Sanierung der maroden Straße könnte sich über Monate verzögern

Umstrittene Fällung in Kasseler Heinrich-Heine-Straße: Galgenfrist für 90 Bäume

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Protest: Seit Dienstag hängen an allen 137 Linden in der Heinrich-Heine-Straße diese Plakate gegen die geplante Fällung.

Trotz des Protests gegen die Fällung von 90 Bäumen in der Kasseler Heinrich-Heine-Straße hält die Stadt an ihrer Planung fest. Für die Linden gibt es lediglich eine Galgenfrist.

Die Stadt Kassel hält an ihrer Planung fest: In der Heinrich-Heine-Straße sollen im Zuge der Straßensanierung von 137 Bäumen 90 gefällt werden. Mit der Rodung sollte an diesem Donnerstag begonnen werden. Dazu wird es aber nicht kommen: Ein Widerspruch der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) bei der Unteren Naturschutzbehörde hat eine aufschiebende Wirkung.

Es könnte sogar sein, dass sich die gesamte Sanierung der Straße über Monate verzögert. Denn wenn die Untere Naturschutzbehörde – was zu erwarten ist – im Sinne der Stadt entscheidet, könnte die SDW vor dem Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung klagen.

Diese Möglichkeit, die ein monate- oder gar jahrelanges Verfahren nach sich zöge, schließt der SDW-Landesvorsitzende Bernhard Klug nicht aus. „Zunächst aber sind wir gesprächsbereit“, sagt Klug. Er schlägt einen vereidigten Baumsachverständigen als Mediator vor. Dieser könne den Zustand der Linden unabhängig beurteilen.

Allerdings drängt die Zeit. Denn nach dem Naturschutzgesetz dürfen wegen der Brutzeit der Vögel die Bäume nur bis zum 28. Februar gefällt werden. Darüber hinaus ist das nur unter strengen Auflagen möglich und nur dann, wenn kein Vogel in den Bäumen nistet.

Stadtbaurat und Umweltdezernent Christof Nolda (Grüne) ist verärgert über das Verhalten der Naturschutzverbände SDW, BUND und Nabu, die alle drei die Fällungen kritisiert hatten. Alle drei Verbände seien über den Naturschutzbeirat an der seit drei Jahren laufenden Planung beteiligt gewesen. Von den Naturschützern sei aber im Vorfeld kein Widerspruch gekommen, so Nolda. Dies begründet die SDW damit, dass die in den Beirat berufenen Sachverständigen zur Verschwiegenheit verpflichtet seien.

Nolda verweist auf die Förderung von 700 000 Euro für die 4,5 Millionen teure Sanierung. Diese sei durch eine Bauverzögerung in Gefahr.

Hat die Stadt bei der Planung der Sanierung Verfahrensfehler gemacht?

Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Seit drei Jahren wird die Sanierung geplant. Alle Betroffenen wurden beteiligt: Es gab Bürgerversammlungen und Treffen mit Anwohnern und Eigentümern, wo diese sich mit Vorschlägen einbringen konnten. Auch die Ortsbeiräte wurden informiert und die Untere Naturschutzbehörde war involviert. Verbände wie BUND, Nabu und die Schutzgemeinenschaft Deutscher Wald waren über den Naturschutzbeirat beteiligt. Dieser hat nur beratende Funktion und wird von Sachverständigen besetzt, die von den Verbänden vorgeschlagen werden. Die Mitglieder des Beirats dürfen aber nicht über die Inhalte, über die beraten wurde, sprechen. Auch deshalb ist das Thema vermutlich erst so spät bei den Naturschützern aufgetaucht.

Warum gibt es den Protest dann jetzt?

