Kassel: Ministerium hielt 15-Jährigen für tot - doch er lebt

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Kassel: Ministerium hielt 15-Jährigen für tot - doch er lebt

Kassel / Uelzen. Das niedersächsische Innenministerium hielt ein 15-jähriges Unfallopfer für tot. Doch der junge Mann lebt - er wird in Kassel behandelt.

„Kann ich dir die Schiene abnehmen, mein Junge?“, fragt Vesna Omland zärtlich. Andreas blinzelt mit den Augen. „Das heißt ja“, erklärt die Mutter. Sprechen kann ihr 15-jähriger Junge dies auch acht Monate nach dem Badeunfall im niedersächsischen Uelzen noch nicht. Er ist ans Bett gefesselt, braucht Betreuung rund um die Uhr in der Kasseler Kinderklinik Park Schönfeld.

Andreas ist schwer behindert, aber er lebt – auch wenn die niedersächsischen Behörden ihn vor Monaten für tot gehalten haben.

Unfall im trüben Wasser

2009 hatte der Gymnasiast aus Dortmund seine Sommerferien bei Uelzen verbracht. Am 4. August, einem heißen Sommertag, wollte er sich im Oldenstädter See abkühlen – und ging in dem trüben Wasser unter. Zwei Rettungsassistenten, die zufällig als Badegäste am Ufer lagen, sprangen ins Wasser, tauchten mehrfach nach Andreas und zogen ihn aus dem Wasser.

Im Dezember und Januar wurden die 27 und 28 Jahre alten Männer vom Uelzener Bürgermeister im Namen des Innenministeriums mit Ehrenurkunde und Ehrennadel geehrt. Die Lebensrettungsmedaille könne man nicht verleihen, weil der Junge leider gestorben sei, wird bei den Festakten das Ministerium zitiert – es ist ein fataler Irrtum: Der 15-jährige Junge lag zwar Monate lang im Koma, doch gestorben ist er nicht.

Das sei ein „bedauerlicher Vorgang“, sagt Ute Krüger, Sprecherin der Stadt Uelzen. Der zuständige Sachbearbeiter habe in einem Gespräch mit einem der Rettungsassistenten herausgehört, dass der Junge gestorben sei und habe einen Ehrungs-Antrag mit der entsprechenden Begründung ans Ministerium geschickt.

Über den Gesundheitszustand des Opfers habe man sich nicht mehr informiert. Für Vesna Omland ist es schwer zu fassen, dass bei zwei Festakten um ihren vermeintlich toten Sohn getrauert wurde: „Bevor man so etwas organisiert, muss man sich doch informieren“, sagt sie.

Wie der Unfall passieren konnte, weiß die 57-Jährige nicht: „Er ist doch ein guter Schwimmer.“ Das Leben wird für die Familie nie wieder wie früher sein seit jenem Urlaubstag auf einem Bauernhof bei Uelzen.

Nach dem Unfall wurde ihr Sohn in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht, seit dem 24. August wird er in Kassel versorgt. Die Mutter hat ihren Job aufgegeben und ein Zimmer gemietet. Sie ist für ihren Jungen da, sieben Tage die Woche, von 7 bis 21 Uhr. Vesna Omland hilft bei den Anwendungen, spricht mit Andreas, es gibt kein anderes Leben mehr als das im dritten Stock der Kasseler Kinderklinik.

Der einst fröhliche Andreas wird schwerbehindert bleiben. „Die Zeit unter Wasser war einfach zu lang“, sagt die Mutter. Und freut sich, wenn Andreas die Augen aufreißt. „Nein, heißt das“, erklärt Vesna Omland, „er versteht alles, was wir sagen.“ Das nächste Ziel von Mutter und Sohn: dass der Junge im Sommer wieder „Hallo“ sagen kann.

Von Thomas Mitzlaff

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