Chef der Soko sagt im Mordfall Lübcke aus

So geriet Stephan E. ins Visier der Polizei: Von der Tat-Nacht bis zur Festnahme - Ein Überblick

Nach dem Mord an Walter Lübcke ging die Polizei zunächst verschiedenen Spuren nach. Der Leiter der Soko hat die Ermittlungen nun rekonstruiert.

  • Die Polizei ermittelte im Fall Lübcke in verschiedene Richtungen.
  • Zu der Tat-Nacht gab es zunächst verschiedene Hypothenen.
  • Doch dann findet die Polizei etwas, dass sie auf die Spur von Stephan E. aus Kassel führt.

Frankfurt - Nach dem Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gingen die Ermittlungen zunächst in alle Richtungen. Das sagte der Leiter der Sonderkommission am Donnerstag als Zeuge im Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

„Dort war die Platte geputzt“, sagt Kriminaldirektor Daniel Muth am Donnerstagvormittag über die Terrasse, auf der Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni 2019 erschossen worden ist. Als die Polizei am frühen Sonntagmorgen dort angekommen sei, habe es sich nicht mehr um einen „polizeilichen Tatort“, sondern um einen Ereignisort gehandelt.

Lübcke-Prozess in Frankfurt: Soko Liemecke sollte Mord aufklären

Muth, der damals Fuldaer Kripo-Chef war und mittlerweile Abteilungsleiter beim Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden ist, wurde am 4. Juni 2019 vom Hessischen Innenministerium mit der Leitung der Soko Liemecke beauftragt, die den Mord an dem Regierungspräsidenten aufklären sollte.

Gestern wurde er vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt im Mordprozess gegen Stephan Ernst und den Mitangeklagten Markus H. mehrere Stunden vernommen. Muth gab allen Beteiligten einen Überblick darüber, wie die Ermittlungen im Fall Lübcke bis zur Festnahme der Angeklagten gelaufen sind. Dabei wurde deutlich, dass zunächst in alle Richtungen ermittelt worden war.

Lübcke-Prozess in Frankfurt: Die Tatnacht - dazu gab es es zunächst verschiedene Hypothesen

Da der Kriminaldauerdienst im Polizeipräsidium Kassel erst nachts um 4 Uhr von der Klinik in Wolfhagen über den Tod Lübckes informiert worden sei und die Ermittler erst daraufhin die Schussverletzung entdeckt hätten, habe man sich die Frage gestellt, was zwischen dem Auffinden Lübckes um 0.30 Uhr bis 4 Uhr alles passiert sei.

Es habe zunächst verschiedene Hypothesen gegeben – zum Beispiel von einem vertuschten Suizid oder einem Unfall. Es wäre ja auch möglich gewesen, dass Jugendliche auf ein Schild hätten schießen wollten und aus Versehen den Regierungspräsidenten getroffen hätten.

Zudem wurde der Frage nachgegangen, ob es Mordmotive in der Familie oder im Freundeskreis geben könnte. Auch sei nicht ausgeschlossen worden, dass die organisierte Kriminalität oder Windkraftgegner hinter der Tat stecken könnten. Dass der Tatort noch in der Nacht vor dem Eintreffen der Polizei gereinigt worden war, habe die Sache auch nicht einfacher gemacht.

Lübcke-Fall: Zunächst geriet der Ersthelfer ins Visier der Polizei

Der Tatort sei von einem Ersthelfer, der von Jan-Hendrik Lübcke angerufen worden war, in der Nacht mit Wurzelbürste und Felgenreiniger geschrubbt worden, erinnert sich Muth. Da sich dieser Mann, der mit der Familie Lübcke befreundet ist, bei seiner ersten Aussage widersprochen habe, sei er in den Beschuldigtenstatus gehoben worden.

Man habe den jungen Mann aus Istha deshalb überwacht. Als er am Samstag, 8. Juni, für die Ermittler unerwartet an die Nordseeküste gefahren sei, habe man sich dazu entschlossen, ihn festzunehmen. Sollte der Mann, der einen Waffenschein besitzt, tatsächlich der Täter sein, habe man verhindern wollen, dass er die Tatwaffe in die Nordsee wirft, erklärt Muth. Deshalb hätten ihn Spezialeinsatzkräfte auf einer Fähre bei Wangerooge festgenommen.

