Downhill-Projekt am Hohen Gras vorerst gescheitert

Keine neue Mountainbike-Strecke für Kassel: Schlag ins Gesicht für Initiatoren

Männer auf Mountainbikes im Wald bei Kassel
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In der Nähe des Lifts war der Startpunkt vorgesehen: Fabian Fiedler (links) und Andreas Hoffmann vom PSV Grün-Weiß Kassel müssen das Downhill-Projekt offenbar begraben.

Am Hohen Gras in Kassel wird es vorerst kein Downhill-Angebot für Mountainbiker geben. Hohe Umweltauflagen machen das Projekt praktisch unmöglich. Obwohl Forstbehörde Stadtverwaltung hinter dem Projekt stehen.

Kassel - Das Thema Mountainbiker im Habichtswald erhält immer mehr Brisanz. Fast täglich beschweren sich Wanderer und Spaziergänger speziell über Downhill-Fahrer, die auf illegalen Strecken bergab düsen. Der PSV Grün-Weiß Kassel wollte dem entgegenwirken und eine öffentliche Downhill-Anlage am Hohen Gras bauen. Nach Jahren der Planung ist das Projekt aber erst mal ausgebremst worden. Annähernd 30 000 Euro, die der Verein bereits investiert hat, scheinen umsonst ausgegeben.

Das Geld erhielt der PSV als Sportfördermittel von der Stadt Kassel. „Es war von Anfang an strategisches Ziel, das Hohe Gras, den Habichtswald, als Freizeit-, Sport- und Naherholungsareal attraktiver und vielfältiger zu gestalten. Deswegen sind auch dem PSV Fördermittel für die Planung zur Verfügung gestellt worden“, sagt Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). Nur: Die Untere Naturschutzbehörde (UNB), die in den Zuständigkeitsbereich von Baurat Christof Nolda (Grüne) fällt, genehmigte nur einen Teil des Konzepts.

„Außerdem stecken in dieser Genehmigung so viele Auflagen und Einschränkungen, dass es für uns keinen Sinn mehr macht, das Projekt umzusetzen“, sagt PSV-Präsident Gerald Hoffmann. Patric Dreher, der Planer der Strecken, sagt: „Unter diesen Umständen schaffen wir kein attraktives Angebot. So können wir die Fahrer nicht von den illegalen Strecken weglocken.“ Dabei sicherten sich die Initiatoren ab. Holten Experten ins Boot wie das Kasseler Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF). „In unserem Gutachten haben wir keine naturschutzfachlichen Hindernisse festgestellt“, so BÖF-Mitarbeiter Wolfgang Herzog. Kurzum: Die Experten haben grünes Licht für das Projekt gegeben.

Auch Hessenforst als Vertreter des Waldeigentümers steht hinter der Idee. Es gebe einen großen Bedarf für legale Downhill-Strecken, so Matthias Schnücker, Bereichsleiter für Forsthoheit und Dienstleistungen. Nach vielen Terminen vor Ort habe er keine Zweifel gehabt, „dass etwas gegen die Pläne spricht“. Zumal die UNB in die Planungen involviert gewesen sei. (Von Robin Lipke)

Kassels zuständige Untere Naturschutzbehörde (UNB) hat das Projekt zwar genehmigt, aber diese Genehmigung habe kaum noch etwas mit den ursprünglichen Plänen zu tun, sagt Gerald Hoffmann. Der Verein mit seiner Abteilung Downhill/Freeride hatte vor Jahren das Vorhaben auf den Weg gebracht. Das renommierte Kasseler Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF) wurde mit ins Boot geholt. Sogar die UNB war an der Planung beteiligt. „Von daher ist diese Entscheidung für uns ein Schlag ins Gesicht“, sagt Hoffmann. 

