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„Unsoziales Verhalten“: So stark erhöhen Wohnungsunternehmen ihre Kaltmieten trotz der Krise

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Von: Bastian Ludwig

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In Kassel leben tausende Menschen in Wohnungen von großen Unternehmen. Die erhöhen in der Krise die Mieten – der Mieterbund ist empört.

Kassel – Steigende Energie- und Lebenshaltungskosten sowie die Inflation stellen viele Menschen vor Probleme. Vor diesem Hintergrund fordert der Mieterbund Nordhessen, dass Wohnungsunternehmen und private Mieter derzeit auf eine Erhöhung der Kaltmiete verzichten sollten.

Eine Umfrage der HNA bei den großen Vermietern zeigt, dass die Unternehmen ganz unterschiedlich die aktuelle Lage bei Mietpreissteigerungen berücksichtigen.

5000 Wohnungen allein in Kassel: Mieterhöhung bei Nassauischer Heimstätte

In der Kritik steht die Nassauische Heimstätte / Wohnstadt (NHW), die in Kassel 5000 Wohnungen bewirtschaftet. Diese bereitet die turnusgemäße Erhöhung für 2022 für ein Drittel ihrer insgesamt 60 000 Wohnungen vor. Im Dreijahresrhythmus seien die Mieten der landeseigenen Wohnungsgesellschaft – unabhängig von Sanierungen – zuletzt um 14 Prozent (2016) und 12,4 Prozent (2019) gestiegen, kritisiert eine Mieterin. Die Erhöhung für 2022 wird noch berechnet. Die Mieterin hält es für brisant, dass die NHW, die zu 59 Prozent dem Land gehört, diesen Schritt geht, während hessische Politiker über Entlastungspakete diskutierten.

Eine Unternehmenssprecherin versichert, dass „sehr sorgsam“ damit umgegangen werde und dass die Erhöhung unterhalb der 15 Prozent liegen werde, die das Land für Städte mit angespanntem Wohnungsmarkt in der Mieterschutzverordnung festgesetzt habe. Dies gelte auch für die Kasseler Wohnungen der NHW, obwohl die Stadt seit 2020 nicht mehr unter die Schutzverordnung fällt.

Auch hier investiert die NHW: Sie baut an der Frankfurter Straße (am Standort des alten Versorgungsamtes) einen Neubau mit 350 Wohnungen.
Auch hier investiert die NHW: Sie baut an der Frankfurter Straße (am Standort des alten Versorgungsamtes) einen Neubau mit 350 Wohnungen. Illustration: NHW / Hoechstetter Architekten © Illustration: NHW / Hoechstetter Architekten

Kassel: Mieterschutzbund Nordhessen beklagt Vorgehen der Nassauischen Heimstätte

Darüber hinaus gilt bei der NHW für Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen ein Mietenstopp. Von 2019 bis 2023 darf diese deren Mieten um höchstens ein Prozent pro Jahr erhöhen. Die Einkommensgrenze für einen Ein-Personen-Haushalt liegt bei 27 700 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern sind es 63 000 Euro. „Wer knapp über den Grenzen liegt, muss voll zahlen“, beklagt die Mieterin.

Während die NHW darauf verweist, dass 50 Prozent ihrer Mieter unter die Grenzwerte fielen, beklagt der Mieterschutzbund Nordhessen das Vorgehen. „Bei einer Erhöhung der Kaltmiete geht es um Profitsteigerungen und nicht um Weitergabe steigender Nebenkosten. Wir wundern uns, dass die NHW in diesen Zeiten davon Gebrauch macht und halten es für sozial unverantwortlich“, so Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterbundes. Die NHW argumentiert mit Millioneninvestitionen in Gebäude und will Härtefälle berücksichtigen

Mieterbund fordert keine Mieterhöhungen: Die Positionen im Überblick

Wenn es nach dem Mieterschutzbund Nordhessen geht, sollten Vermieter in der aktuellen Krisensituation gänzlich auf Erhöhungen der Kaltmieten verzichten. Viele große Wohnungsunternehmen – darunter auch GWG und GWH – hielten sich auch weitestgehend daran. „Wir beobachten weniger Fälle als sonst üblich“, sagt Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterschutzbundes. Wir stellen hier die einzelnen Positionen vor.

