Interview über Ökumene und Pflichtzölibat

Martin Gies ist neuer katholischer Dechant: „Die Kirche muss sich bewegen“

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Dechant Martin Gies.

In Kassel gibt es einen neuen katholischen Dechanten: Martin Gies. Im Interview verrät er uns seine Ziele für die Zukunft und seine Ansichten über Ökumene und Pflichtzölibat.

  • Nachfolger von Harald Fischer: Martin Gies ist neuer Dechant
  • Ökumene als zentraler Ansatzpunkt bei Plänen für die Zukunft
  • Geöffnete Türen: Gegen Pflichtzölibat und für Frauen in Kirchenämtern

Martin Gies ist seit Anfang Dezember neuer Dechant der Katholischen Kirche. Am Sonntag, 5. Januar, 18 Uhr, wird er mit einem Gottesdienst in der Elisabethkirche offiziell in sein Amt eingeführt.

Wir sprachen mit dem 58-Jährigen, der als Pfarrer an der Gemeinde Heilig Kreuz in Ihringshausen und St. Wigbert in Reinhardshagen tätig ist.

Sie treten als Nachfolger von Harald Fischer in große Fußstapfen. Wie wollen Sie in Ihrer Amtszeit eigene Akzente setzen?

Ich bin mir der Verantwortung bewusst, die mit der neuen Aufgabe einhergeht. Was man sagt, wird nun ganz anders in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Was die Reformwünsche für die Katholische Kirche angeht, setze ich das fort, wofür auch Harald Fischer stand.

Ein besonderes Anliegen ist mir außerdem die Ökumene. Anders machen als bisher werde ich organisatorisch, dass ich mit meinem Stellvertreter Martin Schöppe und dem Theologen-Ehepaar Ahr eng zusammenarbeiten will. Damit möchte ich auch deutlich machen, dass es in der Kirche in Zukunft nötig sein wird, in Teams zu arbeiten.

Was sehen Sie in den nächsten sechs Jahren als die wichtigsten Aufgaben im Dekanat?

Ein großes Thema ist die Zusammenlegung von Pfarreien. Das erlebe ich gerade in meiner eigenen Gemeinde, in der 2021 fünf Pfarreien fusionieren.

Wichtig ist, dass trotz größerer Einheiten die Gemeindearbeit vor Ort lebendig bleibt. Diesen Prozess, der in den nächsten Jahren alle Pfarreien in der Region betreffen wird, möchte ich als Dechant unterstützen – das war auch meine Motivation, für das Amt zu kandidieren.

Wie stehen Sie persönlich den Fusionen gegenüber?

Die Zusammenlegungen sind eine Notwendigkeit. Denn wir haben nicht mehr genügend Pfarrer. Es geht jetzt darum, neue Wege zu suchen, wer die Leitungsaufgaben vor Ort übernimmt, wenn kein Pfarrer da ist. Das kann nicht allein über das Ehrenamt geschehen.

Ich erlebe, dass viele Ehrenamtliche jetzt schon am Limit sind neben familiären und beruflichen Verpflichtungen. Es muss daher weiterhin hauptamtliche Strukturen geben, zum Beispiel mit mehr Kompetenzen für Pastoraltheologen, Diakonen oder Gemeindereferenten.

Sie sagen, Ökumene ist Ihnen wichtig. Warum?

Weil das Zusammenwachsen als Glaubensfamilie eine große Bereicherung ist. Es geht aber auch um Zukunftsfragen: In Kassel ist bereits weniger als die Hälfte der Bevölkerung noch Mitglied einer der christlichen Kirchen.

Wenn wir als Christen künftig noch Bedeutung haben wollen in der Gesellschaft, müssen wir auf Ökumene setzen und weiter zusammenwachsen.

Bei Familienfeiern wie Taufe oder Hochzeit erlebe ich immer wieder, dass die Menschen kein Verständnis mehr haben für die künstliche Trennung in katholisch und evangelisch. Ich sehe unsere Zukunft in einer gemeinsamen christlichen Kirche.

Zusammenarbeit der evangelischen und katholischen Kirche in Kassel:

Da gäbe es aber noch einige gravierende Unterschiede – etwa den Ausschluss von Frauen von Weiheämtern in der katholischen Kirche.

Ob wir eine Zukunft haben, hängt auch davon ab, ob wir die Frauen einbinden in alle Ämter und Dienste. Die Gesellschaft hat es längst erkannt, dass es eine Bereicherung ist, wenn Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Und in der katholischen Kirche ist es ja auch nicht so, dass die Frauen nur im Gemeindezentrum in der Küche stehen. Sie bringen auch spirituell ganz viel in die Kirche ein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sie nicht auch Priesterinnen und Diakoninnen sein sollten.

Neben der Rolle der Frau ist das Pflichtzölibat eins der Themen in der Diskussion. Was hoffen Sie, könnte sich in den nächsten Jahren verändern?

