Für 98 D-Mark Miete eingezogen

Freundinnen fürs Leben und seit 60 Jahren Mieterinnen: Frauen aus Niederzwehren ausgezeichnet

+
Gisela Ringleb und Elisabeth Groß sind nicht nur eng befreundet - sie wurden jetzt auch für 60 Jahre Miete von ihrem Vermieter ausgezeichnet.

Gisela Ringleb und Elisabeth Groß sind nicht nur gute Freundinnen, sie wohnen seit 60 Jahren im Kasseler Stadtteil Niederzwehren: Für diesen langen Zeitraum wurden sie geehrt.

  • Gisela Ringleb und Elisabeth Groß leben seit 60 Jahren im Kasseler Stadtteil Niederzwehren.
  • Ihr Vermieter zeichnete sie dafür nun aus.
  • Die beiden Frauen verbindet eine langjährige Freundschaft.

Gisela Ringleb und Elisabeth Groß wohnten mit ihren Familien noch keine zwei Wochen in ihren neuen Wohnungen in der Paul-Heidelbach-Straße in Niederzwehren, als eine schlimme Geschichte passierte.

Eine andere Nachbarin, die in dem Mehrfamilienhaus mit sechs Parteien lebte, hatte sich vor der Haustür aus Liebeskummer die Pulsadern aufgeschnitten. Anschließend sei die lebensmüde Frau ins Haus und die Treppe nach oben gelaufen.

Das ganze Treppenhaus sei von ihrem Blut bespritzt worden. „Wir haben anschließend das Blut weggeschrubbt“, erzählen die beiden Frauen. Seit diesem Vorfall ist das Treppenhaus zweimal gestrichen worden. Er ereignete sich auch schon vor 60 Jahren.

60 Jahre Niederzwehren: Langjährige Mieterinnen geehrt

Am 29. November 1959 zogen Gisela Ringleb (91) und Elisabeth Groß (79) mit ihren Familien in die Paul-Heidelbach-Straße in Kassel. Weil sie seit 60 Jahren Mieterinnen sind, wurden die beiden Frauen kürzlich von ihrem Vermieter, der Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, geehrt.

Vor 60 Jahren zahlten die Familien 98,- Mark Miete kalt, heute kostet die sanierte Wohnung 500,- Euro warm: Die Mieten in Kassel sind gestiegen.

Früher habe man alle Menschen im Haus und in der Straße mit Namen gekannt. Die Kinder hätten zusammen auf der Straße gespielt, erzählen die beiden Seniorinnen.

Von Hexen und Sängerinnen - Nachbarschaftsverhältnisse in Niederzwehren

Eine Nachbarin auf der anderen Straßenseite hatte damals den Spitznamen „Witwe Bolte“ hatte. Jeden Mittag habe sich die Frau zwischen 13 und 15 Uhr auf den Balkon gelegt und sich darüber aufgeregt, wenn die Kinder unten im Sandkasten spielten.

Dann habe sich die Frau so lange beim Hausmeister beschwert, bis dieser ein Schild „Mittagsruhe von 13 bis 15 Uhr“ aufgestellt hat. „Die war wie eine Hexe. Die hätte nach Wilhelmshöhe ziehen sollen, wenn sie keine Kinder mag“, sagt Elisabeth Groß.

Die Frauen berichten auch von einer Nachbarin, die in den 1960er-Jahren am Staatstheater als Sängerin engagiert war. Die übte jeden Abend zu Hause. Da das Haus hellhörig sei, hätten sie auch viel von dem hohen Gesang mitbekommen. „Das haben wir aber akzeptiert“, sagt Ringleb.

Die Geschichte der Familie Ringleb

Ihr Mann Helmut und sie seien einfach nur froh gewesen, als sie 1959 die Drei-Zimmer-Wohnung mit 62 Quadratmetern für sich und ihre drei kleinen Kinder gefunden hätten. Weil der Wohnraum in der Nachkriegszeit noch knapp war, benötigte die Familie einen Wohnberechtigungsschein.

Davor habe sie mit Mann und Kindern in einer Mansarde im Stadtteil  Südstadt von Kassel gewohnt, wo die Toilette auf dem Flur war, sagt die 91-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann die Schuhmacherei und das Schuhgeschäft Ringleb an der Frankfurter Straße betrieb.

Heimat seit 60 Jahren: Gisela Ringleb lebt in der Paul-Heidelbach-Straße. Die ersten zehn Jahre lebte hier auch Elisabeth Groß mit ihrer Familie.

Als die Kinder größer wurden, zog der älteste Sohn unters Dach. „Erst haben wir hier zu fünft gewohnt. Dann ging einer nach dem anderen weg. Jetzt bin ich hier Alleinherrscherin“, sagt Gisela Ringleb. Ihr Mann Helmut starb schon vor 40 Jahren während eines Urlaubs in Italien.

Ihre Kinder, die mittlerweile zwischen 61 und 68 Jahre alt sind, besuchen sie noch regelmäßig. Ebenso wie die sechs Enkel und acht Urenkel. Gisela Ringleb freut sich aber auch, dass sie nach wie vor noch viele Zeit mit Elisabeth Groß verbringt. Dabei ist die ja schon vor 50 Jahren umgezogen. Aber nur um die Ecke.

Kleine Wohnräume, große Familien und langjährige Freundschaften

Die Drei-Zimmer-Wohnung in der Paul-Heidelbach-Straße sei einfach zu eng geworden, als der zweite Sohn zur Welt kam, sagt Groß. Schließlich lebte auch ihre Schwiegermutter mit ihr und Mann Heinz unter einem Dach. Deshalb zog die Familie 1970 in eine Vier-Zimmer-Wohnung in die Silberbornstraße.

Ihr Sohn Alwin war damals zehn Jahre alt und wollte die alte Wohnung nicht verlassen. Er bleibe mit seiner Oma da, habe er zu ihr gesagt, erinnert sich Elisabeth Groß. Die Familien Groß und Ringleb unternahmen in den vergangenen 60 Jahren vieles gemeinsam.

Sie halfen sich aus, die Frauen besuchten zusammen einen Schwimmkurs. Auch heute treffen sich Elisabeth Groß, die seit zwei Jahren ebenfalls verwitwet ist, und Gisela Ringleb regelmäßig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.