Pressekonferenz wirft Fragen auf

Mordfall Lübcke: Stephan Ernst belastet Komplizen - Markus H. war der radikale Denker

Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke hat am Mittwoch mit seiner erneuten Aussage überrascht: Jetzt belastet er seinen Komplizen Markus H.

  • Kehrtwende im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.
  • Der Tatverdächtige Stephan Ernst belastet jetzt seinen Komplizen Markus H.
  • Wie glaubhaft ist das Geständnis und welche Auswirkungen hat es.

Nach der gestrigen Vernehmung von Stephan Ernst rückt Markus H. immer mehr in den Fokus. Die wichtigsten Antworten zum Mordfall Walter Lübcke:

Wie glaubwürdig sind die neuen Aussagen von Stephan Ernst?

Das ist schwierig zu beantworten. Immer wieder hatte es Spekulationen über einen zweiten Mann am Tatort gegeben. Nach Erkenntnissen unserer Zeitung hatten die Ermittler bisher jedoch keinen Hinweis dafür. Insbesondere habe man keine DNA-Spuren von Markus H. am Tatort gefunden.

Auch ob Lübcke aus Versehen erschossen worden sein könnte, wie es Ernst nun behauptet, scheint fraglich. Die Bundesanwaltschaft hatte am 17. Juni erklärt, dass Ernst verdächtigt wird, Lübcke heimtückisch durch einen Kopfschuss getötet zu haben.

Was spricht für die neue Aussage von Ernst?

Wird von Stephan Ernst (links) beschuldigt: Neonazi Markus H. aus Kassel (rechts) soll Walter Lübcke versehentlich erschossen haben. Ernst und H. seien gemeinsam am Tatort gewesen.

Personen, die Ernst kannten, hatten schon früher Zweifel an der alleinigen Täterschaft Ernsts geäußert. Die Wirtin der Kneipe „Stadt Stockholm“ am Kasseler Entenanger, in der Ernst mit rechten Kumpels früher häufig zu Gast war, sagte bereits im Sommer 2019, dass niemand Ernst zutraue, den Mord allein begangen zu haben. 

Er sei nicht so ein Typ, der so etwas organisieren könne: „Aufs Gymnasium hätte der nicht gehen können. Das war immer nur ein Mitläufer.“ Christian Worch wiederum von der Partei „Die Rechte“ hatte auf der Demonstration der Neonazis im Juli Ernst als verrückten Einzeltäter dargestellt.

Was hatte Ernst in seinem ersten Geständnis gesagt?

Darin hatte der bisherige Hauptverdächtige Ende Juni die Tat gestanden. Von einem weiteren Beteiligten war damals nicht die Rede. Dafür soll Ernst erklärt haben, dass er in den vergangenen drei Jahren mehrmals mit einer Waffe zum Haus von Lübcke in den Wolfhager Stadtteil Istha gefahren sei. Wegen dessen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik auf einer Versammlung in Lohfelden habe er immer wieder gedacht, dass man Lübcke erschießen müsse.

Video: Mordfall Walter Lübcke: Pressekonferenz zur Vernehmung von Stephan Ernst

Was weiß man bislang über Markus H.?

Wie Ernst war der Kasseler, der im Stadtteil Wesertor wohnte, jahrelang in der nordhessischen Neonazi-Szene aktiv. Durch die Arbeit sollen sich beide ab 2013 näher kennengelernt haben. Zugleich wurde das Duo immer radikaler. Die beiden Nordhessen nahmen gemeinsam an rechtsextremen Demonstrationen teil. Ein Foto zeigt sie am 1. September 2018 in Chemnitz, wo sie gemeinsam mit der AfD durch die Straßen marschierten.

Beantwortete nur wenige Fragen: Stephan Ernsts Verteidiger Frank Hannig am Mittwoch bei der Pressekonferenz im Hotel Reiss.

Wie Ernst war Markus H. Mitglied im Schützenclub Sandershausen. Laut Vereinsmitgliedern waren sie dort ganz normale Sportschützen – Ernst mit dem Bogen, Markus H. mit der Kleinkaliberpistole. Gemeinsam schoss das Duo im Sommer 2018 auf der Anlage der Schützengesellschaft Grebenstein. Dort sollen die Neonazis Gäste der Reservistenkameradschaft Germania gewesen sein.

Bereits im November hatte Ernst in einem Interview mit dem NDR-Magazin „Panorama“ die Beziehung der beiden Rechtsextremen dargestellt, als sei er nur das ausführende Organ gewesen. Das deckt sich mit der Aussage einer früheren Lebensgefährtin von Markus H. Demnach sei ihr Ex-Partner der „Denker“ gewesen, während sich Ernst als „Macher“ dargestellt habe.

Wie radikal Markus H. war, belegt eine andere Aussage seiner einstigen Freundin. Angeblich sollten seine Kinder nicht seinen Namen tragen. Denn falls er schwer krank werden würde, habe er sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagen wollen, um möglichst viele „Kanaken“ mit in den Tod zu nehmen.

Wie reagiert der Verteidiger von Markus H. auf die neuen Aussagen von Stephan Ernst?

Dr. Björn Clemens aus Düsseldorf hat am Mittwochabend eine Presseerklärung herausgegeben. Darin heißt es: „Aufgrund der mir obliegenden anwaltlichen Schweigepflicht und meines Selbstverständnisses als Verteidiger, welches auch einen gewissen Stil umfasst, gebe ich zum Sachverhalt weiterhin keine Auskunft. Das ist in keinerlei Richtung interpretationsfähig. Wenn andere Verteidiger eine andere Strategie verfolgen und weniger Hemmungen haben, Dinge auszuplaudern, kann ich das nicht beeinflussen.“ Manche Beobachter sprechen schon von einer Schlammschlacht der Verteidiger.

Wird sich der Beginn des Prozesses nun verzögern?

Davon ist auszugehen. Ende November hieß es von der Bundesanwaltschaft, die Anklage gegen Ernst sowie H. und Elmar J., die die Tatwaffe besorgt haben sollen, solle Ende des Jahres, spätestens aber in den ersten drei Januarwochen erhoben werden. Das ist nach den jüngsten Entwicklungen sehr unrealistisch, weil weitere Ermittlungen anstehen. Wann der Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt beginnt, ist unklar.

Von Ulrike Pflüger-Scherb, Kathrin Meyer, Matthias Lohr, Frank Thonicke und Florian Hagemann


Anwalt Knuth Pfeiffer, Fachanwalt für Strafrecht aus Kassel, zweifelt das neue Geständnis von Stefan Ernst an

Der Mordfall Lübcke ist nicht der einzige Prozess in Nordhessen. Klemens Olbrich, Bürgermeister von Neukirchen, steht wegen fahrlässiger Tötung dreier Kinder vor Gericht.

Elmar J. soll Stephan Ernst die Tatwaffe im Mordfall Walter Lübcke verkauft haben. Nun lebt er wieder in Natzungen. Die Dorfbewohner sind verunsichert.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa, Panorama/NDR

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