Interview mit der Leiterin des Gesundheitsamtes

Masern - Impfpflicht tritt in Kraft: „Keine harmlose Kinderkrankheit“

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Masern sind hochansteckend: Neben den typischen roten Hautflecken fiebern Betroffene und fühlen sich matt. 

Kassel: In Deutschland gilt seit kurzem die Masern-Impfpflicht. Darüber sprachen wir mit der Leiterin des Gesundheitsamtes der Region.

Kassel - Ab dem 1. März gilt in Deutschland die Masern-Impfpflicht. Darüber sprachen wir mit der Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel, Dr. Karin Müller.

Frau Müller, was verbirgt sich überhaupt hinter der Masern-Krankheit?

Masern sind keine harmlose Kinder-Erkrankung. Die Infektion mit dem Masern-Virus schwächt das Immunsystem für etwa sechs Wochen; Betroffene fiebern und fühlen sich matt. Auch wenn Masern in den meisten Fällen problemlos ausheilen, können sie zu Komplikationen führen: etwa zu Mittelohrentzündungen oder Lungenentzündungen. Einer von 1000 Betroffenen erkrankt an einer Masern-Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns. In seltenen Fällen kann es auch einige Jahre nach der Masern-Erkrankung zu einer schweren, tödlich verlaufenden Gehirnentzündung kommen.

Masern in Kassel: Meistens von Reisen mitgebracht

Hat es denn in den vergangenen Jahren Masernfälle in der Region gegeben?

Ja, die gab es in Stadt und Kreis – von Reisen mitgebracht. Masern sind hochansteckend: Spielt ein an Masern erkranktes Kind mit andern, ungeimpften in einem Raum, steckt es alle an, denn die Viren werden durch die Luft übertragen.

Wie ist es denn um den Masernschutz von Kindern in Stadt und Kreis bestellt?

95 Prozent der Bevölkerung müssten geimpft sein, um die Krankheit auszurotten. In Kasel haben wir diese Herdenschutzquote nicht überall; sie schwankt je nach Stadtteil. Während sie am Jungfernkopf und in Nordshausen bei 100 Prozent liegt, waren bei der Schuleingangsuntersuchung im Jahr 2018 in Bad Wilhelmshöhe nur 76 Prozent der Kinder geimpft. Im Landkreis ist die Impfbereitschaft weitaus höher; nur in Immenhausen, Espenau und Fuldatal liegt sie unter 90 Prozent.

Masern in Kassel: Impfpflicht ab 1. März 2020

Für diese nicht geimpften Kinder gilt es nun, sich noch impfen zu lassen?

Es gibt eine klare Zielgruppe: Gegen Masern geimpft werden sollten alle Kinder, die mindestens ein Jahr alt sind. Empfohlen wird die Impfung für alle, die nach 1970 geboren wurden. Verpflichtend wird sie ab dem 1. März nicht nur für Kinder, die einen Kindergarten oder die Schule besuchen, sondern auch für Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinischen Einrichtungen tätig sind – also für Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal. Auch Asylbewerber und Flüchtlinge müssen den Impfschutz vier Wochen nach Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft aufweisen.

Was passiert, wenn sich Eltern weigern, ihre Kinder impfen zu lassen?

Nichtgeimpfte Kinder können vom Besuch des Kindergartens ausgeschlossen werden. Das wäre nicht nur gesundheitlich, sondern auch für ihre Entwicklung von Nachteil – ein Kita-Besuch ist ganz wertvoll. Eltern, die ihre betreuten Kinder nicht impfen lassen, werden dem Gesundheitsamt von der Einrichtung gemeldet. Sie werden zunächst aufgefordert, die Impfung nachzuholen. Im äußerten Fall müssen sie aber mit einer Geldbuße von bis zu 2500 Euro oder mit einem Betretungsverbot rechnen.

Masern in Kassel: hohe Verträglichkeit der Impfung

Was wissen Sie über die Verträglichkeit der Impfung?

Die Masern-Impfung wird sehr gut vertragen und ist arm an Nebenwirkungen. Es kann zu Fieber-Reaktion oder auch zu sogenannten Impfmasern kommen, die aber nicht ansteckend sind. Einen Einzelimpfstoff gibt es übrigens nicht: Der Kombinationsimpfstoff impft gegen Mumps und Röteln mit.

Können Sie die Argumente der Impfgegner verstehen?

Die Sorge der Eltern, wenn eine Impfung des Nachwuchses ansteht, kann ich durchaus verstehen. Nicht aber die Argumente der Gegner. Denn die Komplikationen bei einer Erkrankung sind weitaus höher als etwaige Nebenwirkungen. Auch die These, die Maserimpfung könne Autismus auslösen, ist völlig aus der Luft gegriffen. Ebenso falsch ist der Glaube, dass Kinder, denen man eine Masernerkrankung bewusst zumutet, etwa durch sogenannte Masern-Partys, ein stärkeres Immunsystem entwickeln. Das Gegenteil ist der Fall: Das Immunsystem wird nicht aufgebaut, sondern über Wochen geschwächt.

Wie ist denn Ihre persönliche Einstellung zur Impfpflicht?

Ich war immer der Meinung, dass zu einer solchen Entscheidung niemand gezwungen werden darf und Eltern allein abwägen können, was das Beste für ihr Kind ist. Mit Blick auf die Entwicklung, dass die Impfquote immer weiter abnimmt, sehe ich das jetzt anders: Die Impfpflicht ist richtig, weil sie schützt – nicht nur uns selbst, sondern auch andere. Gerade Schwangere und Kinder unter neun Monaten sind besonders gefährdet. Insofern sehe ich die Impfung auch als Akt der Solidarität.

Von Anja Berens

Im Werra-Meißner-Kreis sind zu wenig Kinder gegen Masern geimpft. Auch in Niedersachsenist die Impfquote noch zu gering.

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