Darüber darf gerätselt werden. Eine Rolle für den Protest spielt vermutlich, dass das Fällen der Bäume unmittelbar bevorsteht und die Auswirkungen deutlich werden. Kaum jemand protestiert gegen eine Planung oder beschäftigt sich im Vorfeld intensiv damit. Auf die Straße geht man erst, wenn Bagger rollen oder Motorsägen angeworfen werden. Wer kein Anwohner ist, hat aber vermutlich erst durch die jüngste Berichterstattung Wind von der Sache bekommen.

Muss die Heinrich-Heine-Straße überhaupt saniert werden?

Ohne Zweifel. Sie ist eine der schlechtesten Straßen in Kassel. Schlaglöcher, kaputtes Pflaster, Teerflecken, bröckelnde Bordsteine. Ihr Zustand wird wie in der Schule mit Note sechs bewertet.

Und warum müssen bei der Sanierung 90 der 137 Bäume in der Straße weg?

Dies hat nach Auskunft der Stadt mehrere Gründe: Zum einen soll die Straße umgestaltet werden. Aktuell ist die Fahrbahn bis zu zwölf Meter breit. Sie soll deutlich schmaler (5,50 Meter) werden. Mehrere Parkbuchten und Ausbuchtungen sollen für eine Verkehrsberuhigung sorgen. Zudem sind breitere Gehwege (aktuell nur 1,70 bis zwei Meter breit) und großzügigere Grünstreifen (aktuell unter einem Meter) geplant. In diese Planung ließen sich die Bäume nicht integrieren, so die Stadt.

Ein weiterer Grund sind die Tiefbauarbeiten, um neue Leitungen zu verlegen. Dadurch sind auch die Wurzelbereiche der Bäume betroffen. Zudem hätten schon jetzt die meisten Linden schlechte Standortbedingungen. Einige seien in einem so schlechten Zustand, dass sie die Bauarbeiten langfristig nicht überstehen würden.

Aber es sind doch sicher Nachpflanzungen geplant?

Es sollen 122 neue Bäume gepflanzt werden – also 32 mehr als gefällt werden. „Wir versuchen, bei allen Bauprojekten immer mehr Bäume zu pflanzen, als wir fällen“, sagt Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne). Statt der Sommerlinden, die wegen des klebrigen Honigtaus bei einigen Autofahrern verhasst sind, sollen Silberlinden, Eichen, Feld-Ahorne und Blauglockenbäume gepflanzt werden. Diese sollen einen Stammumfang von 20 bis 25 Zentimetern haben. Größere Bäume anzupflanzen, sei zu teuer, so die Stadt. Zudem bestehe bei größerem Stammumfang die Gefahr, dass die Bäume nicht richtig anwachsen.

Wann wird nun gerodet?

Das weiß zurzeit niemand. Es hängt davon ab, ob sich die Stadt und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, die Widerspruch eingelegt hatte, außergerichtlich einigen können.

Im Fall, dass die Bäume doch demnächst gefällt werden: Erfährt die Öffentlichkeit das rechtzeitig?

Das hat Dezernent Christof Nolda zugesagt. Er werde über jeden Schritt der Stadt und des weiteren Verfahrens informieren.

Wurden die Anlieger der Straße gehört?

Ja. Bei einer Versammlung waren 71 Grundstückseigentümer anwesend. Den meisten ging es damals um eine Verkehrsberuhigung der Straße. 13 Anlieger waren für den Erhalt der Allee.

Wie verhalten sich eigentlich die Parteien zu dem Problem?

Unterschiedlich. Von der SPD, der CDU, den Grünen, FDP, Freien Wählern und Piraten hört man nichts. Gemeldet haben sich nur die AfD und die Kasseler Linke. Beide protestieren gegen das Fällen der Bäume. Die Linke betont, in Zeiten des Klimawandels müsse jede Chance, Bäume zu erhalten, genutzt werden. Die AfD erklärt, Nolda und das Gartenamt würden mit dem Fällen der Bäume für eine erhöhte Lärmbelästigung der Anwohner und eine Verschlechterung des Stadtklimas sorgen.

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