerstraße, mitten in der Kasseler Altstadt.

Dort lernte er die damals 19-jährige Annegret Sommer kennen. Die hatte gerade eine Lehre gemacht und war als Schaffnerin für die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) dienstverpflichtet worden. Ihre Beziehung zu einem Franzosen blieb nicht unbeobachtet. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie und auch mein Vater zu Verhören bei der Gestapo abgeholt wurden“, sagt Frank Sommer-Desmarets. Soweit ihm bekannt sei, habe das allerdings keine weiteren Konsequenzen gehabt.

In der Kasseler Bombennacht starben vermutlich 10.000 Menschen

Im Kasseler Stadtarchiv gibt es einen Eintrag, nach dem Marcel Desmarets ab dem 1. Oktober 1943 mit der Adresse Mauerstraße 11 gemeldet war. Drei Wochen später wurde die Kasseler Altstadt bei dem für die Stadt folgenschwersten Angriff in Schutt und Asche gelegt. In der Bombennacht vom 22. Oktober starben vermutlich 10.000 Menschen. Die genaue Anzahl ist nicht bekannt.

Das letzte Foto: Marcel Desmarets 1942.

„Meine Mutter war dazu eingeteilt, Opfer zu bergen und nach Möglichkeit zu identifizieren“, sagt Frank Sommer-Desmarets. Die junge Frau suchte verzweifelt nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Sollte der wie so viele andere in einem Luftschutzkeller ums Leben gekommen sein, war er möglicherweise bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Das haben viele überlebende Augenzeugen so berichtet. Die schwangere 19-Jährige suchte jedenfalls vergeblich.

Mit ihren ebenfalls ausgebombten Eltern zog sie nach Kirchhain bei Marburg, wo Frank Sommer-Desmarets im Mai 1944 geboren wurde. Er ist in Marburg zur Schule gegangen und hat dort auch viele Jahre gelebt, bevor er mit seiner Familie nach Koblenz zog. „Meine Großeltern väterlicherseits habe ich erst 1959 kennengelernt“, sagt er. Die hätten sich sehr über den Enkel, von dem sie zunächst nichts wussten, gefreut. Für den in Kassel verstorbenen Sohn hatten sie 1943 einen Gedenkgottesdienst organisiert.

Besuch in Kassel: Frank Sommer-Desmarets.

Frank Sommer-Desmarets hatte Kontakt mit dem Kasseler Stadtarchiv 

Frank Sommer-Desmarets hatte Kontakt mit dem Kasseler Stadtarchiv. Die Liste mit den Opfern der Bombennacht hat der Kasseler Luftkriegsexperte Werner Dettmar im Zuge der Recherchen für sein Buch erstellt. Sie ist im Regiowiki der HNA unter dem Stichwort „Opfer der Bombennacht“ einsehbar.

Die Erinnerung an Marcel Desmarets blieb bisher auch ohne den gewünschten Eintrag wach. „Meine Frau und ich haben unseren Sohn nach meinem Vater Marcel benannt“, sagt Frank Sommer-Demarets.

Einsatz für den Vater hat sich gelohnt

Franzose, der in der Kasseler Bombennacht starb, wird jetzt im Stadtarchiv geführt

Update vom 24. Januar 2019: Für den 75-jährigen Frank-Sommer-Desmarets war es eine Herzensangelegenheit. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Der starb in der Kasseler Bombennacht von 22. Oktober 1943. Zu diesem Zeitpunkt war seine Mutter mit ihm schwanger. Jetzt endlich wird der Name Marcel Desmarets auch offiziell als Opfer genannt. Diese Zusage hat der Leiter des Kasseler Stadtarchivs, Dr. Stephan Schwenke, gemacht. „Das ist wunderbar und freut mich sehr“, sagt Frank-Sommer-Desmarets. Bislang kam Marcel Desmarets wie so viele andere, die in dieser Nacht bis zur Unkenntlichkeit verbrannten, als namentlich bekanntes Opfer einfach nicht vor.

Im Internet hatte Frank Sommer-Desmarets, der in Koblenz wohnt, die offizielle Liste der Bombenopfer im Regiowiki-Eintrag der HNA gefunden. Den Namen seines Vaters suchte er vergeblich. In der Liste sind nur die Toten verzeichnet, die identifiziert wurden.

Eine Spur gab es trotzdem. Das belegen Unterlagen des Stadtarchivs, mit dem er auf Vermittlung der HNA Kontakt hatte. Der 1915 in Versailles geborene Marcel Desmarets war im Jahr 1943 in Kassel gemeldet. Und zwar als Mieter in einem Haus an der Mauerstraße 11 mitten in der Altstadt. Darüber und über die Familiengeschichte hat die HNA berichtet. Zu dem Treffen in Kassel hatte Frank Sommer-Desmarets Unterlagen mitgebracht. Darunter die Geburtsurkunde seines Vaters und ein Dokument der Firma Henschel. Bei der damals größten Kasseler Firma, die unter anderem Panzer und Lokomotiven herstellte, hatte Marcel Desmarets gearbeitet. Er gehörte zu den französischen Freiwilligen, die sich nach der deutschen Besatzung gemeldet hatten. Für jeden, der in Deutschland arbeitete, sollten fünf französische Kriegsgefangene freigelassen werden, so das Angebot.

Diese und andere Dokumente hat sich jetzt Stadtarchivar Dr. Stephan Schwenke angesehen. Den Wunsch von Frank Sommer-Desmarets könne er nachvollziehen. Allerdings sei die vorhandene Liste der Bombenopfer ein Zeitdokument, das er nicht verändern könne. Anhand der vorgelegten Dokumente werde er allerdings eine ergänzende Anmerkung anfügen. Der Name Marcel Desmarets tauche dann in den Unterlagen des Stadtarchivs auf. Und zwar in der Materialsammlung zum Thema Luftkrieg. Die bezieht sich auf das Buch des Kasseler Luftkriegsexperten Werner Dettmar. Auch der in der HNA erschienene Artikel wird beigefügt.

„Das ist viel mehr, als ich erwartet habe“, sagt Frank Sommer-Desmarets. Seine schwangere Mutter ist nach der Bombennacht mit ihren Eltern aus dem zerstörten Kassel nach Kirchhain bei Marburg gezogen. Im Mai 1944 wurde er geboren. Jetzt hat er dafür gesorgt, dass der Vater, der in Kassel starb, nicht nur in der Familie unvergessen bleibt.

Video: Bombennacht 1943 - Als Kassel im Feuersturm zerstört wurde

Von Thomas Siemon

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