Ärztegenossenschaft rät: Nicht ohne Überweisung zum Facharzt

Zu wenig Nutzen - Das Ende der Praxisgebühr

Kassel. Seit dem 1. Januar dieses Jahres müssen Krankenversicherte keine zehn Euro Praxisgebühr mehr bezahlen. Außerdem ist es grundsätzlich möglich, einen Facharzt auch ohne Überweisung vom Hausarzt aufzusuchen.

Die Praxisgebühr wurde 2004 von der Politik mit dem Ziel eingeführt, vor allem unnötige Arztbesuche zu verringern. Rund zwei Milliarden Euro hatte die Gebühr pro Jahr in die Kassen der Krankenversicherung gespült. „Die Praxisgebühr hat ihr Ziel verfehlt, eine Steuerung der Arztbesuche wurde nicht erreicht“, sagt Karl Matthias Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Gleichzeitig habe sie zu einem hohen bürokratischen Aufwand in den Arztpraxen geführt. Der KV Hessen zufolge hat der Einzug der Praxisgebühr in den etwa 12 000 hessischen Praxen niedergelassener Ärzte etwa 4100 Euro im Jahr pro Praxis verursacht. Vor diesem Hintergrund sei die Abschaffung der Gebühr sinnvoll. 2011 wurden in Hessen mehr als 131 Millionen Euro an Praxisgebühren eingenommen. Für das vergangene Jahr liegen die Zahlen noch nicht vollständig vor.

„Es ist ein großer Segen, dass dieser bürokratische Aufwand abgeschafft wurde“, sagt auch Dr. Stefan Pollmächer, Vorstand der Kasseler Ärztegenossenschaft Doxs. Der Praxisablauf könne jetzt wieder patientenorientierter gestaltet werden. „Vor allem technische Untersuchungen können schneller ablaufen“, sagt er. Dem Doxs-Vorstand zufolge haben mit der Einführung der Praxisgebühr insbesondere die Facharztbesuche zugenommen. Pollmächer rät in diesem Zusammenhang, auch künftig nicht ohne Überweisung einen Facharzt aufzusuchen: „Auf diese Weise können alle Befunde beim Hausarzt zusammengeführt werden“, erklärt er. Der Hausarzt sei bei der Wahl des Facharztes ein wichtiger Ansprechpartner und Ratgeber. Außerdem könne die Beratung der Patienten verbessert werden, wenn dem Hausarzt alle Befunde vorlägen.

Gesundheitsfonds

Seit 2009 gilt in der gesetzlichen Krankenversicherung ein einheitlicher Beitragssatz. Die Beiträge werden nach den Einnahmen der Versicherten berechnet und fließen gemeinsam mit Steuergeldern in den Gesundheitssfonds. Daraus erhalten die Krankenkassen eine Grundpauschale pro Versichertem sowie weitere Zuweisungen, etwa zur Deckung von Verwaltungskosten. Dieses System soll laut Bundesgesundheitsministerium für gleiche Wettbewerbsbedingungen unter den Krankenkassen sorgen.

Das sagen die Krankenkassen

„Die Praxisgebühr ist als Steuerungs- und Finanzierungsinstrument von der Politik eingeführt worden“, sagt Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die derzeit insgesamt gute Finanzsituation der Krankenversicherung dürfe nicht über strukturelle Probleme hinwegtäuschen. „Die Ausgaben der Kassen steigen schneller als die Einnahmen“, sagt Marini. Da die Kassen auch Steuergelder erhalten, seien sie stark von der Bundesfinanzsituation abhängig. Ein großer Unsicherheitsfaktor bleibe die Konjunktur. Zudem seien Überschüsse ungleichmäßig verteilt. Das heißt, es gibt Kassen, die finanziell weniger gut dastehen. Laut Marini werden Finanzierungslücken in den kommenden zwei Jahren über den Gesundheitsfonds ausgeglichen. Geraten Krankenkasse in finanzielle Schwierigkeiten, dürfen sie bis zu acht Euro pro Monat an Zusatzbeiträgen erheben. „Konkret gibt es keine Hinweise, dass eine Krankenkasse zusätzliche Beiträge erhebt“, sagt die Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes. Jetzt erwartet der GKV-Spitzenverband von der Politik laut Marini Antworten vor allem auf zwei Fragen: Wie kann eine langfristige Finanzierung des Krankenversicherungssystems sichergestellt werden? Wie kann die Vermeidung medizinisch unnötiger Arztbesuche künftig besser gesteuert werden? (mkx)

Von Mirko Konrad

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.