Ein erster Schritt, der uns voranbringen würde, wäre, das Pflichtzölibat abzuschaffen und Priestern freizustellen, ob sie ehelos leben wollen. Derzeit schauen wir gebannt auf die Amazonas-Synode, wo wegen des dramatischen Priestermangels Ausnahmen beim Pflichtzölibat gemacht werden sollen.

Das wäre auch bei uns möglich. Es ist ja so, dass auch in unserem Bistum mitunter schon verheiratete Priester aus Mazedonien als Urlaubsvertretung eingesetzt werden.

Würde man das Pflichtzölibat aufheben, könnten innerhalb kurzer Zeit Priester wieder zugelassen werden, die für eine Ehe aus dem Amt gegangen sind. Oftmals sind das bewährte und beliebte Pfarrer.

Und wie sehen Sie die Chancen für Frauen im Priesteramt?

Der nächste konsequente Schritt wäre das Diakonat der Frau. Auch das wäre organisatorisch in Kürze umsetzbar. Bei der Frage nach dem Priesteramt wird ein längerer Atem nötig sein, dafür braucht es ein Konzil mit entsprechendem Vorlauf.

Aber ein erster konkreter Schritt beim Zölibat oder der Frauenfrage wäre ein Türöffner für viele Menschen, die sich Bewegung innerhalb der Kirche ersehnen. Die absolute Starre lähmt – auch ich persönlich leide darunter. Wenn die Kirche sich nicht langsam öffnet, verpassen wir einen Aufschwung im Gemeindeleben. Die Zeit drängt.

Es gibt auch in Kassel Stimmen, die solche Reformen ablehnen. Wie wollen Sie konservative und progressive Kräfte unter einen Hut bringen?

Wichtig ist vor allem, dass wir uns gegenseitig in unseren unterschiedlichen Haltungen akzeptieren. Dafür möchte ich in der kirchlichen Gesprächskultur darauf achten, dass jeder zu Wort kommt. Aber auch, dass keiner persönlich wird oder den anderen als „unkatholisch“ ausgrenzt.

Nicht nur in der Kirche, auch in der Gesellschaft müssen wir lernen, Meinungen gelten zu lassen, die wir nicht teilen. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die gerade in der Tradition der katholischen Kirche ihre Stabilität und Heimat finden. Aber es gibt eben auch andere, die keine Heimat mehr finden, weil sich nichts bewegt.

Sie sind auf Umwegen zum Priesteramt gekommen. Ist es für die Seelsorge ein Vorteil, im weltlichen Leben Erfahrungen gemacht zu haben?

Ja, ich empfinde es als hilfreich, auch im normalen Berufsleben gestanden und Verantwortung für Mitarbeiter getragen zu haben. Ich weiß, was es bedeutet, unter einem wirtschaftlichen Arbeitsdruck zu stehen.

Ich habe aber in all den Jahren immer wieder gemerkt, dass die Theologie und der Weg Gottes mit uns Menschen mein Lebensthema ist. Deshalb bin ich froh, heute als Pfarrer arbeiten zu können.

Zur Person:

Martin Gies, geboren 1961 in Fulda, nahm nach dem Abitur ein Theologiestudium am Priesterseminar seiner Heimatstadt auf. Er schloss es jedoch nicht dort, sondern an der Universität Mainz mit dem Diplom ab.

Die Anstellung als Pastoraltheologe blieb ihm im Bistum Fulda verwehrt, weshalb er zum Buch- und Kunsthändler umschulte. Fast zehn Jahre arbeitete der Theologe in diesem Beruf. 1997 kandidierte er erneut für das Priesteramt. 1999 kam er als Kaplan an die Gemeinde St. Maria nach Kassel, seit 2002 ist er Pfarrer an Heilig Kreuz in Ihringshausen.

2010 übernahm er zusätzlich St. Wigbert in Reinhardshagen. In seiner Freizeit kümmert Martin Gies sich mit Leidenschaft um seinen Garten („mein Refugium“). Auch beim gemeinschaftlichen Wandern genießt er gern die Natur.

60.000 Katholiken im Dekanat

Das Dekanat Kassel-Hofgeismar ist eines von zehn Dekanaten im Bistum Fulda. Es reicht von Bad Karlshafen im Norden bis Baunatal im Süden und von Volkmarsen im Westen bis Reinhardshagen im Osten. Im Dekanat leben rund 60.000 Katholiken, davon knapp 32.000 in der Stadt Kassel.

Der Dechant leitet das Dekanat, vertritt einerseits den Bischof im Dekanat und ist andererseits Sprecher des Dekanats beim Bischof. Zu den weiteren Aufgaben gehört, die Kirche gegenüber außerkirchlichen Stellen zu repräsentieren. Außerdem sorgt sich der Dechant um die Priester, Diakone, Ordensleute und hauptamtlichen Laien in der Seelsorgearbeit.

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