Aufgeben will der PSV Grün-Weiß Kassel nicht. Der Verein führt Gespräche mit dem Zweckverband Naturpark Habichtswald. Dessen Geschäftsführer Jürgen Depenbrock befürwortet das vom PSV geplante Downhill-Projekt am Hohen Gras. Depenbrock denkt allerdings weiter: „Die Downhill-Anlage sollte Teil eines größeren Mountainbike-Konzeptes im Habichtswald sein.“ Er fordert eine Rückkehr zur Sachlichkeit. Der Verband sei bereit, den Prozess zu begleiten. 

Legales Angebot sollte illegale Nutzung von Strecken vorbeugen

Der Frust sitzt tief bei den Vertretern des PSV Grün-Weiß Kassel. Seit mehr als acht Jahren hat der Verein viel Herzblut und viel Zeit in das Downhill-Projekt gesteckt. „Wir wollten unser Hobby in geregelte Bahnen lenken“, sagt Andreas Hoffmann, Leiter der Abteilung Downhill/Freeride. Vor allem sei es bei dem Vorhaben darum gegangen, dem illegalen Treiben im Habichtswald entgegenzuwirken. Das Fahren auf nicht erlaubten Strecken ist seit Jahren ein Ärgernis.

Insofern hat auch Hessenforst als Vertreter des Waldeigentümers ein großes Interesse daran, „dass am Hohen Gras ein legales Angebot geschaffen wird“, sagt Matthias Schnücker, Bereichsleiter für Forsthoheit und Dienstleistungen. Täglich beschwerten sich Wanderer. Hessenforst sei gezwungen, mit Baumstämmen die illegalen Strecken dichtzumachen. Schnücker sagt: „Der Bedarf an einem legalen Angebot ist da.“ Und endlich gebe es mit dem PSV einen seriösen Partner, der bereit wäre, solch eine Anlage zu betreiben.

Neben Aspekten der Verkehrssicherung im Habichtswald geht es zudem um Boden- und Artenschutz. Deshalb beauftragte der PSV das Kasseler Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF) für ein Gutachten, um naturschutzfachliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Wir haben wirklich mit allen Leuten gesprochen und uns abgesichert. Selbst der benachbarte Landwirt hatte keine Einwände“, erklärt PSV-Präsident Gerald Hoffmann. Und nicht zuletzt sei die zuständige Untere Naturschutzbehörde (UNB) des Umwelt- und Gartenamtes in Kassel in die Planung involviert gewesen.

Gerald Hoffmann

Was Schnücker von Hessenforst bestätigt. Permanent habe es Termine vor Ort gegeben. Auf Bedenken und Verbesserungswünsche der UNB sei reagiert worden. Gerald Hoffmann nennt ein Beispiel: „Eine Strecke führte laut UNB zu dicht an einem Kolkraben-Nest vorbei. Also haben wir die Piste um ein paar Meter verschoben.“ Am Ende summierten sich die Kosten für das BÖF auf annähernd 30 000 Euro. Das Geld erhielt der PSV als Sportfördermittel von der Stadt Kassel.

Im August 2019 reichte der Verein nach fast vier Jahren intensiver Planung den Antrag für die Downhill-Strecken ein. Inzwischen kam die unbefriedigende Antwort, die auch Schnücker verwundert. Nach all den Absprachen habe er nie Zweifel an der Realisierung des ursprünglichen Konzepts gehabt: „Doch die UNB hat dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

Auf HNA-Anfrage versichert Oberbürgermeister Christian Geselle, dass er das Projekt weiterhin unterstütze. „Ich bin irritiert über die die Entwicklung im operativen Bereich. Hierüber wird weiter zu reden sein“, sagt Geselle. Er wisse sich nicht nur im Einklang mit dem PSV, sondern auch mit dem Waldeigentümer Hessenforst, dem Naturpark Habichtswald und auch der Landesforstbehörde.

Familie Brödel hätte gern verkauft

Das Downhill-Projekt am Hohen Gras hätte einen Nebeneffekt gehabt: Der Skilift wäre sinnvoll genutzt worden. Die Mountainbiker hätten sich nach einer Abfahrt hochschleppen lassen können. „Das funktioniert einwandfrei“, sagt Patric Dreher, der die Strecken geplant hat und der den Lift von der Familie Bröffel übernommen hätte.

