Seit dem Tod von Lübcke

Morddrohung gegen FDP-Politiker: Fälle in Kassel nehmen zu

Erhielt er eine Mord-Drohung, weil er sich in der Politik engagiert? Mit diesen Plakaten warb der FDP-Politiker Timo Evans für sich. Nun sitzt er im Ortsbeirat von Niederzwehren (Kassel) und könnte noch ins Stadtparlament nachrücken.
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Erhielt er eine Mord-Drohung, weil er sich in der Politik engagiert? Mit diesen Plakaten warb der FDP-Politiker Timo Evans für sich. Nun sitzt er im Ortsbeirat von Niederzwehren (Kassel) und könnte noch ins Stadtparlament nachrücken.

Der Kasseler FDP-Politiker Timo Evans hat eine Morddrohung am Telefon erhalten. Nun ermittelt der Staatsschutz. Die Polizei registriert immer mehr solche Bedrohungen.

Kassel – Mitten im Videocall mit den Jungen Liberalen war Timo Evans vorigen Mittwoch plötzlich sprachlos. Der FDP-Kommunalpolitiker hatte das Meeting mit den Parteikollegen um 19.53 Uhr unterbrochen, weil er auf seinem Privat-Handy einen anonymen Anruf von einer unterdrückten Nummer erhielt. Evans nahm ab und hörte eine Stimme sagen: „Arschloch, Hurensohn. Ich weiß, wo ihr wohnt. Ich bring euch um.“

Der 31-Jährige war so perplex, dass er einige Sekunden nichts sagen konnte. Dann legte der Anrufer auf. Evans erstattete Anzeige wegen Bedrohung und Beleidigung. Nun ermittelt der Staatsschutz. Denn der Familienvater ist nicht nur Bezirksleiter der Bausparkasse Schwäbisch Hall, sondern eben auch Kommunalpolitiker. Vor zwei Jahren trat Evans in die FDP ein. Gerade wurde er in den Ortsbeirat Niederzwehren gewählt, zudem könnte er noch in das Stadtparlament nachrücken.

FDP-Politiker macht Drohung öffentlich: Polizei Kassel hat noch keinen Tatverdacht

In den vergangenen Monaten hingen 250 Plakate mit seinem Porträt in der Stadt. Neben seinem markanten Kopf mit Glatze und Vollbart stand der Slogan: „Zukunft braucht Visionen.“ Erhielt er wegen seines Engagements in der Kommunalpolitik eine Morddrohung?

Evans weiß es nicht, auch die Polizei hat noch keinen Verdacht. Trotzdem hat der Hobby-Politiker die Drohung nun öffentlich gemacht. Zum einen hat er die Hoffnung, dass der anonyme Anrufer den Bericht liest und „so etwas künftig unterlässt“. Denn auch seine Frau, die vor drei Monaten Zwillinge auf die Welt gebracht hat, war geschockt, wie Evans sagt. Zum anderen will er zeigen, „wie mit Politikern umgegangen wird“.

Polizei: Anstieg an Drohungen gegen Politiker im Raum Kassel

Tatsächlich ist laut einem Sprecher der Kasseler Polizei in den vergangenen Jahren ein Anstieg an Bedrohungen gegen Politiker festzustellen. 2019 waren es 9, im vorigen Jahr schon 16. Dies liege auch daran, dass es nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 eine „deutlich gestiegene Sensibilität für dieses Thema“ gebe. Zudem können Fälle seit Januar vergangenen Jahres über die zentrale Meldestelle Hessengegenhetze.de dokumentiert werden.

Bereits Anfang des Jahres hatte der Kasseler CDU-Fraktionschef Michael von Rüden eine Morddrohung erhalten. Ein ebenfalls anonymer Anrufer sagte dem 71-Jährigen am Telefon: „Rüden, du bist als Nächster dran.“ Die Ermittlungen brachten bislang keinen Erfolg.

FDP-Politiker aus Kassel will sich nicht einschüchtern lassen

Von Bedrohungen will sich von Rüden nicht einschüchtern lassen: „Wenn man in der Kommunalpolitik auftritt, muss man mittlerweile mit so etwas rechnen. Der Grad der Distanzlosigkeit ist in den vergangenen Jahren größer geworden.“

Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Matthias Nölke hat sich nach 20 Jahren in der Politik ein dickeres Fell zugelegt, wie er sagt. Trotzdem wundert er sich, „wie niedrig die Hemmschwelle mittlerweile geworden ist“.

Nach Mord-Drohung in Kassel: Polizei schützt Politiker

Nach der Drohung gegen von Rüden fuhren Polizeibeamte ab und an an seinem Haus vorbei, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. „Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt“, sagt der Politiker.

Auch Evans lobt die Betreuung durch die Beamten. Er will nun nicht mehr ans Telefon gehen, wenn Anrufer ihre Nummer unterdrücken. Seine Karriere als Kommunalpolitiker soll dennoch nun so richtig beginnen: „Wenn man sich von so etwas einschüchtern lässt, ist man in der Politik am falschen Platz.“ (Matthias Lohr)

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