Protest: Critical Mass in Kassel

„Auf manchen Kasseler Straßen herrscht Krieg“ - Radfahrer wollen mehr Rechte

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So schön kann Verkehr sein: Teilnehmer der Critical-Mass-Bewegung im April vor dem Fridericianum. Gemeinsam radeln sie jeden letzten Freitag im Monat über Kassels Straßen.

Kassel. Für den Radfahrer Gregor Anselmann war es ein Schock, als er nach Kassel zog. Der 38-Jährige lebte lange Zeit in Berlin und Frankfurt, wo es mehr Verkehr als in Kassel gibt, aber deutlich bessere Bedingungen für Radfahrer als in Nordhessen, wie er sagt.

Wenn der Lehramtsstudent nun durch Harleshausen oder Bettenhausen fährt, wird er von Autofahrern angehupt, geschnitten und beschimpft. „Auf manchen Kasseler Straßen herrscht Krieg“, sagt Anselmann.

Nun gibt es jedoch auch in der Autofahrerstadt Kassel eine Bewegung, die dem Rad zu mehr Beachtung verhelfen soll. Critical Mass (kritische Masse) nennt sich die Rundfahrt, zu der sich seit vorigem Sommer bis zu 300 Velo-Freunde vor dem Fridericianum treffen und dann über Kassels große Straßen rollen, auf die man sich als einzelner Radfahrer kaum trauen würde.

Gregor Anselmann

16 Teilnehmer müssen es laut Straßenverkehrsordnung sein. Dann dürfen Radler zu zweit nebeneinander und im Verbund komplett über Kreuzungen fahren – die letzten auch bei Rot. Autofahrer müssen warten.

Die Critical-Mass-Bewegung entstand in den 90ern in Kalifornien. Jetzt wird sie in Deutschland ebenfalls zum Massenphänomen. Bereits 160 Zusagen gibt es auf der Kasseler Facebook-Seite für die nächste Fahrt am Freitag. Die Teilnehmer organisieren sich über soziale Netzwerke selbst. Es ist eine Revolution von unten. Für Anselmann, der von Anfang an mitfuhr, ist der Zuspruch „ein Anzeichen für den Imagewandel des Radfahrens“.

Es ist schick, nachhaltig und zeitsparender, als mit dem Auto im Stau zu stehen. Trotzdem liegt der Anteil des Radverkehrs in Kassel nur bei sieben Prozent. In Freiburg sind es 28 Prozent. Anselmann glaubt nicht, dass der gerade vorgestellte Verkehrsentwicklungsplan daran etwas ändert.

Es fehlen durchgehende Radwege. An manchen Ampeln müssen Radfahrer dreimal so lang warten wie alle anderen, sagt Anselmann. Gegen diese Benachteiligung richtet sich Critical Mass. Man kann es auch anders formulieren. Die Autorin Bettina Hartz nennt die Rundfahrt im Magazin „Fahrstil“ „eine Feier der schönsten Fortbewegungsart der Welt“.

Von Matthias Lohr 

Critical Mass in Kassel: Freitag, 30. Mai, und jeden letzten Freitag im Monat. Treffpunkt ist um 18 Uhr am Fridericianum. www.criticalmasskassel.blogspot.de

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