Stefan Steinmetz, Leiter des Verkehrsdezernats im Kasseler Regierungspräsidium, bestätigt, dass seit vergangenem Oktober eine Genehmigung für Herrn Dreher existiere. „Auf Videos ist gut zu erkennen, wie so ein Lift von Mountainbiker genutzt wird. Gegen eine zusätzliche Nutzung spricht nichts.“ Zumal das Planungsbüro BÖF in einem umfassenden Gutachten keine unüberwindbaren naturschutzfachlichen Hindernisse aufgezeigt habe – im Gegenteil, sagt Steinmetz.

Dreher hatte sich mit der Familie Bröffel bereits auf einen Preis geeinigt. „Wir hätten gern verkauft. Seit vier Jahren warten wir nun schon auf eine Lösung“, sagt Gerda Bröffel, die mit ihrem Mann Eduard den Lift betreibt. Altersmäßig und gesundheitlich seien sie dazu nicht mehr in der Lage. Beide sind über 80 Jahre alt.

An dem Downhill-Projekt hänge die Weiterführung des Lifts, sagt Steinmetz. „Lukrativ wird es für Herrn Dreher nur, wenn die Anlage auch für Mountainbiker in Betrieb geht.“ Falls der Lift nicht mehr gebraucht werde, müsste Familie Bröffel die Kosten für den Rückbau tragen. Die liegen laut Gerda Bröffel bei mindestens 15 000 Euro. Der Oberbürgermeister und das Sportamt stünden in enger Abstimmung mit der Familie, teilt die Stadt mit.

Trails für Anfänger und Fortgeschrittene

Beim Downhill-Projekt am Hohen Gras dachten die Initiatoren an vier Strecken – Mountainbiker sprechen von Trails. Die jeweiligen Startpunkte wären in der Nähe des Skilifts gewesen. „Da war alles dabei. Anspruchsvolles, aber auch Pisten für Kinder und Anfänger“, erklärt Patric Dreher. Der 34-Jährige, der im Harz einen ähnlichen Bike-Park betreibt, hat die Streckentypen für Kassel geplant.

Mit den Einschränkungen, die die Untere Naturschutzbehörde (UNB) mit der Genehmigung verknüpft, hat Dreher nicht gerechnet. „Im Grunde dürfen wir nur eine Strecke bauen.“ Die UNB argumentiert, dass sie die Strecken aus „artenschutzrechtlichen Gründen“ gestrichen habe. Was Dreher nicht nachvollziehen kann, weil das Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF) keine Bedenken geäußert hatte. Die UNB verweist darauf, dass das Urteil des Gutachters die „behördliche Entscheidung“ nicht ersetzen könne.

Das Problem: In dieser Form seien sie nicht in der Lage, ein attraktives Angebot auf die Beine zu stellen: „Und so lockst du die Fahrer eben nicht von den illegalen Strecken weg“, sagt Dreher. Rückdeckung bekommt er von Matthias Schnücker von Hessenforst. Im Habichtswald gebe es für Downhill-Fans keine Möglichkeit, legal zu fahren. Anhand von Facebook-Beiträgen und Unterschriften-Aktionen geht Dreher davon aus, dass mehr als 1000 Biker an einer Anlage interessiert seien

Wie Downhill funktioniert

Innerhalb des Radsports ist Downhill eine spezielle Disziplin beim Mountainbiking. Übersetzt bedeutet Downhill so viel wie Bergabfahrt. Es geht darum, eine Strecke in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren. Die Strecke führt durch grobes Gelände. Die Fahrer müssen Hindernisse überwinden und Sprünge bewältigen. In dem vom Weltverband UCI organisierten Mountainbike-Weltcup wird auch die Disziplin Downhill ausgetragen. Weltmeisterschaften finden ebenfalls statt. Für die Bergabfahrten sind spezielle Mountainbikes nötig.

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