Streitgespräch

Rassismus im Kasseler Bergpark: „Wir dürfen nichts beschönigen“

War Teil des chinesischen Dorfs: Pagode am Mulang im Bergpark Wilhelmshöhe.  
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War Teil des chinesischen Dorfs: Pagode am Mulang im Bergpark Wilhelmshöhe.

Wurden im Kasseler Bergpark 50 schwarze Menschen in einem Menschenzoo ausgestellt? Ein Streitgespräch über den Umgang mit dem kolonialen Erbe. 

Kassel – Mit Stadtrundgängen und einer Internet-Karte über rassistisch belastete Orte in Kassel hat die Uni-Initiative „Kassel postkolonial“ in diesem Jahr für Aufsehen gesorgt. Es gab viel Lob, aber auch Kritik – etwa an der These, dass in dem ab 1780 von Landgraf Friedrich II. angelegtem chinesischen Dorf Mulang 50 schwarze Menschen in einer Art Menschenzoo ausgestellt worden seien.

Kritiker aus dem Welterbe-Verein sind sich dagegen sicher, dass es lediglich drei schwarze Frauen waren. Die seien aus der Sklaverei befreit worden, um Teil des Aufklärungsprojekts Bergpark zu werden. Wir haben uns mit dem Politik-Professor und „Kassel postkolonial“-Mitglied Aram Ziai sowie dem Buchgestalter und Hobby-Historiker Friedrich Forssman zum Streitgespräch getroffen. Ort war das Haus von Forssman am Mulang, der die Seite kassel-wilhelmshoehe.de betreibt.

