Rotlichtmilieu hat sich verändert - Probleme mit Drogenstrich

Kassel: Prostituierte zieht es in die Wohnquartiere

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Kassel: Prostituierte zieht es in die Wohnquartiere

Kassel. Immer mehr Prostituierte verlassen den legalen Straßenstrich und bieten stattdessen ihre Dienste in Mietwohnungen an. Das bestätigen Polizei und Ordnungsamt. Diesen Trend stelle man anhand von vermehrten Anfragen fest, sagt Axel Heiser, Leiter des Ordnungsamtes.

Im Vorfeld erkundigten sich Rechtsanwälte und Steuerberater für ihre Mandantschaft, aber auch Immobilieneigentümer, ob bei einer Vermietung an Prostituierte ein Verstoß gegen die Sperrgebietsverordnung vorliegen würde. Im Sperrgebiet, davon sind in Kassel die Innenstadt und ein Bereich an der Holländischen Straße betroffen, sind Wohnungs- und Straßenprostitution verboten. Ausnahmen sind Wolfhager Straße und Schillerstraße. Zur Prostitution würden oft Wohnungen genutzt, die aufgrund ihrer Lage schlecht vermietbar seien.

Laut Heiser gibt es in Kassel allerdings keinen Schwerpunkt, wo sich die Prostituierten eine Wohnung anmieten. Bislang habe es kaum Beschwerden von Bürgern gegeben. Wohnungsprostitution komme in Wehlheiden genauso vor wie im Wesertor oder der Nordstadt. Auch wenn die Prostituierten verstärkt in Wohnungen arbeiten, so haben sie nach wie vor Zuhälter, sagt ein Kasseler Strafverteidiger. Allerdings habe sich auch die Zuhälterszene geändert: Der klassische Zuhälter falle im Stadtbild kaum mehr auf. Zwar warten nun weniger Frauen an der Wolfhager Straße auf Kundschaft, doch ist die Zahl der Prostituierten, die ihre Dienste auf dem illegalen Drogenstrich an der Gießbergstraße / Jägerstraße anbieten, unverändert hoch.

Wenn das Ordnungsamt hier Prostituierte erwischt, dann müssen diese mit einem Bußgeldverfahren rechnen. Dennoch kämen die Frauen immer wieder, auch Minderjährige böten ihre Dienste an, sagt Heiser. Solange es die Drogenproblematik gebe, komme man gegen die illegale Prostitution kaum an.

Hier herrscht weniger Verkehr

Statt an Wolfhager Straße bieten Prostituierte Dienste in Wohnungen an – Dumpingpreise auf Drogenstrich

Kassel. Über die Gründe, warum Prostituierte seit einiger Zeit vermehrt ihre Dienste in Wohnungen statt auf dem legalen Straßenstrich an der Wolfhager Straße anbieten, kann die Polizei auch nur Mutmaßungen anstellen. Die Arbeit in der eigenen Wohnung könne von den Frauen als bequemer empfunden werden als das Warten auf der Straße, sagt Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch.

Die Wohnungsprostitution biete sicher auch Vorteile für Freier. Wenn diese öfters auf der Wolfhager Straße hin- und herfahren würden, dann steige die Gefahr, dass sie ungewollt von Nachbarn, Bekannten oder Kollegen gesehen würden. Die Wohnungen der Prostituierten böten mehr Anonymität. Jungnitsch spricht von rund einem Dutzend Häusern in Kassel, in denen mehrere Wohnungen oder Etagen von Prostituierten angemietet worden seien. „Wir machen dort regelmäßig Kontrollen.“ Auch wegen des Verdachts des Menschenhandels.

Der komme auf, wenn sich Prostituierte aus Osteuropa in den Wohnungen aufhielten. Kontrolliert werden auch der legale Straßenstrich an der Wolfhager Straße und der illegale Drogenstrich an der Gießbergstraße/Jägerstraße. Werde eine Frau zum ersten Mal auf dem Drogenstrich erwischt, dann komme sie mit einer Belehrung davon. Beim zweiten Mal drohe ihr ein Ordnungswidrigkeitsverfahren und beim dritten Mal folge dann eine Strafanzeige wegen illegaler Prostitution, sagt Jungnitsch. Der Polizeisprecher weiß, dass auch Anzeigen die drogenabhängigen Frauen nicht abschrecken. „Da sind welche dabei, die haben schon 20 Anzeigen.“ Wenn die Polizei minderjährige Prostituierte auf dem Drogenstrich antreffe, dann werde das Jugendamt eingeschaltet. Ein Kasseler Anwalt, der die Frauen vertritt, spricht von einem „puren Elend“ auf dem Drogenstrich.

Aus blanker Not, um Drogen beschaffen zu können, verkauften sich die Frauen zum Teil für nur 20 Euro. Es komme vor, dass diese Frauen misshandelt würden, zudem würden sie auch von Freiern zum ungeschützten Geschlechtsverkehr unter Druck gesetzt. Es sei besorgniserregend, dass viele junge Prostituierte, vor allem aus Osteuropa, aus wirtschaftlicher Not heraus ihre Dienste oft für sehr wenig Geld anböten und ohne Kondome arbeiteten, sagt eine Sozialarbeiterin des Kasseler Vereins Frauen informieren Frauen (FiF). Mit seinem Projekt „Sicht-Bar“ kümmert sich der Verein seit 13 Jahren um Frauen, die sich prostituieren.

Die Streetworkerinnen, die der Schweigepflicht unterliegen, arbeiten kostenlos und anonym. Sie suchen die Frauen an ihren Arbeitsplätzen auf. Die in Kassel tätigen Sexarbeiterinnen, laut FiF gibt es eine hohe Dunkelziffer - wird auf 350 bis 400 geschätzt. (use/chr)

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