Der Mieterbund

Die Nassauische Heimstätte/ Wohnstadt fällt dem Mieterbund derzeit negativ auf. Niemand habe etwas dagegen, wenn steigende Nebenkosten an Mieter weitergegeben würden, aber eine Mieterhöhung – insbesondere ohne vorherige Sanierung – diene nur der Profitsteigerung, so Maximilian Malirsch. Die Sozialklausel der NHW sei zwar begrüßenswert, allerdings seien die darin festgesetzten starren Einkommensgrenzen nicht dienlich. Besser sei es, zu überprüfen, ob die Haushalte maximal ein Drittel für die Wohnkosten ausgeben müssten.

Die NHW

Die Nassauische Heimstätte/ Wohnstadt (NHW) hat Verständnis dafür, dass Erhöhungen nie erfreulich für Mieter seien. Allerdings sei es Ziel und Auftrag der NHW, zeitgemäßen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, der ökonomischen und ökologischen Aspekten gerecht werde. „Wir investieren jedes Jahr über 100 Millionen Euro in unseren Bestand. Diese Investitionen erfolgen einerseits, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, und andererseits, um langfristig die Heizkosten zu senken“, so eine Sprecherin.

Als sozial verantwortungsbewusstes Unternehmen habe sich die NHW zudem eine freiwillige Erhöhungsgrenze (15 Prozent in drei Jahren in allen Orten mit Wohnungsbestand) gesetzt und eine Sozialklausel (Maximal ein Prozent Erhöhung pro Jahr) mit Einkommensgrenzen eingeführt. Bei sozialen Härten suche man mit Mietern nach Lösungen.

Die GWH

Aus wirtschaftlicher Sicht könne die GWH aktuell nicht völlig auf Erhöhungen verzichten, so eine Sprecherin. „Wir als Vermieter kämpfen aktuell in allen Bereichen mit steigenden Preisen und den damit verbundenen Mehrkosten für unsere Bestandsverwaltung.“ Hinzu kämen die Investitionen, um die Bestände in den nächsten Jahren CO2-neutral zu machen. Dennoch agiere die GWH mit Augenmaß. Von Erhöhungen seien zu August, September und Oktober weniger als 2,4 Prozent der Bestände in Kassel betroffen. „Zudem schöpfen wir den rechtlich möglichen Rahmen nicht aus“, so die Sprecherin. Härtefälle würden berücksichtigt.

Die GWG

Die GWG teilt mit, dass in diesem Jahr keine Mieterhöhungen in laufenden Mietverhältnissen geplant sind. „Einzelne laufende Verfahren von Mietanpassungen aus dem Vorjahr sind von dieser Aussage nicht betroffen, gleiches gilt für Anpassungen der Nebenkostenvorauszahlungen in Bezug auf die steigenden Energiekosten und Mietanpassungen nach Modernisierungsmaßnahmen“, so eine Sprecherin.

Vonovia

In zwölf Prozent der 3300 Kasseler Wohnungen hat Vonovia die Miete um durchschnittlich 20 Euro erhöht. Die durchschnittliche Vonovia-Miete in Kassel betrage 6,50 Euro pro Quadratmeter, so ein Sprecher.

Die 1889

Die Vereinigten Wohnstätten 1889 haben in diesem Jahr – außer nach Mieterwechseln und nach Modernisierungen – keine Erhöhungen geplant, sagt Vorstand Uwe Flotho. Allerdings sei eine Erhöhung für Anfang 2023 vorgesehen bei Mietverträgen, die seit drei Jahren nicht angepasst wurden. Die Erhöhungen seien bei 40 Euro gedeckelt und lägen somit unter der zulässigen Kappungsgrenze von 20 Prozent. Die Durchschnittsmiete der 1889 liege mit 5,07 Euro pro Quadratmeter unter Marktniveau. (Bastian Ludwig)

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