Herr Ziai, wir befinden uns hier am Mulang. War das gleichnamige chinesische Dorf ein rassistischer Ort?
Ziai: Der Bergpark Wilhelmshöhe ist per se sicher kein rassistischer Ort. Aber die Praxis, Menschen, die als Eigentum galten, aufgrund ihrer exotischen Herkunft im einstigen Dorf Mulang zur Schau zu stellen, ist in jedem Fall eine rassistische Praxis.
Sehen Sie das ähnlich, Herr Forssman?
Forssman: Die drei schwarzen Frauen im Dorf Mulang waren ausdrücklich freigekauft. Aber natürlich war ihre Zurschaustellung eine Praxis, die heute sehr konsterniert.
Ziai: Bis zu einem gewissen Maße gibt es Zurschaustellungen heute auch. Darum weisen wir als „Kassel postkolonial“ auf Kontinuitäten hin. Wir müssen uns bewusst werden, dass vieles zwar lange her ist. Aber wenn wir genau hingucken, finden wir immer wieder Spuren davon. Freunde von mir werden aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe gefragt, ob sie nicht trommeln oder einen afrikanischen Tanz aufführen können.
Können Sie das nachvollziehen, Herr Forssman?
Forssman: Ja, aber derlei hat heute eine andere Dimension. Und Sie, Herr Ziai, sind Teil einer Gruppe, die eine sehr abstrakte Kassel-Karte veröffentlicht hat. Auf Ihrer Seite kassel-postkolonial.de werden Probleme in Kassel verortet, die wenig miteinander zu tun haben – vom chinesischen Dorf Mulang bis zum Mord an Halit Yozgat durch den NSU. Das wirkt wie eine Anklage gegen die ganze Stadt. Eine Aktivistengruppe, die Straßenschilder in der Afrika-Siedlung im Forstfeld überklebte, sprach sogar von „Orten der Schande“. Es gab Farbe und Gips am Denkmal in der Aue. Das alles ist eine Selbstgerechtigkeit und ein Aktivistentum, das nichts zu tun haben kann mit universitärem Erkenntnisinteresse.
Ziai: Uns geht es in keiner Weise um eine Anklage gegen die Stadt Kassel, die wir sehr schätzen. Nichtsdestotrotz müssen wir uns vergegenwärtigen, dass unsere Gesellschaft durch mehrere Jahrhunderte Kolonialismus geprägt wurde – auch hier. Darum fragen wir, inwiefern Ereignisse und Verbrechen in einem Zusammenhang stehen. Wo haben etwa die Mörder des NSU ihr Weltbild her? Aus einem Rassendenken, das schon vor dem Nationalsozialismus angefangen hat. Die Wurzeln reichen zurück bis zum Anatomen Samuel T. Soemmerring, der im 18. Jahrhundert in Kassel forschte und eine Studie über die Unterschiede von „Mohren“ und Europäern veröffentlichte.
Kritiker werfen Ihnen allerdings unwissenschaftliches Arbeiten vor.
Ziai: Das empfinden wir als ungerechtfertigt, weil wir mit zahlreichen Quellen arbeiten. Zudem wurde uns vorgeworfen, wir würden einem „fanatischen Aktionismus“ den Weg bereiten. Ist es fanatisch, wenn Leute Straßenschilder überkleben, die an Kolonialverbrecher erinnern, während wenige Monate vorher rassistische Morde an einem CDU-Politiker und Menschen in Shisha-Bars verübt wurden? Da geht mir die Verhältnismäßigkeit verloren. Diese Morde und das Ausstellen schwarzer Menschen stehen in einem historischen Zusammenhang mit einem Denken in „Rassen“.
Forssman: Man muss das Schreckliche erforschen und darf nichts beschönigen. Die Geschichte des chinesischen Dorfes Mulang ist allerdings vielschichtiger, wie Sie in dem Aufsatz von Wolfram Schäfer nachlesen können. Anhand vieler Quellen beschreibt er plausibel die Geschichte von drei schwarzen Frauen, eine davon mit Kind, die hier gelebt haben. Mit ziemlicher Sicherheit wurden sie nicht von Soemmerring untersucht. Sie dagegen schreiben von 50 schwarzen Menschen. So geht das nicht. Es ist unvorstellbar, was die drei Frauen erlebt haben müssen. Aber der Landgraf hat sie freigekauft. Sie waren Teil eines Aufklärungsprojekts. So sah man das damals. Ihr aktivistischer Text leistet unserem gemeinsamen Interesse einen Bärendienst.
Wer von Ihnen hat recht?
Ziai: Wir haben festgestellt, dass sich Quellen widersprechen. In manchen ist von drei schwarzen Menschen die Rede, in anderen von 50. Bei Schäfer klingt es, als sei es den Menschen hier nur gut gegangen. Dabei sind sie versklavt, als Kriegsbeute geraubt und auf einen anderen Kontinent transportiert worden. Es hat Selbstmorde unter ihnen gegeben. Soemmerring hat aber auch eine Frau seziert, möglicherweise auch das Kind einer der Frauen. Woher nimmt man die Sicherheit, dass die von Soemmerring sezierten Leichen auf keinen Fall aus dem Bergpark stammen? Unsere einzige Erklärung ist: Die Leute, die das alles so vehement abstreiten, versuchen, den Bergpark möglichst nicht mit unangenehmen Sachen in Verbindung zu bringen.
