Neue Prüfung angekündigt

Kassels Oberbürgermeister distanziert sich von der KVG-Liniennetzreform  - Nahverkehr soll wieder ausgebaut werden

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„Die Straßenbahn ist ein Pfund“, mit dem die Stadt Kassel wuchern könne, sagt Oberbürgermeister Christian Geselle. Unser Foto zeigt Bahnen der Linie 7 auf der Ihringshäuser Straße. 

In einem Interview räumt Oberbürgermeister Geselle Fehler bei der KVG-Liniennetzreform ein. Er kündigt eine erneute Prüfung der Bus- und Straßenbahnlinien an.

Kassel bräuchte mehr und nicht weniger öffentlichen Nahverkehr, meint der OB und kündigt eine erneute Prüfung der Bus- und Straßenbahnlinien an. Für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und für Korrekturen am bestehenden Bus- und Bahnsystem in Kassel spricht sich Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) aus.

Die erst im März 2018 wirksam gewordene Liniennetzreform der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) sei in mancherlei Hinsicht zu kurz gesprungen und in Teilen ein Fehler gewesen, räumt Geselle im Interview mit unserer Zeitung ein. Nach Einschätzung des Kasseler Oberbürgermeisters, der kraft Amtes auch Vorsitzender des KVG-Aufsichtsrats ist, geht es nun darum, denselben Fehler nicht noch einmal zu machen.

Er meint damit unter anderem die bei der Liniennetzreform gestrichenen Busverbindungen und Haltestellen sowie die Ausdünnung der Angebote in den weniger zentralen Stadtteilen wie Harleshausen.

Geselle: Neue ÖPNV-Angebote müssen geschaffen werden

Eine Großstadt wie Kassel brauche in Zeiten von Klimawandel und Mobilitätswende mehr öffentlichen Nahverkehr, betont Geselle. Damit künftig mehr Fahrgäste Straßenbahnen und Busse nutzen, müssten die Infrastruktur ausgebaut und neue ÖPNV-Angebote für Nutzer geschaffen werden. Die umstrittenen Kasseler Linien, auf denen Busse und Straßenbahnen seit dem vergangenen Jahr unterwegs sind, sollen deshalb erneut auf den Prüfstand kommen. 

Geselle kündigt an: Wo das AST nicht funktioniert, sollen wieder Busse her

Im nächsten Jahr werde man sich das Linien- und Streckennetz genauer anschauen, kündigt Geselle an. Und er stellt in Aussicht, dass dort, wo der als Ersatz für gestrichene Busverbindungen eingeführte Anruf-Sammel-Taxi (AST)-Service nicht funktioniert, in Zukunft wieder Busse eingesetzt werden. Die Umstellung könne dann zum Fahrplanwechsel im Dezember kommenden Jahres erfolgen. 

Liniennetzreform der KVG hat auch finanziell nicht funktioniert

Mit der KVG-Liniennetzreform sollten unter anderem die jährlichen Betriebskosten um rund eine Million Euro verringert werden. Nach Geselles Angaben wird auch dieses finanzielle Ziel der Netzreform nicht erreicht. Der von der Stadt Kassel zu leistende Verlustausgleich liege nach wie vor bei rund zehn Millionen Euro pro Jahr, unterstrich der OB als Kämmerer dieser Stadt. 

Positiv sieht er hingegen die kürzliche Vergabe der Konzessionen für den Kasseler Bus- und Straßenbahnbetrieb in den nächsten 22,5 Jahren an die KVG. Bis zum Jahr 2042 habe man damit Planungssicherheit. Für OB Geselle besteht darin die Chance, den öffentlichen Nahverkehr in Kassel jetzt auf die richtige Spur zu bringen.

Kasseler Linien seit März 2018 am Start

Nach heftigen Diskussionen und vielen Protesten war die von der Kasseler-Verkehrsgesellschaft (KVG) vorgelegte Reform ihres Liniennetzes von der rot-grünen Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen worden. Die Umstellung des Straßenbahn- und Busnetzes auf die neuen „Kasseler Linien“ erfolgte zum 1. März 2018. Ziel der Reform war es unter anderem, die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr zu erhöhen und die Betriebskosten zu verringern

Interview: Geselle räumt Fehler bei Linienreform ein und kündigt Ausbau an

Herr Geselle, Sie sollen die KVG-Liniennetzreform in einer Bürgersprechstunde als Fehler bezeichnet haben. Stimmt das?

Das stimmt nicht ganz. Aus heutiger Sicht bin ich der Meinung, dass die Liniennetzreform in Teilen ein Fehler gewesen ist. Und das habe ich auch so gesagt.

Was war denn falsch an der KVG-Reform?

In Zeiten der Mobilitätswende müssen wir das Thema neu denken. Wenn wir wirklich wollen, dass mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen, müssen wir mehr Mittel in den Ausbau der Infrastruktur und in das Personal investieren. Allein mit vergünstigten Fahrkarten werden wir den gewünschten Effekt nicht erreichen. Übrigens bin ich mir da mit anderen Oberbürgermeistern einig, das ist auch die Position im Deutschen und Hessischen Städtetag.

Ein Ziel der Reform war es, rund eine Million Euro bei den Betriebskosten zu sparen. Ist das gelungen?

Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass die sogenannten Ergebnis-Erreichungspotenziale der Reform nicht wirksam geworden sind. Das KVG-Defizit ist trotz der Mehrerlöse in einigen Bereichen nicht geringer geworden. Immerhin fließen jedes Jahr rund zehn Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt in den KVG-Mutterkonzern KVV. Und auch die Reform selbst hat Geld gekostet. Man muss sich schon fragen, ob das alles so zielführend war. Es gehört auch dazu, Fehler zuzugeben. Man darf nur nicht zwei Mal denselben Fehler machen.

Was heißt das konkret?

Mit der Straßenbahn haben wir in Kassel schon seit mehr als 100 Jahren Elektromobilität im ÖPNV. In ganz Hessen gibt es nur drei Städte mit Straßenbahn. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Wenn die Mobilitätswende gelingen soll, müssen wir das weiter ausbauen. Deswegen habe ich zum Beispiel das Ziel einer Straßenbahnlinie nach Harleshausen. Auch weil das nicht nur ein Verkehrsprojekt, sondern Stadtentwicklung für Mitte, Rothenditmold, Kirchditmold und Harleshausen ist. Um solche Projekte für den Klimaschutz umzusetzen, brauchen wir dafür aber auch die notwendigen Mittel.

Wer soll denn den Ausbau des ÖPNV bezahlen?

Wenn die auf Bundes- und Landesebene formulierten Klimaziele erreicht werden sollen, wird es nicht ohne zusätzliches Geld gehen. Bund und Land müssen Kommunen wie der Stadt Kassel ausreichend Mittel für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zur Verfügung stellen.

Mit der Reform wurden unrentable Linien gestrichen. Leiten Sie jetzt die Rolle rückwärts ein?

Nein, das ist eher eine Rolle nach vorn. Wir müssen in Fahrzeuge, Infrastruktur, Angebot und Personal  investieren. Es war ja nicht alles schlecht bei der Liniennetzreform, aber wir korrigieren jetzt und steuern nach. Erste Termine dazu wird es bald schon für die Bereiche Forstfeld sowie Harleshausen/Brasselsberg geben.

Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Trotz der Fortschritte bei der Technik werden Busse und Bahnen auch in naher Zukunft noch von Menschen gesteuert. Bus- und Bahnfahrer müssen dauerhaft besser bezahlt werden. Denn nur so können wir es vermeiden, dass es wegen personeller Engpässe – wie es diese auch schon zum Beispiel im Regiotram-Verkehr gegeben hat – zu Ausfällen und Streckenstilllegungen kommt. 

Auf meine Initiative hin hat der Aufsichtsrat den Vorstand der KVG ermächtigt, die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft Nordhessen (KVN) im Jahr 2020 aufzulösen und die Mitarbeiter direkt bei der KVG zu beschäftigen. Das hat nicht zuletzt tarifliche Vorteile für die rund 300 Beschäftigten.

Was hält die KVG von der neuen Strategie zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Kassel?

Die KVG macht das, was der Aufsichtsrat beschließt. Die Liniennetzreform war in einigen Bereichen einfach zu kurz gedacht. Wir haben daraus gelernt. Das hat auch mit einem Umdenken bei der Stadt und der KVG zu tun. Kürzlich hat die KVG die Konzessionen für den Bahn- und Busverkehr für die nächsten 22,5 Jahre erhalten. Damit haben wir bis 2042 Planungssicherheit und eine wichtige Grundlage, um diese Veränderungen anzugehen.

Wird es weitere vergünstigte Tickets geben?

Wir wollen in Infrastruktur und Personal investieren. Von weiteren Billigangeboten wie dem neuen 365-Euro-Seniorenticket halte ich nicht viel. Solche Tickets sind schön für die Begünstigten, sie allein werden aber nicht zu einem höheren Fahrgastaufkommen führen. 

Ich halte auch nichts davon, dass sich der NVV mit seinem Verbandsgebiet als Modellregion für ein generelles 365-Euro-Ticket bewirbt. Der damit verbundene Mehraufwand wird auf 22 Millionen Euro beziffert. 40 Prozent des NVV-Verkehrsaufkommens bildet die KVG ab. Das heißt: Die Stadt Kassel hätte davon rund neun Millionen Euro allein zu tragen. Das geht nicht.

Bekommen die Kasseler also alle Verbindungen, die bei der Reform gestrichen wurden, wieder zurück?

Wir gucken uns das 2020 noch einmal genau an. Wenn zum Beispiel ein Anruf-Sammel-Taxi (AST)-Service nicht den gewünschten Effekt bringt, dann muss es in diesen Bereichen wieder ein Busangebot geben. Vielleicht auch mit einem Kleinbus. Die Umstellung könnte dann zum Fahrplanwechsel im Dezember 2020 erfolgen.

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Kommentare

thodiAntwort
(0)(0)

Ich kann das jetzt nicht beurteilen, aber in Kommentaren zu früheren Berichten zum Thema KVG wurde auch schon was anderes behauptet.

Helmut Burghardt
(0)(0)

Und die beiden Ex-FDPler Janusch und Ernst haben diesen Unsinn als Mehrheitsbeschaffer mitgetragen, anstatt auf ihre damalige Partei zu hören.....

Inuxina
(0)(0)

Nur eine Frage...? Ist das der gleiche OB, welcher die "Reform" mit gr. Worten begrüßt hat und von einem bürgernahen Fortschritt gesprochen hat?

Kommentare

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