Kick in 70 Metern Höhe

Abgestürzt aber weiter balanciert: Extremsportler aus Kassel überquert Stadion auf Slackline

Balanceakt: Jens Decke auf der 230 Meter lange Highline, die zwischen den Flutlichtmasten des Max-Morlock-Stadions in Nürnberg gespannt war.
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Balanceakt: Jens Decke auf der 230 Meter lange Highline, die zwischen den Flutlichtmasten des Max-Morlock-Stadions in Nürnberg gespannt war.

In 70 Metern Höhe: Der Extremsportler Jens Decke aus Kassel überquert ein Stadion in Nürnberg auf einer Slackline. Das geht beinahe schief.

Kassel – „Es war ein neues Gefühl für mich, vor so viel Presse zu laufen. Da war ich einen Augenblick unkonzentriert.“ Der 28-jährige Jens Decke aus Kassel spricht über den Augenblick am Montag, als er aus einer Höhe von 70 Metern im Max-Morlock-Stadion in Nürnberg um einen Meter abgestürzt ist. Angst habe er nicht gehabt, sagt der Extremsportler. Er habe ja gewusst, dass er durch ein Seil gesichert ist.

So rappelte sich Decke wieder auf, indem er sich mit dem Sicherheitsseil wieder auf das Seil zum Balancieren zog. Jens Decke gehört zu dem in Kassel gegründeten Verein Konnektonauten. Dieser besteht aus acht Extremsportlern aus Kassel, Dresden, München und Berlin, die den Kick in der Höhe suchen. Am Montag und Dienstag suchten sie diesen Kick in Nürnberg: Auf einem 230 Meter langen Gurtband – Highline genannten – balancierten sie zwischen den Flutlichtmasten des Nürnberger Stadions. Damit knackten sie einen Rekord. Denn solch eine lange Strecke ist noch niemand zuvor auf einer Slackline durch ein Stadion gelaufen. Auch Decke schaffte den Balanceakt im zweiten Anlauf.

Der Extremsportler: Jens Decke.

Erste Slackline-Versuche im Kasseler Nordstadtpark

Den Extremsport Slacklining hat der 28-Jährige, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel arbeitet, während seines Studiums für sich entdeckt. Decke stammt aus Eschwege und lebt seit 2013 in Kassel. Er studierte Umweltingenieurwissenschaften und Maschinenbau. Durch seinen Mitbewohner sei er vor Jahren auf das Highlinen, wie die Konnektonauten ihren Sport nennen, gekommen. Die ersten Versuche gab es im Kasseler Nordstadtpark, in dem sie ein Seil zwischen Bäume spannten. Auch im Bergpark Wilhelmshöhe seien sie unterwegs gewesen. „Da waren wir aber nicht so akzeptiert“, sagt Decke. Die Museumslandschaft Hessen Kassel habe etwas dagegen gehabt.

Und warum sind sie jetzt nichts ins Auestadion gegangen, sondern nach Nürnberg? „Das Auestadion war meine erste Wahl, es hatte auch schon Gespräche mit der Stadt gegeben“, sagt Decke. Allerdings seien diese „zäh“ gewesen. Es habe sich leider nicht entwickelt, dass die Konnektonauten zwischen den Flutlichtmasten in Kassel balancieren. Decke sagt aber auch, dass man in Kassel nur 160 Meter hätte zurücklegen können. Damit hätte man nicht den Rekord geknackt. Auf Nürnberg sei er dann gekommen, weil die Stadt etwa in der Mitte der Wohnorte aller Vereinsmitglieder liegt.

Extremsport für die documenta

Decke gibt die Hoffnung aber nicht auf, auch in Kassel seinen Extremsport zeigen zu können. Er mache sich derzeit Gedanken, was man anlässlich der nächsten documenta machen könnte. Die Extremsportler waren schon an vielen Orten in luftiger Höhe unterwegs: zum Beispiel in der Sierra Nevada in Spanien und über dem Lysefjord in Norwegen.

Warum macht man solch einen Sport? „Es ist eine Mischung aus körperlicher Aktivität und geistiger Anstrengung“, sagt Decke, der jedes Mal ein „mulmiges Gefühl in der Magengegend“ hat, bevor er das gerade einmal 2,5 Zentimeter breite Seil aus Polyester betritt. Wenn es dann losgehe, schiebe er das Gefühl aber beiseite und fokussiere sich auf sein Vorhaben. „Wenn ich da oben loslaufe, kann ich den Alltagsstress vergessen.“ (Von Ulrike Pflüger-Scherb)

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