1920 Amtsantritt als Oberbürgermeister von Kassel 

Der Mann, der die Republik ausrief: Philipp Scheidemann vor 100 Jahren im Amt

Rede vor dem Kasseler Rathaus: Wenige Tage nach einem Attentat mit Blausäure zeigte sich der damalige Oberbürgermeister Philipp Scheidemann. Das war im Jahr 1922.
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Rede vor dem Kasseler Rathaus: Wenige Tage nach einem Attentat mit Blausäure zeigte sich der damalige Oberbürgermeister Philipp Scheidemann. Das war im Jahr 1922.

Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1920, trat der SPD-Politiker Philipp Scheidemann sein Amt als Kasseler Oberbürgermeister an.

Kassel – Der Mann hatte Humor, und er liebte seine Heimatstadt. Das hat er mit seinen „Geschichderchen“ unter dem Pseudonym Henner Piffendeckel immer wieder bewiesen. Und er hat eine ungewöhnliche politische Karriere gemacht. 

Seine Biografie war in den Anfängen eine sozialdemokratische Bilderbuchkarriere. Geboren wurde er 1865 mitten in der Kasseler Altstadt in einfachen Verhältnissen. Sein Geburtshaus stand in der Nähe des Altmarkts an der Michelsgasse 7. Die wurde in der Bombennacht komplett ausradiert. Der Vater war Tapezierer, der junge Philipp machte nach der Schule eine Ausbildung als Schriftsetzer. Bereits als 18-Jähriger trat er in die damals verbotene SPD ein.

Philipp Scheidemann arbeitete zehn Jahre bei verschiedenen Zeitungen

Früh begann er, selbst zu schreiben. Er arbeitete zehn Jahre lang bei verschiedenen Zeitungen außerhalb Kassels. Als er in seine Heimatstadt zurückkam, wurde er Chefredakteur des sozialdemokratischen Volksblattes und machte auch in der Partei Karriere. 

Philipp Scheidemann sicherte sich 1919 seinen Platz in den Geschichtsbüchern

In Berlin: Philipp Scheidemann am Fenster der Reichskanzlei. Hier rief er 1919 die Republik aus. 

Ab 1903 saß er im Berliner Reichstag – und zwar nicht als Hinterbänkler. Philipp Scheidemann wurde sowohl Fraktions- als auch Parteivorsitzender. Seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte er sich am 9. November 1918, als er vom Balkon des Reichstags die Republik ausrief.

Philipp Scheidemann war gegen den Versailler Vertrag - so kehrte er zurück nach Kassel

Und nach so einem Auftritt wird man Oberbürgermeister in Kassel? Geplant war das nicht. Doch Scheidemann sah in Berlin für sich keine Perspektive mehr. Ausschlaggebend war die Mehrheitsentscheidung seiner Fraktion für den Versailler Vertrag. Scheidemann hatte sich eindeutig dagegen ausgesprochen.

Kassel begrüßte Scheidemann nicht nur freundlich

Zurück in Kassel wurde der SPD-Politiker längst nicht nur mit offenen Armen empfangen. Als klar war, dass er Oberbürgermeister werden wollte, formierte sich bürgerlicher Widerstand. Der Mann habe doch überhaupt keine Verwaltungserfahrung, so die Kritiker, von denen viele ohnehin keinen Sozialdemokraten als Stadtoberhaupt haben wollten.

Video: Ausrufung der Republik - Auszüge aus der Rede von Philipp Scheidemann

Philipp Scheidemann setzte sich durch und wurde Oberbürgermeister von Kassel

Scheidemann setzte sich trotzdem durch. Mit den Stimmen der SPD und der Zentrumspartei wurde er zum Oberbürgermeister gewählt. Während seiner Amtszeit bis 1925 sah er sich immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Unrühmlicher Höhepunkt war ein Anschlag mit hochgiftiger Blausäure. 

Attentat auf Philipp Scheidemann im Bergpark Wilhelmshöhe

Attentäter aus dem rechtsradikalen Umfeld attackierten Scheidemann bei einem Spaziergang im Bergpark Wilhelmshöhe. Dort war er am Pfingstsonntag 1922 mit seiner Tochter Luise und der neunjährigen Enkelin Hanna unterwegs. 

Im letzten Moment konnte sich Scheidemann zur Seite abdrehen und bekam nur wenig von der giftigen Flüssigkeit ab. Da er mit einer Pistole bewaffnet war, konnte er die Attentäter in die Flucht treiben. Zwei von ihnen wurden später gefasst.

Philipp Scheidemann floh vor der NS-Diktatur ins Exil nach Dänemark

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen, wurde Scheidemann zu einem Verfolgten. Über die Schweiz, Frankreich und die USA flüchtete er ins Exil nach Dänemark. Dort starb er am 29. November 1939. Seine Asche wurde 1953 nach Kassel überführt. Auf dem Hauptfriedhof hat er seitdem ein Ehrengrab.

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