Wollen Sie das Erbe des Bergparks sauber halten, Herr Forssman?
Forssman: Ich will den von mir geliebten Bergpark nicht reinwaschen. Aber wenn man sich den Plan von damals ansieht, auf dem ein „Mohren Hauß“ verzeichnet ist, erscheint die Zahl von drei Bewohnern sehr plausibel. Aus drei Frauen 50 schwarze Menschen zu machen, finde ich zynisch. Das klingt, als wären Ihnen 500 noch lieber und 50 000 am allerliebsten.
Ziai: Wir haben uns die Zahlen doch nicht ausgedacht, sondern aus wissenschaftlichen Arbeiten zitiert.
Man muss also vielleicht damit leben, dass die Situation nicht so eindeutig ist, wie beide Seiten geglaubt haben.
Ziai: Das kann gut sein. Darum werden wir unsere Webseite entsprechend abändern. (Anmerkung der Redaktion: Das ist gerade geschehen).
Forssman: Wenn Sie auf Ihrer Webseite künftig nachvollziehbare Quellen zitieren, werde ich meine Internetseite ebenfalls überarbeiten.
Soemmerring gilt seit seinen Kasseler Studien als Mitbegründer des wissenschaftlichen Rassismus. Kann man diesem Mann noch einen Platz widmen wie in Kirchditmold, Herr Forssman?
Forssman: Diese Darstellung wird Soemmerring nicht gerecht, man muss sich das Gesamtbild ansehen. Er hat sich etwa auch im Kampf gegen Cholera verdient gemacht.
Ziai: Da müssen wir ganz klar Position beziehen. Soemmerring ist ein Begründer der Rassenlehre, die so viel Unheil über die Welt gebracht hat. Es stört mich, wenn in so einem klaren Fall gesagt wird, dass wir auch seine Verdienste würdigen müssen. Beim Nationalsozialismus würde auch niemand sagen: „Aber die schönen Autobahnen, die Hitler gebaut hat.“ Wenn so klar Verbrechen begangen wurden, kann man die Verbrecher nicht ehren – selbst wenn sie vielleicht auch etwas Gutes getan haben.
Forssman: Ich finde es verwunderlich, dass Sie von Soemmering gleich zum Nazi-Vergleich kommen.
Ziai: Das ist ganz einfach. Die Ursprünge der Rassenlehre der Nazis liegen gerade in der Aufklärung – und damit auch bei Soemmerring. Genau das ist das Widersprüchliche.
Forssman: Zum chinesischen Dorf Mulang ein Vorschlag: Dort gibt es zwei kleine Gebäude, die einst als Küchen für den nicht mehr vorhandenen Glas-Speisesaal dienten. Man könnte dort Ausstellungsräume einrichten. Im einen Gebäude wird der Zusammenhang zwischen dem Bergpark und der Aufklärung dargestellt. Im anderen Haus könnte man an die schwarzen Menschen erinnern. Und Sie sorgen dafür, dass es nicht zu Vandalismus kommt.
Ziai: Das ist eine wunderbare Idee, aber ich möchte nicht dafür in die Pflicht genommen werden, wenn es doch passiert.
Bevor es zu harmonisch wird: Herr Ziai, kaufen Sie in der Mohren-Apotheke am Bebelplatz ein, deren Umbenennung „Kassel postkolonial“ fordert?
Ziai: Nein, schon weil ich nicht in der Nähe des Bebelplatzes lebe. Ich verstehe den Einwand, dass der Name von der Begriffsgeschichte her einen positiven Bezug hat, weil er auf die Mauren und ihre fortgeschrittene Heilkunst verweist. Auf der anderen Seite wird der Begriff schon lange abwertend und negativ gebraucht. Wenn es Leute verletzt, die nicht so bezeichnet werden wollen, kann man nicht sagen, dass das alles nicht so gemeint ist.
Forssman: Aber die Mohren-Apotheke sagt ja nicht: Schwarze Menschen sollen Mohren genannt werden. Der Name kann positiv gesehen werden. Sollen sich sonst auch Menschen, die Moritz heißen, umbenennen? Etymologisch ist es das gleiche Wort. Wenn Aktivisten dann noch Schaden anrichten und einen Buchstaben übermalen, finde ich das schwach. Das ist kein Mittel, Leute für seine Position einzunehmen.
Ziai: Die Mohren-Apotheke steht allerdings in einem Kontext. 100 Meter weiter gibt es eine Bäckerei, die „Mohrenköpfe“ verkauft. Spätestens da kann man nicht mehr sagen, dass das begriffsgeschichtlich einen positiven Hintergrund hätte.
Herr Forssman, haben Sie noch den Eindruck, dass Ihnen ein „selbstgerechter Aktivist“ gegenübersitzt?
Forssman: Ich meinte die Website, nicht Herrn Ziai. Und ich finde sehr gut, dass wir nun im Gespräch sind.

Aram Ziai wurde am am 9. Oktober 1972 in Würselen geboren, studierte Soziologie, Geschichte und Anglistik in Aachen und Dublin und ist Politik-Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel.

Friedrich Forssman wurde am 8. März 1965 in Nürnberg geboren, absolvierte eine Schriftsetzerlehre in Bamberg und ein Grafikdesignstudium in Darmstadt und Mainz. Er lebt als Buchgestalter und Typograph in Kassel und wird von Kritikern als „Schriftgott aus Kassel“ gefeiert. (Matthias Lohr)

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