Noch in der Nacht sei der Mann vernommen worden. Dieses Mal habe er schlüssig erklären können, warum er die Terrasse gereinigt habe. Danach habe es bei ihm und der Staatsanwältin keine großen Zweifel mehr ergeben, dass dieser Mann mit dem Mord an Lübcke nichts zu tun hat.

Ermittlungen im Fall Lübcke: Die Familie wurde getrennt voneinander vernommen

Bereits am Freitag, 7. Juli, habe man die Familie Lübcke ins Polizeipräsidium nach Kassel einbestellt, um die Angehörigen getrennt voneinander zu vernehmen, sagt Muth weiter aus. Nach diesen Vernehmungen habe man eine „Mordmotivation innerhalb der Familie und des Freundeskreises“ ausschließen können, so der Soko-Leiter. Ebenso einen vertuschten Suizid. Die Hände des verstorbenen Regierungspräsidenten seien auf Schmauchspuren untersucht worden. Man habe nichts entdeckt.

Mord an Walter Lübcke: Politisch motivierte Tat wird immer wahrscheinlicher

Nachdem nach dem Ausschlussverfahren diese Möglichkeiten nicht in Frage kamen, habe sich am Sonntag, 9. Juni, bei der Soko eine „gewisse Ernüchterung“ eingestellt, so Muth. „Weil wir nicht mehr so viel hatten.“ Für ihn sei eigentlich zu diesem Zeitpunkt klar gewesen, dass ein „politisch motiviertes Tötungsdelikt“ immer wahrscheinlicher ist.

„Wir haben mit Hochdruck an verschiedenen Hypothesen gearbeitet“, so Muth. Man habe aber schnell gemerkt, dass man einen islamistischen Hintergrund wohl vernachlässigen könne. Eine linksextreme Tat, zum Beispiel von Windkraftgegnern, habe man zunächst nicht ausgeschlossen, aber auch das rechtsextreme Spektrum wegen der Bürgerversammlung in Lohfelden im Blick gehabt.

Ermittlungen zum Mord an Walter Lübcke: Dann kommt Polizei auf eine heiße Spur

Am Freitag, 14. Juni, habe er dann einen Anruf vom LKA bekommen. Auf dem Hemd, das Lübcke bei seinem Tod trug, war eine einzelne Hautschuppe entdeckt worden – und die konnte bei der Analyse Stephan Ernst zugeordnet werden. Der Chefermittler teilte auch mit, dass Lübckes Hemd schon kurzzeitig in der Wolfhager Klinik im Müll entsorgt worden, aber dann sichergestellt worden war.

Schnell habe sich herausgestellt, dass Ernst in Kassel lebt und wegen rechtsextremer Taten vorbestraft ist. Es sei ihm wichtig gewesen, so Muth, einen schnellen Zugriff zu machen, da die Gefahr zu groß gewesen sei, dass „etwas an die Medien durchsickert“. Von Spezialeinsatzkräften sei Ernst dann in der Nacht zum 15. Juni in seinem Haus in Kassel festgenommen worden.

Ermittlungen zum Lübcke-Fall: Warum ausgerechnet der Kasseler Regierungspräsident?

Muth macht in seiner Vernehmung auch deutlich, dass sich die Ermittler auch die Frage gestellt hätten, warum ausgerechnet der Kasseler Regierungspräsident als Opfer ausgesucht worden sei. Zum einem sei die Bürgerversammlung in Lohfelden, bei der Lübcke gesprochen hatte, vier Jahre vor der Tat gewesen. Zum anderen habe Lübcke als Regierungspräsident nicht nur für Flüchtlingsunterkünfte gestanden, sondern sei auch dafür zuständig gewesen, dass Asylbewerber abgeschoben werden.

Es habe Bundespolitiker gegeben, die wegen der Flüchtlingskrise wesentlich mehr im Fokus gestanden hätten, so der Leiter der Soko. Diese Umstände hätten gegen einen überregionalen Täter gesprochen. Deshalb habe man sich bei den Ermittlungen darauf konzentriert, die Teilnehmer der Bürgerversammlung in Lohfelden zu identifizieren. (Ulrike Pflüger-Scherb)

Weiteres zum Lübcke-Prozess: Am zehnten Verhandlungstag um den Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke ging es vor dem Oberlandesgericht Frankfurt auch um die umstrittene Verbreitung eines Videos.

Der Fall Lübcke: So tickt der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, Stephan Ernst - ein Nazi zwischen Hass und Einsicht.

Rubriklistenbild: © Swen Pförtner/dpa

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